Gedenken in Stuttgart nach Mannheims Polizistenmord Nach dem Schweigen wieder zum nächsten brisanten Einsatz

Stuttgarts Polizeipräsident Markus Eisenbraun kondoliert auf dem Marktplatz vor dem Bild des getöteten Mannheimer Polizisten. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

In Stuttgart haben etwa 500 Polizisten ihres getöteten Kollegen mit einer Schweigeminute gedacht. Viel Zeit zum Trauern bleibt nicht – die Einsatzhundertschaft muss gleich zum Einsatz. Nach Mannheim. Wie ist die Gefühlslage?

Lokales: Wolf-Dieter Obst (wdo)

Schweigen. Selbst der Baukran nebenan verharrt plötzlich regungslos. Die Bauarbeiten am künftigen Haus des Tourismus ruhen – und alle Menschen auf dem Stuttgarter Marktplatz werden um 11.34 Uhr zu einer Trauergemeinde. Gedenkminute auch in Stuttgart – für den 29-jährigen Polizeihauptkommissar Rouven Laur, der vor einer Woche, zu genau dieser Uhrzeit, in Mannheim von einem Attentäter mit einem Messer tödlich verletzt worden war. Eine Traueraktion, die bundesweit stattfindet, mit zentraler Veranstaltung in Mannheim.

 

500 sind es wohl, die vor das Stuttgarter Rathaus gekommen sind. Beamtinnen und Beamte der Reviere, der Verkehrspolizei, der Kripo, aus dem Dienst, aus der Freizeit, Pensionäre, Beamte der Bundespolizei, Mitarbeiter der Feuerwehr, der städtischen Behörden. „So viel Anteilnahme“, sagt Polizeipräsident Markus Eisenbraun, als das Schweigen langsam wieder Worten Platz macht, „das zeigt doch den großen Zusammenhalt in der Blaulichtfamilie.“

Die Demos sind nicht angebracht, sagt der Präsident

Da ist der Zug der Einsatzhundertschaft, der vor dem Foto des Mannheimer Kollegen kondoliert – und dann um 11.38 Uhr vom Lautsprecherwagen der Polizeizentrale aufgefordert wird: „Einsatzhundertschaft, abtreten zu den Fahrzeugen!“ Die Truppe muss sich nämlich gleich auf den Weg nach Mannheim machen – nicht der Trauer wegen, sondern weil dort am Abend eine Demonstration der AfD und eine Gegendemo der Antifa angemeldet ist. 10 000 Teilnehmer werden erwartet und Auseinandersetzungen – und dazwischen die Polizei.

„Unsere Stuttgarter haben sich angeboten, den Mannheimern zu helfen und den Einsatz dort zu unterstützen“, sagt Polizeipräsident Eisenbraun. Mit welchen Gedanken fahren sie nach Mannheim, zwischen die Demo-Fronten? Eisenbraun macht aus einem Gedanken jedenfalls keinen Hehl: „Die heute stattfindenden politischen Kundgebungen in Mannheim halte ich für nicht angebracht“, sagt er. Es sei die Zeit der Anteilnahme und nicht der politischen Instrumentalisierung.

Der 85-jährige Ex-Polizeiinspekteur ist besorgt

War früher alles weniger schlimm? Unter den Teilnehmern der Gedenkveranstaltung ist einer, der lange zurückblicken kann. Bis vor 25 Jahren war er Inspekteur der Polizei und Chef von 26 000 Beamten im Land. „Jede Zeit hat ihre Probleme“, sagt der 85-jährige Willi Burger, „aber die Gewaltbereitschaft gegen Amtspersonen ist heute ungleich größer geworden.“ Damals RAF-Terrorismus oder Aufruhr um den Nato-Doppelbeschluss. Heute Krawallnacht, eine aggressiver gewordene Gesellschaft mit schwindendem Respekt vor Amtsträgern. „Der Polizeiberuf ist in einem besonderen Maß gefährlich geworden“, sagt Burger.

Polizistenmorde gab es auch in der RAF-Zeit oder etwa 1989 mit dem gewaltsamen Tod zweier Polizisten auf der Gaisburger Brücke, von einem Asylbewerber mit einer Machete niedergestreckt. Doch heute scheint alles noch unberechenbarer geworden zu sein. Die Bilder von Mannheim wirken in den Köpfen nach.

„Von jetzt auf nachher“ kippt die Stimmung

Von einem „hinterhältigen Angriff“ spricht Martin Reber, 47 Jahre alt, erfahrener Streifenbeamter beim Revier Wolframstraße. „Die Trauer und die Betroffenheit sind groß, und wir haben auch viel über das Thema Eigensicherung gesprochen“, sagt er. Doch wie alles verhindern? „Das ist ja das Gefährliche, dass so etwas von jetzt auf nachher kommen kann“, sagt Reber, „dass die Stimmung von einem Moment zum anderen kippt.“ Sein Streifenkollege Roland Reimer, 55, bestätigt das. „Wir alte Hasen versuchen, die Jungen für mögliche Situationen zu sensibilisieren“, sagt Reimer, „und man muss schon feststellen, dass die Hemmschwelle uns Beamten gegenüber geringer geworden ist.“

Erschreckende Zahlen zu Messerangriffen

Dabei ist die Entwicklung bereits lange vor dem tödlichen Mannheimer Messerattentat besorgniserregend. Die Zahl der Messerangriffe in Baden-Württemberg hat einen neuen traurigen Höchstwert erreicht. Mit 3104 erfassten Messerdelikten, eine Steigerung um 14 Prozent, ist die 3000er-Schwelle im vergangenen Jahr erstmals überschritten worden. Die Übergriffe auf Vollzugsbeamte im Land stiegen auf 5932 Fälle, 3000 Beamte wurden dabei verletzt. Allein in Stuttgart gibt es 809 Fälle und 337 Verletzte. Traurige Höchstwerte.

Was folgt daraus? Stuttgarts OB Nopper formuliert es so: „Es ist unsere Pflicht, aus diesem schrecklichen Vorfall die richtigen Konsequenzen zu ziehen – und nicht einfach wieder zur Tagesordnung überzugehen.“

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