Gedenken an Naziterror Der Wahrheit ins Auge blicken

Von Heidemarie A. Hechtel 

Erinnerung, Trauer, aber auch Zorn über den Anschlag von Halle bestimmen die Gedenkstunden zum 81. Jahrestag des Reichspogroms in der Stuttgarter Synagoge und in Bad Cannstatt.

Wo in der König-Karl-Straße bis zur Pogromnacht die Cannstatter Synagoge stand, wird am 81. Jahrestag der Opfer gedacht. Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt
Wo in der König-Karl-Straße bis zur Pogromnacht die Cannstatter Synagoge stand, wird am 81. Jahrestag der Opfer gedacht. Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt

Stuttgart - Nicht länger die Augen vor der Wahrheit eines zunehmenden Rechtsradikalismus und Antisemitismus verschließen, der nicht allein die Juden in Deutschland, sondern die Demokratie und damit alle Menschen bedroht: Das ist der Appell aller Redner bei der Gedenkstunde zum 81. Jahrestag des Reichspogroms in der Stuttgarter Synagoge. Denn das Unvorstellbare, dass am 9. November 1938 mit der Zerstörung dieser und aller Synagogen in Deutschland der Holocaust mit sechs Millionen ermordeten Juden seinen Ausgang nahm, ist nach dem Terroranschlag auf die Synagoge von Halle eine beinahe schon wieder vorstellbare Gefahr geworden. „Wer sehen wollte, hat die Gefahr erkannt“, betont Susanne Jakubowski vom Vorstand der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg (IRGW). Daher dürfe man nicht länger wegschauen, denn „es ist geschehen und folglich kann es wieder geschehen“, zitiert Jakubowski den italienischen Schriftsteller und Auschwitz-Überlebenden Primo Levi.

Bürgermeisterin Fezer ist zornig

Mehr als 400 Teilnehmer bei der Gedenkstunde am Samstag erweisen der jüdischen Gemeinde Anteilnahme und Solidarität. „Sie sind nicht allein, wir sind mit und bei Ihnen“, versichert Innenminister Thomas Strobl. Es erfülle ihn mit Scham, dass die Pogromnacht auch hier nicht vom Mob, sondern von staatlichen Stellen ausgegangen und betrieben worden sei. „Aber im Unterschied zu 1938 stehen jetzt Stadt, Land, Kirchen und Verbände, der ganze starke Rechtsstaat, an Ihrer Seite.“ – „Ich bin zornig über die Veränderungen in unserer Gesellschaft“, bekennt Bürgermeisterin Isabel Fezer und mahnt zu mehr Zivilcourage: „Alle sind verpflichtet, aufzustehen, einzuschreiten und das Wort zu erheben.“

In der Nacht vom 9. auf 10. November 1938 brannte auch die Cannstatter Synagoge in der König-Karl-Straße 51 vollständig ab. Die Lunte gelegt hatten neben Nationalsozialisten auch der Leiter der Brandwache II und andere Feuerwehrleute. Das Bündnis zum Gedenken an die Opfer der Pogromnacht in Cannstatt erinnert daran am Samstagabend dort, wo einst in der Synagoge stand und jetzt ein Zeichen des Gedenkens angebracht ist. Vor etwa 300 Zuhörern sagt der evangelische Pfarrer Martin Poguntke, dass Pogrom und Naziterror „uns im Allernegativsten daran erinnern, wozu wir Menschen fähig sind“. Der Pfarrer betont mit Blick auf zunehmenden Rassismus und Rechtsterrorismus, „dass wir wachsam sein müssen“. Er stellt auch die Frage, „warum die zahlreicher werdenden braunen Morde nicht zu einem Aufschrei und zu hektischer politischer Betriebsamkeit führen“.

Joe Bauer mahnt

„Alles ist noch Gegenwart und kann wieder Zukunft werden“, mahnt Stuttgarter-Nachrichten-Kolumnist Joe Bauer. Die Verdi-Gewerkschaftssekretärin Sidar Carman vertritt die Ansicht, dass das Erstarken von rechtem Gedankengut unmittelbar mit der Zunahme sozialer Existenzängste zusammenhänge. „Der Rechtspopulismus muss mit dem Siegeszug des Neoliberalismus verstanden werden“, sagt Carman. Zwei junge Vertreter des Antifaschistischen Aktionsbündnisses Stuttgart und Region (AABS) geben zu bedenken, dass der moderne Antisemitismus hierzulande kein „Importprodukt“ aus dem Islam sei, sondern seine Wurzeln in den rechten Bewegungen habe.




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