Gedenkfeier für Martin Walser Jetzt trägt der Tod seinen Morgenmantel
In einer Gedenkfeier für den im Juli verstorbenen Martin Walser haben sich am Samstag Freunde und Wegbegleiter im Stuttgarter Neuen Schloss von dem Autor verabschiedet.
In einer Gedenkfeier für den im Juli verstorbenen Martin Walser haben sich am Samstag Freunde und Wegbegleiter im Stuttgarter Neuen Schloss von dem Autor verabschiedet.
Ein strahlend schöner Tag, junge Leute, die auf den Wiesen rund um den Stuttgarter Schlossplatz die Wärme eines nicht enden wollenden Sommers genießen. Doch der, um den es geht, hat einen anderen Weg eingeschlagen. In Hut und Mantel gehüllt stapft er auf einer nebelumwallten Allee durch Herbstlaub ins Weite. So ist er zu sehen auf der Einladung zu der Gedenkfeier, die das Land Baden-Württemberg und der Rowohlt Verlag ihm zu Ehren an diesem Mittag im Weißen Saal des Neuen Schlosses ausrichten.
Am 24. Juli ist Martin Walser in seiner Heimat am Bodensee gestorben, ein Monument der Literatur- und Zeitgeschichte Nachkriegsdeutschlands. Was sich so leicht dahinschreibt, aber wie alles bei Walser eben nur die Hälfte der Wahrheit ist. Denn ein Monument war dieser Autor nie, dazu war er bis zuletzt, als er mit dem Tod schon enge Nachbarschaft pflegte, viel zu sehr dem Leben zugewandt. Noch vor gut einem Jahr konnte man dem damals 95-Jährigen im Stuttgarter Literaturhaus begegnen, als er sein Traumbuch vorstellte. In Strickjacke, sehr bequemer Hose und mit einem gut gefüllten Glas Weißwein nahm er den Faden seiner Lebenserzählung noch einmal auf, an die flüchtigen Gestalten geknüpft, mit denen man im Schlaf Umgang pflegt.
Nun hat ihn Schlafes Bruder in seine Arme geschlossen. Statt seiner steht ein Bild auf dem Podium. „Ich weiß nicht, wo ich hinschauen soll, wenn sie sagen: zurückblicken“, zitiert die Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kunst des Landes, Petra Olschowski, Martin Walser. Durch ihr Grußwort bebt die Irritation, dass dieses lebenslang unbeirrte Vorwärtsdrängen und Neubeginnen nun Gegenstand der Retrospektive sein soll. Also wohin schauen?
Vielleicht erst einmal auf die lange Gästeliste, die Olschowski wacker abarbeitet: Die Mitglieder der Familie, alle sind da, bis auf die, ohne die Walsers gewaltige Produktivität wohl undenkbar gewesen wäre, seine Frau Käthe. Während 72 Ehejahren hat sie 26 seiner Romane abgetippt und auch in anderen Dingen Langmut bewiesen. Vom Podium aus betrachtet, sitzt ganz links Walsers leiblicher Sohn Jakob Augstein, Frucht eines kurzzeitigen Neubeginns mit der Übersetzerin Maria Carlsson, der Frau des „Spiegel“-Gründers Rudolf Augstein. Auf der anderen Seite, rechts, erinnern die bemerkenswerten Augenbrauen eines Gastes an jemanden aus der schon etwas zurückliegenden bundesrepublikanischen Politgeschichte. Tatsächlich fällt unter den Namen der anwesenden Freunde und Weggefährtinnen der des früheren CSU-Finanzministers Theo Waigel. Dazu später.
Beinahe könnte man bei der Dichte an Zelebritäten aller Art, Direktorinnen, Intendanten, Verlegerinnen, Schriftsteller an den Gesellschaftsreigen von Martin Walsers Stuttgart-Roman „Ehen in Philippsburg“ denken, mit dem 1957 hier alles begann. Anders als damals freilich geht es diesmal nicht um ein Sittengemälde der schwäbischen Landeshauptstadt zwischen Nachkriegsenge und Aufbruchsfuror, Kleingeisterei und prosperierender Großmannssucht, Prüderie und Ausschweifung. Jetzt geht es vielmehr um die Bewältigung einer schmerzlichen Leerstelle, für die das schweigende Bild Autors steht.
