Gedenken: Dave Brubeck zum 100. Jazzmusik als Kultur der Freiheit

Dave Brubeck 1956 Foto: dapd
Dave Brubeck 1956 Foto: dapd

Ihm war egal, ob jemand schwarz, weiß oder lila ist - Hauptsache, er konnte spielen! Dave Brubeck war nicht nur einer der größten Jazz-Musiker des 20. Jahrhunderts, sondern auch mutiger Streiter gegen Rassismus in den USA.

Norwalk/Connecticut - Den Umgang mit ungeraden Takten hat er auf dem Rücken der Pferde gelernt. Auf seinen Ritten durch die Weiten Nordkaliforniens gab es viel Hufgeklapper nachzuklopfen, auf der Ranch das Rumpeln von Landmaschinen und das Quietschen der Wasserpumpe. David Warren Brubeck sollte Cowboy werden, nachdem sein Vater, Rancher mit 180 Quadratkilometern Weidefläche, schon zwei Söhne an die Musik verloren hatte. Dave wurde ein musikalischer Cowboy, dann ein allzu musikalischer Student der Veterinärmedizin. Schließlich ein Jazzpianist, dessen verrückte Takte Musikgeschichte schrieben. Über sein Spätwerk „To Hope - A Celebration“, eine moderne Jazz-Messe, fand Brubeck zum Katholizismus. Vor 100 Jahren, am 6. Dezember 1920, wurde er geboren.

Schon als Baby war Klein-Dave rund um die Uhr von Musik umgeben. Dabei herrschte auf der Ranch Radioverbot. Seine Mutter Bessie, eine Pianistin aus England, sagte: „Wenn du Musik willst, mach sie selbst.“ Von ihr lernte Dave viel; das Notenlesen aber schwänzte er lebenslang – was ihn beinahe sein Examen gekostet hätte.

Erster Bandleader der US-Armee mit einer ethnisch gemischten Kapelle

An eine Lektion seines Vaters erinnerte er sich für immer: „Er ritt mit mir zum Viehkauf unten am Sacramento River. Dort gab es einen alten schwarzen Rodeoreiter, der hieß Shine. Und mein Vater sagte zu ihm: ‚Zieh dein Hemd hoch, und zeig Dave deine Brust.’ Und da war dieses Brandzeichen.“ Viele Rinder hatte der Junge schon beim Brandmarken gesehen; er kannte den Geruch von verbranntem Fleisch unter dem heißen Eisen – aber Menschen? „Mein ganzes Leben habe ich daran gedacht und mir vorgenommen, meinen Teil dagegen zu unternehmen.“

Im Zweiten Weltkrieg war Brubeck der erste Bandleader der US-Armee mit einer ethnisch gemischten Kapelle. Und in den 50er Jahren, als ihn bei einer Tournee 23 von 25 Universitäten aufforderten, entweder seinen schwarzen Bassisten Gene Wright gegen einen weißen auszutauschen oder den Auftritt abzusagen, entschied er sich für die Absage – und das zu einer Zeit, in der Brubeck selbst noch längst nicht arriviert war und mit seiner Familie in finanziell „prekärer Lage“ durchs Land tourte.

„All meine Helden waren schwarz“, sagte Brubeck: Duke Ellington, Louis Armstrong, Fats Waller. Und er zitierte den blinden Pianisten Sir George Shearing: „Mir ist egal, ob jemand lila ist - Hauptsache, er kann spielen.“ Und Brubeck konnte spielen: mit Woody Hermann, Miles Davis, Charly Parker, Count Basie oder Dizzy Gillespie. Sie verstanden ihn besser als die vielen Kritiker, die ihn in die Ecke des „Cool Jazz“ steckten oder gar meinten, das Dave Brubeck Quartet könne nicht mal den gemeinsamen Takt halten.

Brubeck spielte beim Reagan-Gorbatschow-Gipfel in Moskau 1988

Brubeck selbst schöpfte aus den Quellen der Weltmusik und seiner kalifornischen Heimat Concord, einem Schmelztiegel aus mexikanischen, spanischen und portugiesischen Einflüssen. 1958 schickte die US-Regierung das Quartett für drei Monate auf eine Reise jenseits des Eisernen Vorhangs und in den Nahen Osten. So entstand, meist durch anfängliches Improvisieren, das Album „Time Out“ (1959/60), dessen Songs mit ungeraden Taktarten der Band Platin und den Durchbruch verschafften: „Blue Rondo A La Turk“ in 9/8, „Take Five“ in 5/8, „Pick up Sticks“ in 6/4 und „Unsquare Dance“ in 7/4.

Brubeck spielte beim Reagan-Gorbatschow-Gipfel in Moskau 1988, er spielte vor acht US-Präsidenten, vor Königen, Staatsoberhäuptern und Papst Johannes Paul II. „Es würde den Bruchteil eines Bomberflügels kosten“, sagte er einmal, „Jazzmusiker durch die Welt fliegen zu lassen. Durch den Jazz können wir unsere Kultur der Freiheit zu den Leuten bringen. Das ist es, was Diktatoren immer zuerst stoppen: Jazzmusik im Radio oder die Möglichkeit, Jazzplatten zu kaufen. Denn dafür braucht es Freiheit.“

Kampf um Rassengleichheit

Freiheit faszinierte ihn, Rassengleichheit - und die Religion: Aufgrund seiner tiefen spirituellen Überzeugungen hat Brubeck viel geistliche Musik komponiert; nur das wenigste davon ist durch Aufnahmen zugänglich. Während des Krieges plante er eine Komposition über die Zehn Gebote, vor allem: „Du sollst nicht töten“. Seine bekannteste religiöse Komposition ist die Messe „To Hope – A Celebration“.

Seine Musik hatte immer viel mit dem Menschen Dave Brubeck zu tun. In den Stunden vor einer Herz-OP schrieb er im Krankenhaus das Stück „Joy in the Morning“, in dem er anhand eines Psalmtextes musikalisch über seine Zuversicht angesichts seines möglichen Todes nachdachte. Es beginnt mit seinem arhythmischen Herzschlag und seiner Unruhe vor der OP, geht dann über in einen neuen, freudigen Herzschlag im Leben danach. Am 5. Dezember 2012, einen Tag vor seinem 92. Geburtstag, blieb das Herz von Dave Brubeck stehen– nicht aber der Takt seiner Musik.




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