Gedenkfeier für Sinti und Roma „Wir hörten das Kreischen der Kinder“

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Zum 70. Mal jährt sich am Freitag die Deportation von 234 Sinti und Roma aus Württemberg nach Auschwitz. Der Zug fuhr am 15. März 1943 vom Stuttgarter Nordbahnhof ab – eine Gedenkfeier erinnert an die Opfer.

An der Gedenkstätte am Nordbahnhof wird die Feier für Sinti und Roma stattfinden. Archivfoto: Foto: Zweygarth
An der Gedenkstätte am Nordbahnhof wird die Feier für Sinti und Roma stattfinden. Archivfoto: Foto: Zweygarth

Stuttgart - Das Schicksal jener 234 Menschen und ihr grausamer Tod waren jahrzehntelang vergessen. Niemand wusste mehr, dass am Abend des 15. März 1943 am Stuttgarter Nordbahnhof ein Güterzug mit Sinti- und Romafamilien aus ganz Württemberg aufgebrochen war nach Osten. Mehrere Frauen waren schwanger, das jüngste Kind war zwei Monate alt. Nach 53 Stunden erreichte der Zug Auschwitz, wo die Menschen in das sogenannte „Zigeunerlager“ eingewiesen wurden. „Nur zehn bis 15 Prozent haben das KZ überlebt“, sagt Elke Martin, die seit 2006 die Geschichte der Stuttgarter Sinti erforscht.

Tatsächlich waren es vor allem die ehrenamtlich tätigen Stolperstein-Forscher Elke Martin und ihr Kollege Stephan Janker, die die Namen der 234 Opfer entdeckt und manche Biografien rekonstruiert haben – 63 Jahre nach dem Ereignis haben sie die Deportation aus dem Dunkeln der Geschichte gerissen. Am Freitag, 15. März, am 70. Jahrestag dieser Deportation, wird es deshalb um 13.30 Uhr erstmals eine Gedenkfeier am Nordbahnhof (Otto-Umfrid-Straße) für die Sinti und Roma geben; um 15 Uhr ist ein Gottesdienst im Dom St. Eberhard geplant. Ein nicht öffentlicher Empfang des Landes im Neuen Schloss schließt sich an.Für Daniel Strauß, den Vorsitzenden des Landesverbandes der Sinti und Roma in Baden-Württemberg, wird es ein besonderer Tag werden. Er hat seinen Vater in Auschwitz verloren und weiß um die lange Zeit, die vergehen musste, bis die Sinti und Roma überhaupt als Opfer des Nationalsozialismus anerkannt wurden, bis mit dem Mahnmal in Berlin 2012 dieser Opfer öffentlich gedacht wurde und jetzt auch in Stuttgart über diese Gruppe der Verfolgten geredet wird. „Nun sind wir angekommen in der Gesellschaft“, sagt Daniel Strauß: „Das Grab meines Vaters hat sich endlich geschlossen.“

Die kulturelle Identität der Sinti soll gefördert werden

Für Strauß ist es nun wichtig, in die Zukunft zu blicken. Dazu dient ein Staatsvertrag, den das Land Baden-Württemberg mit dem Verband schließen möchte – vermutlich wird Ministerpräsident Winfried Kretschmann dies am Freitag beim Empfang verkünden. Darin sollen die Sinti und Roma, die seit dem 15. Jahrhundert auf deutschem Gebiet leben, als nationale Minderheit anerkannt werden, ebenso wie Sorben oder Dänen. Daraus folgt eine Verpflichtung, die kulturelle Identität der etwa 150 000 in Deutschland lebenden Sinti und Roma zu fördern, insbesondere die Sprache Romanes: „Bisher gibt es in ganz Deutschland keine entsprechende Einrichtung“, sagt Strauß. Schleswig-Holstein ist sogar noch einen Schritt weitergegangen und hat 2012 die Verfassung geändert; Hessen, Bayern und Rheinland-Pfalz haben Vereinbarungen abgeschlossen.

Die Unterzeichnung des Staatsvertrages soll später im Jahr „an einem unbelasteten Tag“ erfolgen, hofft Strauß – am Freitag steht das Gedenken an die Ermordeten im Mittelpunkt. Schon ab 1935 hat der nationalsozialistische Staat Repressalien gegen die „Zigeuner“ verhängt. Im April 1940 wurden vom Hohenasperg aus Sinti und Roma nach Polen verschleppt. Überall im Deutschen Reich eröffneten die Nazis dann spezielle „Zwangslager“, darunter auch in Ravensburg, von wo im März 1943 auch 36 Personen nach Stuttgart gebracht wurden – sie gehören zu den 234 Deportierten.

Etwa 500 000 Menschen sind umgekommen

Überall im Deutschen Reich fuhren zu jener Zeit die Güterzüge; denn im Dezember 1942 hatte Heinrich Himmler bestimmt, dass alle Sinti und Roma in Konzentrationslager deportiert werden sollten. Die Historiker schätzen, dass insgesamt eine halbe Million Sinti und Roma umgekommen sind. Auch Stuttgarter Kinder starben am 4. August 1944 in den Gaskammern, als die SS das „Zigeunerlager“ in Auschwitz-Birkenau ganz auflöste.

Eine jüdische Ärztin hat festgehalten, wie sie die Ermordung der Kinder erlebte: „Gegen 22.30 Uhr hielten die SS-Männer vor unserem Block (. . .) Es galt nicht uns, sondern dem Waisenblock gegenüber. Wir hören die kurzen Befehle der SS, das Kreischen der Kinder. Ich erkenne die einzelnen Stimmen: Die Älteren wehren sich hörbar, rufen um Hilfe, brüllen Verrat, Schufte, Mörder!“ Nach einer knappen Stunde ist alles vorbei. Alle sind tot.