Verschiedene Weisen, sie zu füllen und jenen Routinen des Gedenkens zu entgehen, die Walser in einem ganz anderen Zusammenhang einmal beklagt hat, sind an diesem Nachmittag zu erleben. Eine ist die Musik. Das Präludium aus Bachs G-Dur-Suite für Cello solo eröffnet das Nachspiel der Erinnerung. Später wird der Freund und Büchnerpreisträger Arnold Stadler von einem Konzert bei Walsers in Nussdorf im Januar dieses Jahres berichten. „Es dürfte das letzte Mal gewesen sein, dass er so etwas hörte, Bach, Solosuiten. Die Welt war Klang, und ich sah Martin noch einmal weinen.“
Eine andere Weise ist es, dem Schmerz auf den Grund zu gehen. „Noch nie hat mich die Nachricht vom Tod eines Schriftstellers so traurig gemacht“, beginnt die Literaturkritikerin Iris Radisch ihre Rede, die so brillant die Ursache dieses Gefühls ausleuchtet, dass darin nicht nur die Eigenart von Walsers Wirken erstrahlt, sondern auch der Grund für die eigene Teilhabe an demselben. Niemand habe so einfühlsam wie er über siebzig Jahre die seelischen Innenräume dieser Bundesrepublik durchquert und aufbewahrt. „Man wird, solange Bücher im Umlauf sind, bei Martin Walser nachlesen können, wie es uns ergangen ist. Wie wir gelebt haben, was wir empfunden, was wir verdrängt, wie wir weitergemacht haben nach dem namenlosen Verbrechen unserer Vorfahren.“
Den deutschen Antihelden, dem beschädigten, dem unsicheren, dem nervös-sehnsüchtigen Nachkriegsmenschen habe er ein literarisches Denkmal gesetzt. Und so wie Anti und Held darin zusammenfinden, zeigt Radisch, wie sich unter Walsers Maxime, nichts sei ohne sein Gegenteil wahr, weitere Gegensatzpaare wie Leiden und Stolz, Paradies und Qual, Schmerz und Lebenssteigerung in einem „ultimativen Doppel-Leidens-Axel“ verbinden. Selbstdemontage und Erlösung gehören auch dazu, und natürlich kann man mit solchen Akrobatenfiguren auch straucheln, etwa unter der Kuppel der Paulskirche. In seiner berüchtigten Friedenspreisrede habe Walser die deutsche Gedenkkultur angegriffen, weil er in ihr einen erfahrungs- und empfindungsarmen Formalismus zu sehen glaubte. Auf keinen Fall aber, so Radisch, sei es ein Plädoyer für Wegsehen oder Schlussstrich gewesen, eher der halsbrecherische Versuch, als intellektueller Hauptakteur deutscher Großdebatten zugleich seelischer Privatier bleiben zu wollen.
So lebendig Walser in seinen Widersprüchen wird, so elegisch empfindet man seinen Verlust, wenn Radisch das Literaturwunder seiner Texte an die physische Qualität der Stimme knüpft, in der man laut ihr den Wellenschlag des Bodensees spüren konnte.
Etwas davon macht Arnold Stadler in seinem anschließenden Beitrag vernehmlich, eine Art Willkommen und Abschied rund um das Walser-Haus in Nussdorf: Wenn sich Stadler nach langen Besuchen auf den Heimweg machte, bekam er zu hören: „No hau doch ab! Abrr kummschd widrr, gell!“ Das letzte Mal habe er ihn gesehen, wie er an seinem Fitnessgerät, an einer Art Laufband, bei letzten Übungen war: „Er lebte so gerne.“ Stadlers Vortrag ist eine theologisch grundierte Meditation über Walser-Motive, Anekdoten, literarische Gewährsleute, die Himmelfahrt eines Schmerzensmanns über den Bodensee. Und beinahe hat man den Eindruck, ihre Dauer werde von dem Wunsch diktiert, das endgültige Adieu von dem so vertrauten Blick „unter Nietzsches Schnauzbart vergleichbaren Augenbrauen“ so lange wie nur irgend möglich hinauszuzögern.
Und dann ist er plötzlich wieder da. Vom Jenseits des Grabes hallt seine Stimme durch den Saal, umschwebt von fließenden Klängen, Zurüstungen zum Tod aus seinen letzten Bänden „Sprachlaub“ und „Spätdienst“: „Ich fahr aus dem Leben hinaus, / in grellen Stürmen wütet der Herbst“, „Herz, schlag’ schneller / das Leben will’s“, „einen Morgenmantel trägt der Tod / mit meinen Initialen“.
Später, beim anschließenden Empfang knabbert Theo Waigel an einem Stückchen Quiche. Walser hatte einmal gesagt: Wenn er am Grab von Bach in Leipzig stehe, sei er nicht im Ausland. Damit zog er die Aufmerksamkeit des damaligen CSU-Vorsitzenden auf sich, der ihn im Januar 1989, von einer Wiedervereinigung war noch keine Rede, zu einem Parteitag einlud.
Wissen Sie was uns verbindet?, habe Walser ihn gefragt: Wir wurden vom gleichen Bischof gefirmt – und dazu noch die Augenbrauen. Nach der Veranstaltung habe der Autor um die Erfüllung eines Herzenswunsches gebeten, erzählt Waigel. Er hatte gesehen, das einige begonnen hatten, Schafkopf zu spielen. Ob es wohl möglich sei, da mitzumachen? Und dann wurde Schafkopf gespielt, woraus sich eine intensive Freundschaft entwickelte.
Dass seine Partei heute jemanden wie Walser einladen würde, hält Waigel für eher unwahrscheinlich. „Wenn Sie mich fragen, wer sich in der CSU gerade für zeitgenössische Literatur interessiert, würde mir nicht automatisch jemand einfallen.“ Zuletzt war er im Januar am Bodensee, bei dem erwähnten Konzert in Nussdorf. Er solle bald wiederkommen, hat sich der Autor von Waigel verabschiedet – „kummschd widrr“. Das hat sich nun erübrigt. Immerhin hat es damals mit der Wiedervereinigung noch geklappt.