So wie dieser Familie erging es mindestens 39 Sindelfinger Bürgern: Sie wurden ermordet. Sindelfingen möchte nun auch Stolpersteine im Stadtbild installieren. Foto: Symbolbild/Archiv
Mindestens 39 Sindelfinger sind der NS-Vernichtungspolitik in den 1930er-Jahren zum Opfer gefallen. Die Schicksale dieser und weiterer möglichen Opfern sollen zukünftig Stolpersteine auf den Bürgersteigen in Erinnerung rufen.
Einst lebten sie mitten in Sindelfingen. Sie waren Viehhändler, verkauften Töpfe und Haushaltswaren oder arbeiteten bei Bosch oder Daimler. Eigentlich waren sie ganz gewöhnliche Bürger der in den 1930er Jahren zählenden 8000-Einwohner-Stadt. Eigentlich – denn die Menschen, um die es hier geht, waren auch Juden, Sinti und Roma, Kommunisten, Zeugen Jehovas oder sie hatten Behinderungen.
Stadthistoriker Horst Zecha wirbt für Stolpersteine in Sindelfingen. /Thomas Bischof/Archiv
Für die Nationalsozialisten und vieler ihrer Mitbürger waren sie Volksfremde und galten als schädlich für den deutschen Volkskörper. Hatten sie körperliche Handicaps oder waren geistig eingeschränkt, galten sie als unwertes Leben. Sie wurden schikaniert und verfolgt, später deportiert und in deutschen Konzentrations- und Vernichtungslagen oder angeblichen Heilanstalten gewaltsam getötet. 39 Sindelfingerinnen und Sindelfinger traf dieses Schicksal.
Sindelfinger Erinnerungskultur bekäme ein neues Element
Heute erinnern Tafeln, Stelen und Mahnmale an das grausige Schicksal der Ermordeten. Vor dem Rathaus steht eine Gedenktafel mit den Namen der ermordeten Sindelfinger – darunter die Familien Ullmann und Reinhardt, aber auch Einzelpersonen wie Karl Keinath, Sigurd Speidel, Wilhelm Brendle, Wilhelm Hirsch oder Anton Rosch. Für sie und womöglich noch weitere bisher Unbekannte soll ein weiteres Puzzlestück der Erinnerungskultur folgen: Stolpersteine.
Exakt 100 000 aus Messingplatten bestehende, in den Boden gelassene Steine füllen mittlerweile deutsche und europäische Bürgersteige. Mit Namen, Lebensdaten und Schicksal versehen, sollen sie die Opfer in der unmittelbaren Nähe ihres letzten frei gewählten Wohnorts in Erinnerung rufen.
Stadthistoriker Horst Zecha warb im Kulturausschuss des Gemeinderats am Mittwochabend für die Verlegung der vom Künstler Gunter Demnig entworfenen Stolpersteine. „Mit dem Verschwinden der Erlebnisgeneration geht uns ein Stück Erinnern verloren. Stolpersteine können dazu beitragen, für die Zukunft eine stabile Gedenkkultur zu schaffen“, sagt Zecha. Zusammen mit den bestehenden Erinnerungsorten ergebe sich eine sinnvolle Ergänzung. „Ein weiterer Vorteil wäre, dass die Menschen nicht zu einem Gedenkort gehen müssen, um sich zu informieren, sondern sie stolpern fast im wörtlichen Sinne über die Geschichte der Bürger von damals, wenn sie die Straße entlang gehen“, betont der ehemalige Kulturamtsleiter, der sich seit 37 Jahren mit der Stadtgeschichte beschäftigt. Im Zuge einer schrittweisen Verlegung, die bei Beschluss des Gemeinderats im Oktober wahrscheinlich in neun Monaten starten könnte, würde auch die Aufarbeitung der NS-Zeit einen Schub erhalten, wie Zecha erklärt: „Die Zeit bis dahin kann genutzt werden, noch mehr Forschung über zu betreiben.“
Möglicherweise gab es weitere Opfer des NS-Terrors
Aber auch bisher unbekannte Schicksale könnten durch eine tiefere Recherche ans Licht kommen, beispielsweise über die Sinti-und Roma-Familie Reinhardt. Deren Familiengeschichte ist noch nicht vollständig aufgeklärt – ganz im Gegenteil zur jüdischen Familie Ullmann. „Bei den jüdischen Opfern war die Dokumentenlage einfacher. Bei den heute weit verzweigten Reinhardts sind noch Fragen offen“, sagt Zecha. 16 Familienmitglieder aus der Stadt sind im KZ Dachau und in Auschwitz umgebracht worden.
Neben den aus rassistischen Gründen in die Vernichtungslager geschickten Gruppen wurden im Hitler-Deutschland auch Menschen mit Behinderungen gezielt ermordet. Zwölf Sindelfinger, deren Geschichte auch noch nicht auserzählt ist, fielen dem Euthanasie-Programm zum Opfer. Ihnen soll ebenso gedacht werden wie möglicherweise den 50 Zwangsarbeiterinnen und -arbeitern, die in Sindelfingen ums Leben kamen. „Wie die Zwangsarbeitenden in das Projekt einbezogen werden können, müssen wir noch mit der Stiftung besprechen, da für sie Sindelfingen ja nicht der letzte frei gewählte Wohnort war“, erläutert Horst Zecha.
Sindelfingen wäre die fünfte Stadt im Kreis mit Stolpersteinen
Für die Stadt Sindelfingen entstehen durch die Stolpersteine Demnigs, die im Kreis in Böblingen, Holzgerlingen, Waldenbuch und Weissach zu finden sind, keine Kosten. Stattdessen sollen nach Wunsch der Ideengeber um Stadthistoriker Zecha Paten für die Messingsteine gefunden werden: „Patenschaften aus der Bürgerschaft würden dem Erinnerungsprojekt eine besondere Verankerung in der Bevölkerung geben. Auch könnten Schulen einbezogen werden.“ Angedacht sind 120 Euro pro Stein. Nach der Verlegung geht der Stein in das Eigentum der Stadt über, die Betreuung durch Privatpersonen, Schulen oder Firmen bleibt.
Da, bis auf die AfD, alle vertretenden Fraktionen bereits ihre Zustimmung für Stolpersteine signalisiert haben, stehen die Chancen gut, dass auch in Sindelfingen bald goldene Steine die Geschichte derer erzählen, die einst Bürger dieser Stadt waren und dann zu Volksfeinden erklärt und systematisch getötet wurden.
Ein Kunstprojekt, das NS-Opfern Respekt zollt
Kunstprojekt Seit über 20 Jahren betreibt der 1947 geborene Kölner Künstler Gunter Demnig das Projekt.
Ziel Stolpersteine sind in den Boden eingearbeitete, 96 mal 96 Millimeter große Messingplatten, die das Gedenken an NS-Opfer wach halten sollen. Eingraviert in die Platten sind Namen, Lebensdaten und das Schicksal der Opfer.
Verteilung Mittlerweile sind 100 000 Stolpersteine in Deutschland und Europa verlegt worden. Der 100 000. wurde im Mai 2023 in Nürnberg in Erinnerung an Johann Wild erlegt. Wild hatte internationale Rundfunksender gehört und wurde daraufhin durch das Fallbeil getötet.
Sindelfingen Dokumentiert ist die Ermordung von 96 Sindelfingern, darunter Juden, Sinti und Roma, Kommunisten, Zeugen Jehovas und Menschen mit Behinderung. Außerdem starben 50 Zwangsarbeiter eines gewaltsamen Todes.