Gedenken in Stuttgart Erinnerung an die erste Judendeportation

Die Gedenkstätte am Stuttgarter Nordbahnhof. Am 1. Dezember 1941 fuhr hier der erste Zug  mit mehr als 1000 Jüdinnen und Juden nach Riga in den Tod. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Die Gedenkstätte am Stuttgarter Nordbahnhof. Am 1. Dezember 1941 fuhr hier der erste Zug mit mehr als 1000 Jüdinnen und Juden nach Riga in den Tod. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Vor 80 Jahren fuhren vom Stuttgarter Nordbahnhof mehr als 1000 Menschen in den Tod. Es war der erste Deportationszug mit Jüdinnen und Juden aus Württemberg und Hohenzollern.

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Stuttgart - Am 1. Dezember 1941 verlässt ein Sonderzug der Reichsbahn morgens zwischen 8 und 9 Uhr „fahrplanmäßig“ den Stuttgarter Nordbahnhof. Die Insassen: 1013 Jüdinnen und Juden, die meisten davon mittleren Alters. Außerdem befinden sich in den Waggons der Leiter des „Judenreferats“ der Stuttgarter Gestapo, Hans Koch, der Gestapobeamte Gottfried Mauch sowie zwölf Polizisten. Ziel des Transports: das Arbeitslager Jungfernhof bei Riga in Lettland. Es ist der erste von elf Deportationstransporten, mit denen Juden aus Württemberg und Hohenzollern von Stuttgart aus in den Tod fahren.

Weit über 2500 Juden wurden aus Stuttgart verschleppt

Anlässlich des 80. Jahrestags erinnerten am Mittwochabend im Rahmen eines digitalen Podiumsgesprächs der Historiker Martin Ulmer, Geschäftsführer des Gedenkstättenverbunds Gäu-Neckar-Alb, Friedemann Rinke vom Haus der Geschichte Baden-Württemberg, die Geschäftsführerin der Initiative Lern- und Gedenkort Hotel Silber Elke Banabak sowie der ehemalige Leiter des Stuttgarter Stadtarchivs Roland Müller an diesen ersten Transport aus Stuttgart. Er stellte den „Auftakt zur systematischen Deportation aus Württemberg und Hohenzollern“ dar, wie die Moderatorin der Veranstaltung, Katrin Hammerstein von der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg, zu Anfang betont. Insgesamt wurden bis 1945 aus Stuttgart weit über 2500 Juden in die Gettos, Lager und Vernichtungsstätten im Osten Europas verschleppt. Davon überlebten lediglich rund 180 Menschen.

Ein Netzwerk aus Verwaltung, Behörden, Institutionen half mit

Was an diesem Abend deutlich wird: Die systematische Verschleppung aus den Dörfern, Städten und Landkreisen Württembergs und Hohenzollerns war nur möglich, weil ein ganzes Netz an Beteiligten aus Verwaltung, Sicherheitsbehörden und anderen Institutionen tatkräftig mithalf. „Ohne dieses aktive Handeln vieler Akteure wäre die Shoa nicht möglich gewesen“, betont denn auch Martin Ulmer. Eindrucksvoll zeichnen die Historiker Ulmer und Rincke nach, wie dieser „arbeitsteilige Prozess“ organisiert war: „Den ersten Schritt der Deportation nach Stuttgart mussten die Bürgermeister und Landräte auf Anweisung der Gestapo umsetzen“, beschreibt Ulmer das Verfahren. Zuvor musste die „Jüdische Mittelstelle für Auswanderung“ als Teil des Jüdischen Kulturvereins Württemberg selbst auswählen, wer für die Transporte in Frage kam.

Die Deportation vom 1. Dezember 1941 hatte die Gestapo noch als „Umsiedlung“ getarnt. Später wurde darauf verzichtet, weshalb die Verschleppten fortan kein Gepäck mehr mitnehmen durften.

Kein Täter wurde strafrechtlich belangt

An der anschließenden „Verwertung“ der zurückgelassenen jüdischen Vermögen, ein staatlich organisierter Diebstahl riesiger Dimension, waren die örtlichen Finanzämter und Banken beteiligt. Was nicht beschlagnahmt wurde, versteigerte man öffentlich: „Da kam dann auch die sogenannte Volksgemeinschaft zum Zug“, so Ulmer. Auf diese Weise seien die Existenzen nicht nur physisch, sondern auch materiell vernichtet worden. Zuletzt meldeten die örtlichen Postämter: „Auf unbekannt verzogen“.

Friedemann Rincke betont, dass zahlreiche württembergische Beamte aus der Stuttgarter Gestapozentrale im „Hotel Silber“ während des Zweiten Weltkriegs auch in den besetzten Gebieten massiv an Verbrechen beteiligt waren. Bemerkenswert: Nach 1945 sei jedoch konkret wegen der Deportationen aus Württemberg und Hohenzollern keiner der Täter strafrechtlich belangt worden, so Rincke. Wer aus der Tätergruppe im Krieg nicht umgekommen war, Selbstmord begangen hatte oder aus einem anderen Grund bereits strafrechtlich zur Rechenschaft gezogen worden war, hatte aufgrund der Teilnahme an diesen Verschleppungen auch von den späteren Entnazifizierungsverfahren nichts zu befürchten: Nach einer Phase der Internierung wurden 1950 „alle aus dem Hotel Silber an den Deportationen Beteiligten freigesprochen“.

Stuttgart und Riga taten sich lange schwer mit einer angemessenen Erinnerung

Elke Banabak und Roland Müller erinnerten in ihren Beiträge daran, wie in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg sich sowohl Stuttgart als auch Riga lange Zeit schwertaten, an die Deportationen und Ermordungen angemessen zu erinnern. Müller unterstrich in Bezug auf den mühsamen Weg der Erinnerung in Lettland, dass dort nach wie vor „aufgrund der historischen Entwicklung“ das Verhältnis zu Russland prägend sei.

Dennoch habe sich in Lettland beim Blick auf die Shoa inzwischen „eine differenziertere Sicht entwickelt“. Müller warnte davor, dass Deutsche in der Beziehung zu dem baltischen Land als „Erinnerungsweltmeister“ auftreten. Eine Erinnerungskultur mit einer europäischen Perspektive setze die Kenntnis der komplexen Erinnerungstraditionen voraus, so Müller. „Sie wird nur in einem gemeinschaftlichen Prozess gelingen.“




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