Gedenken zum Holocaust Mehr als 800 Teilnehmer beim „Marsch der Erinnerung“ in Stuttgart

Von Torsten Schöll 

Mehr als 800 Juden und Christen sind am Montagabend vom Standort der ehemaligen Synagoge zur Liederhalle gezogen, um den Opfern und Überlebenden des Holocaust zu gedenken. Ein beeindruckendes Bekenntnis.

Gedenken vor der ehemaligen Synagoge beim Hospitalhof Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth
Gedenken vor der ehemaligen Synagoge beim Hospitalhof Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Stuttgart - Vor der Stuttgarter Synagoge in der Hospitalstraße gedachten am Montagabend auf Initiative der Internationalen Christlichen Botschaft Jerusalem (ICEJ) mehr als 800 Juden und Christen den Opfern und Überlebenden des Holocaust. Im Rahmen einer Kranzniederlegung durch Sara Granitza, Direktorin der Christlichen Freunde Yad Vashems aus Jerusalem, und Stephan Lehnert von der ICEJ, betonte der ICEJ-Vorsitzende Gottfried Bühler die Notwendigkeit, sich mit dem jüdischen Volk zu solidarisieren: „Gerade in unserer heutigen Zeit, in der Antisemitismus zunimmt und sich viele Juden in Deutschland Anfeindungen ausgesetzt sehen, wollen wir nicht nur der Opfer und der Überlebenden des Holocaust gedenken, sondern ein öffentliches Zeichen der Solidarität mit dem jüdischen Volk und mit Israel setzen.“ Bühler sagte, dass noch nie so viele Menschen in Stuttgart auf die Straße gegangen sind, um dem jüdischen Volk beizustehen.

89-Jährige spricht über Deportation

Im Anschluss an die jüdisch-christliche Gedenkfeier anlässlich des Internationalen Holocaustgedenktages 75 Jahre nach der Befreiung des KZ Auschwitz-Birkenau durch die Rote Armee fand ein „Marsch der Erinnerung“ zur Liederhalle statt, wo der ICEJ zu einem Begegnungsabend von Juden und Christen eingeladen hatte. Auf Schildern forderten die Teilnehmer der Demonstration ein „Nein zu Antisemitismus und Judenhass“ und sprachen sich „Für jüdisches Leben in Deutschland“ aus.

Im voll besetzten Mozartsaal der Liederhalle berichtete die 89-jährige Holocaust-Überlebende Eva Erben von ihrer Deportation in das Vernichtungslager Auschwitz 1941. Die in Israel lebende Buchautorin war als Kind jüdischer Eltern in den 1930er-Jahren in Prag aufgewachsen. Durch einen Zufall entkam sie auf einem Todesmarsch in die Tschechoslowakei im April 1945 der SS. In der Liederhalle verteidigte sie das Recht Israels zur Selbstverteidigung: „Welches Land würde es sich bieten lassen, von Raketen beschossen zu werden“, sagte Eva Erben.

Gedenken auch am Nordbahnhof

Bereits am Sonntagnachmittag veranstaltete der Verein Mauthausen Komitee Stuttgart eine Kundgebung an der Gedenkstätte „Zeichen der Erinnerung“ am Nordbahnhof und erinnerte daran, dass auch aus Stuttgart über 2600 Juden in die Konzentrationslager deportiert wurden. Ebenfalls an der Gedenkstätte am Nordbahnhof legten am Montagnachmittag Vertreter der Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten einen Kranz nieder. In einer Erklärung kritisierte die Freikirche die Verbreitung menschenverachtender Ideologien in den sozialen Netzwerken und im Internet.

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