Gedenken an die Männer von Brettheim Erinnerung an Todesurteile

Von Gunter Haug 

Die Bürger in Brettheim (Kreis Schwäbisch Hall) ehren drei aufrechte Männer, die in den letzten Kriegstagen wegen angeblicher Wehrkraftzersetzung nach einem Standgericht gehängt wurden. Auch die Nachkriegsjustiz deckte die Todesurteile der NS-Offiziere.

Der Gedenkstein  am  Friedhof von Brettheim   erinnert er an drei Bürger, die im April 1945 von der SS hingerichtet wurden. Foto: dpa
Der Gedenkstein am Friedhof von Brettheim erinnert er an drei Bürger, die im April 1945 von der SS hingerichtet wurden. Foto: dpa

Brettheim - Es war ein Akt der Barbarei, den man in Brettheim bis heute nicht vergessen hat und nicht vergessen will. Am Abend des 10. April 1945 wurden an den Friedhofslinden des hohenlohischen Dorfes der Bauer Friedrich Hanselmann, Bürgermeister Leonhard Gackstatter und NS-Ortsgruppenleiter Leonhard Wolfmeyer wegen „Wehrkraftzersetzung“ erhängt. Und während längst der Gefechtslärm der nahen Front zu hören war, wurden die leblosen Körper von Hitlerjungen mit Plakaten wie „Ich bin der Verräter Hanselmann“ geschändet. Aber wehe dem Dorf, falls jemand auf die Idee käme, die Hingerichteten von den Ästen zu schneiden. Dann würden zehn weitere Einwohner an den Linden hängen, drohte die SS

Am 10. April werden sie in Brettheim (Kreis Schwäbisch Hall) auch in diesem Jahr wieder um 20 Uhr unter den Friedhofslinden zusammenkommen, um der „Männer von Brettheim“ zu gedenken. Exakt in der Todesstunde der drei Opfer. Denn was sich hier ereignet hat, darf niemals vergessen werden. Deshalb haben die Bürger im Ort ein Museum eingerichtet, das die tragischen Ereignisse minutiös nachzeichnet. Und auch den skandalösen Umgang der Nachkriegsjustiz mit der Tragödie von Brettheim, die bundesweit zum ernüchternden Symbol für das Verdrängen der Naziverbrechen und das Leugnen jeglicher Schuld geworden ist.

Bauer Hanselmann entwaffnet Hitlerjungen

Kurz vor Kriegsende hatten der Bauer Hanselmann und weitere Dorfbewohner vier Hitlerjungen gestellt, die mit Panzerfäusten gegen die Amerikanern vorgehen wollten: „Die Rotzbuben wollen noch verteidigen!“ Um Schlimmeres für ihr Dorf zu verhindern, nahmen sie ihnen nach einem kurzen, heftigen Wortwechsel die Waffen ab, jagten die Burschen davon und versenkten deren Waffen im nahen Löschteich. Wenig später erfuhr der SS-General Max Simon davon und schickte einen SS-Trupp, um die „Wehrkraftzersetzer“ dingfest zu machen. Die gesamte männliche Bevölkerung wurde nun auf das Rathaus bestellt und ultimativ aufgefordert, die „Schuldigen“ zu benennen. Widrigenfalls drohe dem Dorf Schlimmes.

Um größeres Unheil abzuwenden, meldete sich schließlich Hanselmann freiwillig. Sofort berief der SS-Sturmbannführer Friedrich Gottschalk ein Standgericht ein, das mit dem Todesurteil für Hanselmann endete. Den Richtspruch unterschreiben sollten der Bürgermeister und der Ortsgruppenleiter. Doch Gackstatter und Wolfmeyer weigerten sich – und wurden selbst verhaftet. Weil sie sich schützend vor Hanselmann gestellt hatten, gab es ein Standgerichtsverfahren gegen sie unter dem Vorsitz von SS-General Simon - mit einem von vornherein klaren Ausgang: „Das könnte den Herren so passen! Zehn Jahre lang haben sie „Heil Hitler!“ geschrien. Und jetzt fallen sie uns in den Rücken. Aufhängen!“ Am selben Abend wurden die Todesurteile von den Hitlerjungen mit Schlingen aus Telefondraht vollstreckt.

In Brettheim hat man sich mit dieser Barbarei nie abfinden wollen und gleich nach Kriegsende auf juristischem Weg versucht, die Schuldigen dingfest zu machen. So kam es zu Prozessen, die in den 50er und 60er Jahren bundesweit für Aufsehen sorgten. Bei ihren Vernehmungen durch die Staatsanwaltschaft gaben Simon und Gottschalk ohne weiteres zu, zahlreiche solcher Todesurteile angeordnet und vollstreckt zu haben. Im Jahr 1954 endete der Prozess vor dem Landgericht Ansbach mit der Verfahrenseinstellung. Begründung: Hanselmann habe mit der Entwaffnung der Hitlerjungen ein „schweres Verbrechen“ begangen.

Unrecht der NS-Zeit setzt sich in Nachkriegsjustiz fort

Das wollten die fassungslosen Brettheimer keinesfalls hinnehmen und so kam es 1958 zum zweiten Ansbacher Prozess, in dem von Reue bei den Angeklagten nicht das Geringste zu hören war, im Gegenteil. So merkte Simon lapidar an: „Jeder Krieg fordert Opfer. Man mag ja die Kirchturmpolitik eines Brettheimer Bürgermeisters verstehen. Aber ich glaube nicht, dass in einem künftigen Krieg jeder Bürgermeister den Krieg aus seiner Dorfperspektive beurteilen kann.“

Und so schrieb der Berichterstatter der „Stuttgarter Zeitung“ schockiert: „Man traut manchmal seinen Ohren nicht. Da ist überhaupt nicht die Rede davon, dass Wahnsinniges geschah: dass etwa Dummheit, Borniertheit oder sture Führertreue am Werk gewesen wären. Umso mehr aber hört man (…) von angeblich gefährlichen Deutschen, die deutschen Soldaten in den Rücken fielen.“ Schon wieder eine Dolchstoßlegende! Das Verfahren endete mit Freispruch für die Angeklagten.

Brettheim-Rede ist ein Grund für Rücktritt von Filbinger

Am Totensonntag 1960 organisierten die Brettheimer deshalb eine Gedenkveranstaltung, an der auch der damalige baden-württembergische Innenminister Hans Filbinger (CDU) teilnahm. In seiner Rede würdigte er die „beispielhafte Haltung jener Männer“, „die bewiesen, dass auch in Deutschlands dunkelster Stunde das Edle und Große in unserem Volke noch lebendig geblieben ist.“ Und direkt an die Angehörigen gewandt, meinte er, dass Hanselmann, Gackstatter und Wolfmeyer 1945 „himmelschreiendes Unrecht zugefügt worden ist.“ 18 Jahre danach kam ans Tageslicht, dass der ehemalige Marinerichter Filbinger selbst solche Todesurteile angeordnet hatte. Der Hinweis auf diese Brettheim-Rede wurde zu einem jener Mosaiksteinchen, das schließlich zu seinem Rücktritt als Ministerpräsident führte. Seit 35 Jahren organisiert die Ortsverwaltung das alljährliche Gedenken auf dem Friedhof von Brettheim. Am Freitag, 10. April um 20 Uhr hält Ministerpräsident a.D. Erwin Teufel (CDU) die Gedenkrede.