Desirée Syring will Menschen ermutigen, sich mit der Vergangenheit ihrer Angehörigen zu beschäftigen. Foto: Simon Granville
Die Eberdingerin Desirée Syring ist die Enkelin zweier Wehrmachtsoldaten. Sie hat die Vergangenheit ihrer Großväter während der NS-Zeit aufgearbeitet – und eine Verantwortung erkannt.
Als Desirée Syring in der zehnten Klasse das Konzentrationslager in Dachau besucht hat, war das zwar eindrücklich, aber trotzdem weit weg. Weit weg von der eigenen Lebensrealität und zu dem Zeitpunkt auch noch weit weg von den eigenen Interessen. Doch als sie später nach Tübingen zieht und der Bibelkurs ihrer Gemeinde einen Ausflug nach Weißrussland macht, fragt sie sich das erste Mal: Wo waren eigentlich meine Großväter im Krieg? Mit dieser Frage beginnt eine Aufarbeitung ihrer familiären Vergangenheit, die sie bis heute beschäftigt.
Wenn Desirée Syring erzählt, wie die Suche in der Vergangenheit ihrer Familie angefangen hat, kommen ihr die Tränen. Weißrussland war für die Deutschen reines Aufmarschgebiet, die Menschen dort galten als minderwertige, menschliche Schutzschilder. Bei ihrem Besuch in Minsk damals habe ihnen eine Frau gezeigt, wo sich ihre Mutter erhängt hat. Am Ende seien sie vor einem Massengrab gestanden. „Ich wusste, das waren wir Deutsche, das war meine Familie“, sagt Syring. „Da habe ich das erste Mal über die deutsche Geschichte geweint.“
Der eigene Bezug macht betroffen
Zurück zu Hause stellt sie einen Antrag bei der Wehrmachtsauskunftsstelle (WASt) und beginnt, ihre Familienangehörigen zu befragen. Ihre Großväter leben zu der Zeit beide nicht mehr. Beide hätten kaum über den Krieg gesprochen, der eine habe nur immer wieder von der Kameradschaft erzählt.
Die WASt führt Informationen über Dienstlaufbahnen, Auszeichnungen, Verwundungen, Krankheiten oder Todesfälle, Mitteilungen über in Kriegsgefangenschaft geratene, vermisste oder aus dem Dienstverhältnis ausgeschiedene Soldaten. „Eigentlich hätte man das im Geschichtsunterricht machen sollen“, sagt Syring.
Desirée Syrings Großvater war in der SS und NSDAP-Mitglied. Foto: Anna-Sophie Kächele
Denn echte Betroffenheit stellt sich, so Syring, oft erst dann ein, wenn ein persönlicher Bezug besteht – etwa wenn der eigene Großvater an den Schlachten von Rschew beteiligt war, einer der verlustreichsten Kämpfe des Zweiten Weltkriegs.
Als Desirée Syring damals anfing, Fragen zu stellen, „hatten manche Verwandte Angst, dass ich den Familiennamen in den Dreck ziehe“, erzählt sie. Denn die Verantwortung, die sie empfindet, trägt sie auch nach außen.
Syring engagiert sich bei der Initiative „Marsch des Lebens“, bei der Nachkommen deutscher Wehrmachts-, Polizei- und SS-Angehöriger Gedenk- und Versöhnungsmärsche veranstalten. Die 40-Jährige nimmt selbst teil, spricht auf der Bühne oder organisiert eigene Märsche des Lebens – und nennt dabei auch die Namen ihrer Großväter. „Nur dann macht es wirklich einen Unterschied“, sagt sie. Wenn Holocaust-Überlebende dabei seien, entschuldige sie sich, sage, dass sie an der Seite von Israel stehe und ihr Bestes tue, dass so etwas wie damals nicht wieder passiert.
Seit dem Beginn der Bewegung im Jahr 2007 haben bisher Märsche in mehr als 20 Ländern und hunderten Städten und Ortschaften stattgefunden – hier in Stuttgart. Foto: Anna-Sophie Kächele
Jahrelang ist sie mit ihren Geschwistern durch Unterriexingen zu ihrer Oma gefahren, ohne zu wissen, dass dort einst ein Konzentrationslager stand. Zwar gibt es dort mittlerweile ein Mahnmal – dass im Ort aber auch ein Stollen, ein Steinbruch, ein Flugplatz und ein Krankenlager für Zwangsarbeiter stand, wusste selbst ihr Vater, der im Ort aufgewachsen ist, lange nicht. „Das ist nicht gekennzeichnet“, sagt Syring.
Am 20. April organisiert sie wieder einen eigenen Marsch des Lebens. Dieses Mal in Sachsenheim. Mit dabei ist auch Bürgermeister Holger Albrich: „Meine Generation – ich bin Jahrgang 1970 – hatte noch einen Bezug zur Zeit des Nationalsozialismus durch Eltern oder Großeltern, die darüber berichten konnten“.
Jüngere Menschen hätten diese Möglichkeit der persönlichen Berichte nicht. „Gleichzeitig war die Gefahr durch rechtsextremistische Bestrebungen und Parteien zu meiner Kindheit und Jugend viel geringer als heute“, sagt er. Den Nationalsozialismus zu relativieren, unsere Erinnerungskultur in Frage zu stellen oder gar anzugreifen, das seien damals bedauerliche Einzeläußerungen. Heute nehme man das deutlich öfter wahr.
„Ich bin froh, nicht damals gelebt zu haben“
Nach einem Marsch des Lebens kann Desirée Syring oft kaum schlafen, die Erzählungen hallen nach, die Erzählungen von Holocaust-Überlebenden und ihren Angehörigen brennen sich ein. Sich immer wieder mit den Gräueltaten von damals zu beschäftigen, kostet Kraft. „Ich merke direkt, wenn ich mich länger nicht damit befasst habe, entsteht eine Distanz“, sagt sie.
Was ihr ganz wichtig ist: Sie selbst wolle sich nicht über andere stellen. „Ich glaube, ich hätte damals auch mitgemacht, weil man sich nicht getraut hat, was dagegen zu sagen.“ Sie sei froh, nicht damals gelebt zu haben. Gleichzeitig spreche es sie nicht von ihrer Verantwortung frei. Es sei das gleichgültige Schweigen der Mehrheit gewesen, das den Holocaust überhaupt ermöglicht habe. Eine Gleichgültigkeit, die auch heute den Weg für Antisemitismus und Fremdenhass bahne.
Marsch des Lebens Sachsenheim
Treffpunkt Der Marsch wird am 20. April um 17 Uhr beim Sachsenheimer Bahnhof starten.
Route Die Strecke geht durch Sachsenheim mit einem Stopp beim ehemaligen Flugplatz. Am Krankenlager für Zwangsarbeiter wird es eine Gedenkveranstaltung geben und die Möglichkeit, Rosen beim Friedhof für Zwangsarbeiter abzulegen.