Gedenken an Opfer der NS-Euthanasie in Stuttgart Wo der Massenmord begann

Von Torsten Schöll 

Im Januar 1940 bringt ein Bus die ersten Opfer ins Schloss Grafeneck bei Münsingen auf der Schwäbischen Alb. Es ist der Beginn des industriellen Massenmordes der Nationalsozialisten. Der Leiter der Gedenkstätte Grafeneck hat an die Verbrechen und ihre Opfer erinnert.

Das Schloss Grafeneck bei Münsingen auf der Schwäbischen Alb. Heute gibt es hier eine Gedenk-, Dokumentations- und Forschungsstätte, in der sich Besucher informieren können. Foto: dpa/Daniel Naupold
Das Schloss Grafeneck bei Münsingen auf der Schwäbischen Alb. Heute gibt es hier eine Gedenk-, Dokumentations- und Forschungsstätte, in der sich Besucher informieren können. Foto: dpa/Daniel Naupold

Stuttgart - 10 654 – die Zahl fällt an diesem Abend nicht nur einmal. So viele Menschen waren es, die binnen eines Jahres, zwischen dem 18. Januar und dem 13. Dezember 1940, in der Euthanasie-Anstalt Grafeneck bei Münsingen vergast und anschließend verbrannt wurden. Geistig behinderte, psychisch kranke Männer, Frauen und Kinder. „Das jüngste Opfer war vier Jahre alt“, erzählt Thomas Stöckle.

„Ein Wendepunkt in der deutschen Geschichte“

Auf Einladung des Gemeindepsychiatrischen Verbunds und der Stadt Stuttgart hat der Leiter der Gedenkstätte Grafeneck auf der Schwäbischen Alb am Dienstag im Haus der Katholischen Kirche in der Königstraße an die Euthanasie-Verbrechen der Nationalsozialisten vor 80 Jahren erinnert. „Der erste Bus brachte an diesem 18. Januar 25 Psychiatriepatienten aus der bayerischen Klinik Eglfing-Haar nach Grafeneck.“ Es war nicht nur der Anfang eines „staatlich arbeitsteiligen Großverbrechens“, so Stöckle. In seinem Vortrag unter dem Titel „Euthanasie in Grafeneck und Gedenkkultur heute“ macht der Historiker deutlich, dass der Beginn des NS-Euthanasie-Programms – nach dem Krieg als „Aktion T4“ bezeichnet – nichts weniger als den „Wendepunkt in der deutschen Geschichte“ markierte. „Die Euthanasie-Morde stellen den Übergang von der Ausgrenzung und Entrechtung zwischen 1933 und 1939 zum industriellen Massenmord dar.“

Stöckle weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass der von Hitler schriftlich formulierte „Gnadentoderlass“ und die strikt arbeitsteilige Vorgehensweise bei der Ermordung Behinderter und psychisch Kranker den Tätern – Beamten, Ärzten, Krankenpflegern und anderen – nach dem Krieg eine „Steilvorlage“ bot, sich selbst jeweils „als kleines Rad im Getriebe“ darzustellen. Die „Anstalt A“, so die damalige Bezeichnung für Grafeneck, umfasste 1940 neben dem Schloss, ein zur Gaskammer umgebautes landwirtschaftliches Gebäude sowie ein Krematorium, in dem die von „Tötungsärzten“ Ermordeten verbrannt wurden.

Lange Zeit tat man sich Schwer mit dem Erinnern

Dass die Nachkriegsgesellschaft gerade mit dem Erinnern an die massenhafte Ermordung von Behinderten und psychisch Kranken größte Schwierigkeiten hatte, kommt für Stöckle unter anderem dadurch zum Ausdruck, dass es bis 2014 gedauert hat, dass in Berlin ein zentraler Gedenkort für die Opfer der NS-Euthanasie-Morde entstand. Deutlich macht der Historiker anhand von Zeitungsberichten aus den 1960er-Jahren, wie in der Nachkriegs-Presse der Versuch unternommen worden war, die Euthanasie-Morde auszublenden: So sei beispielsweise noch 1961 im „Albbote“ in einem Beitrag über die Geschichte des Schlosses nebulös von „geheimnisvollen Umtrieben“ die Rede gewesen, die „dem Namen Grafeneck einen unerfreulichen Beigeschmack gaben“. Die „Stuttgarter Nachrichten“ beschrieben, so Stöckle, 1966 in einem Artikel zum Volkstrauertag zwar die Gräueltaten, die in Grafeneck begangen wurden, sahen sich aber gleichzeitig dazu veranlasst, die Leser darauf hinzuweisen: „Auch diese in vielen Fällen namenlosen Menschen sind Verfolgte des Dritten Reichs gewesen, auch ihrer sollte man am Volkstrauertag gedenken.“ „Mehr“, resümiert Stöckle, „konnte zu dieser Zeit noch nicht verbalisiert werden.“

Im Anschluss an den Vortrag des Historikers, erinnerte die Berliner Regisseurin Alexandra Pohlmeier mit einem Film an die kürzlich im Alter von 102 Jahren verstorbene Euthanasie-Überlebende Dorothea Buck. Die spätere Bildhauerin war im Alter von 19 Jahren wegen diagnostizierter Schizophrenie zwangssterilisiert worden und setzte sich aufgrund ihrer eigenen Psychiatrie-Erfahrungen lebenslang für ein Umdenken in der medizinischen Psychiatrie ein. 1992 war sie Mitbegründerin des Bundesverbands Psychiatrie-Erfahrener.

Die Geschichte Grafenecks

Unter dem Regime der Nationalsozialisten wurden in Deutschland etwa 300 000 psychisch kranke oder behinderte Menschen als „lebensunwert“ ermordet. Die Gedenk-, Dokumentations- und Forschungsstätte Grafeneck ist heute Erinnerungsort für die 10 654 Opfer nationalsozialistischer Euthanasie-Verbrechen in Südwestdeutschland. Die Gedenkstätte bietet Fortbildungen, Seminare und Ausstellungen an. Das 2005 eingerichtete Dokumentationszentrum und die Gedenkstätte nahe Münsingen ist ganzjährig täglich von 9 bis 18 Uhr für Besucher geöffnet. Informationen unter www.gedenkstätte-grafeneck.de

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