Gedenken an den Zweiten Weltkrieg Das „Nie wieder“ bröckelt
Am 8. Mai 1945 endete der Zweite Weltkrieg. Heute, achtzig Jahre später, verblassen seine wichtigsten Lehren, kommentiert Rainer Pörtner.
Am 8. Mai 1945 endete der Zweite Weltkrieg. Heute, achtzig Jahre später, verblassen seine wichtigsten Lehren, kommentiert Rainer Pörtner.
Wer daran geht, Geschichte zu deuten, will immer auch Einfluss auf die Zukunft gewinnen. Die Art, wie wir erinnern, sagt viel darüber aus, wie wir weiter leben wollen.
„Nicht das Erinnern ist eine Last. Das Nichterinnern wird zur Last. Nicht das Bekenntnis zur Verantwortung ist eine Schande – das Leugnen ist eine Schande!“ Dies waren die Schlüsselsätze, als Frank-Walter Steinmeier vor fünf Jahren des Endes des Zweiten Weltkriegs am 8. Mai 1945 gedachte.
In dieser Rede des Bundespräsidenten schwang viel Enttäuschung mit, fast schon Verzweiflung. Schon damals war zu spüren, dass die Lehren aus dem Zweiten Weltkrieg, aus dieser größten Katastrophe der deutschen Geschichte, zunehmend vergessen, missachtet und umgedeutet werden. Heute, fünf Jahre später, ist die Lage noch weit schlimmer. Was sind die Lehren aus dem Zweiten Weltkrieg? Was sollten sie jedenfalls sein? Sie müssen ein vielfaches „Nie wieder!“ bleiben: Nie wieder Krieg! Nie wieder Nationalismus! Nie wieder Diktatur!
Aber die bittere Wahrheit ist, dass achtzig Jahre nach der bedingungslosen deutschen Kapitulation, nach millionenfachem Tod und unfassbarem Leid immer weniger Menschen diese Lehren achten wollen. Das gilt für die Deutschen, die Verursacher und Verlierer dieses verheerenden Krieges, aber aktuell noch mehr für einige der damaligen Siegermächte.
Nie wieder Krieg? Hitler-Deutschland hatte einen ruchlosen Eroberungsfeldzug geführt. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es deshalb ein globales Bemühen, international gültige Regeln und kollektive Schutzmechanismen zu etablieren, damit nie wieder Grenzen mit militärischer Gewalt verschoben werden. Diese regelbasierte Ordnung ist heute in größter Gefahr. Russland hat den Angriffskrieg zurück nach Europa gebracht – und ausgerechnet die USA, die als zweite große Siegermacht des Zweiten Weltkriegs genau diese Ordnung federführend erschaffen haben, legen unter Donald Trump jetzt selbst die Axt an das Völkerrecht und das System der Vereinten Nationen.
Nie wieder Nationalismus? Hitlers Krieg und der Holocaust wurden angetrieben durch einen völlig enthemmten Nationalismus. Dem wurde nach 1945 ein Bemühen um Völkerfreundschaft, um einen aufgeklärten Patriotismus und supra-nationale Verbünde wie die EU entgegengesetzt. Heute müssen wir feststellen: Nationalisten sind fast überall auf dem Vormarsch. Trumps „America First“ ist nur eine der vielen Methoden, Nationen gegeneinander aufzuhetzen.
Nie wieder Diktatur? Wer über den 8. Mai 1945 spricht, muss vom 30. Januar 1933 reden – dem Tag, an dem Adolf Hitler die Macht übernahm. Deutschland konnte nur deshalb in einen totalen Krieg mit totaler Niederlage geführt werden, weil die Demokratie zerstört und durch eine Diktatur ersetzt worden war. Ein demokratischer Verfassungsstaat, das galt bisher als breiter Konsens im sogenannten Westen, ist deshalb die beste Versicherung gegen neues Unrecht, gegen neue Kriege. Aber auch dieser Konsens zerfällt. Die westlichen Demokratien werden von außen wie von innen attackiert. Rechtspopulisten und Rechtsextremisten finden immer mehr Zulauf – selbst in Deutschland.
Das Nicht-Erinnern-Wollen, das Umdeuten der Geschichte, das von vielen gerade betrieben wird, hat seinen Grund. Wenn Menschen genau hinschauen, was den Zweiten Weltkrieg möglich gemacht hat, dann durchschauen sie auch besser, wenn heute autoritäre Kräfte nach der Macht greifen – und welche altbekannten Methoden sie einsetzen.
Geschichte wiederholt sich nicht. Aber Geschichtsvergessenheit bleibt ein sicheres Mittel, dass erneut Schreckliches passiert.