Gedenkinitiative in Nürtingen Aus der Heilanstalt in den Tod geschickt

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Karl Balz aus Wolfschlugen wurde von den Nazis ermordet. In Nürtingen wird jetzt an ihn erinnert.

Eine Gedenkstätte auf dem Waldfriedhof erinnert an die vier Opfer der NS-„Euthanasie“-Morde. Sie ist vor vier Jahren eingeweiht worden. Foto: Kaßberger
Eine Gedenkstätte auf dem Waldfriedhof erinnert an die vier Opfer der NS-„Euthanasie“-Morde. Sie ist vor vier Jahren eingeweiht worden. Foto: Kaßberger

Nürtingen/Wolfschlugen - Zwei Kinder von Karl Wilhelm Balz hatten im Jahr 1940 noch versucht, ihren Vater aus der HeilanstaltWeißenau bei Ravensburg zurück nach Hause zu holen. Doch ihre Mission schlug fehl. Kurze Zeit später, am 9. September, brachten die Nazis Karl Balz nach Grafeneck und ermordeten ihn. Irene Kaßberger – die Enkelin von Karl Balz – und ihr Mann Günter haben das Schicksal des Mordopfers aus Wolfschlugen aufgeschrieben. Die Gedenkinitiative für die Opfer und Leidtragenden des Nationalsozialismus in Nürtingen erinnert jetzt am Denk-Ort vor der Nürtinger Kreuzkirche an Karl Balz.

Zum Überleben müssen alle in der Familie mit anpacken

Der 1870 in Wolfschlugen geborene Karl Balz heiratete im Alter von 26 Jahren die gleichaltrige Christiane Stoll. Das Paar bekam zehn Kinder, von denen sieben überlebten. Die Familie lebte in äußerst beengten Verhältnissen. Nach Beendigung der Volksschule hatte Karl Balz bei Bauern, als Gipser und Waldarbeiter sein Leben verdingt. Das karge Haushaltsgeld besserte die Mutter durch Stickarbeiten auf, die in Stuttgart bei wohlhabenden Bürgern und am königlichen Hof Abnehmer fanden. „Oft arbeitete sie bis in die Morgenstunden bei kümmerlichem Licht“, berichten Irene und Günter Kaßberger. Auch die Kinder mussten mit anpacken, nach der Schule arbeiteten sie bei Bauern und erhielten dafür Naturalien.

Nachdem seine Frau 1928 gestorben war, traten bei Karl Balz depressive Verstimmungen auf, verbunden mit Selbstanklagen. Weil sich sein Gesundheitszustand nicht besserte, wurde der Wolfschlugener nach Tübingen in die Universitäts-Nervenklinik überwiesen. Zehn Monate später, im Juli 1932, erfolgte schließlich die Verlegung in die Heilanstalt nach Weißenau. Seine Angehörigen besuchten Karl Balz dort hin und wieder.

Ärzte überreden die Kinder, den Vater nicht mitzunehmen

„1940 tauchte in Oberensingen ein Mann auf, der aus Weißenau geflohen war und erzählte, dass die Insassen von dort mit grauen Bussen weggeschafft würden und man nichts mehr von ihnen höre“, schreiben Irene und Günter Kaßberger. Dadurch aufgeschreckt, starteten die Kinder ihren Rettungsversuch. Die Ärzte in Weißenau überredeten die Kinder aber, den Vater nicht nach Hause zu nehmen, weil sie mit der Betreuung überfordert seien. „Bei diesem letzten Besuch sagte ihnen der Vater: ,Ich habe schon eine Nummer‘ und zeigte ihnen seinen Unterarm, auf dem eine mit Kopierstift geschriebene Zahl stand. Mit dieser Nummer wurde er statt seines Namens, ab dem Einsteigen in den Bus angesprochen.“

Der Bus, den Irene und Günter Kaßberger ansprechen, ist einer jener grauen Busse gewesen, mit denen psychisch Kranke damals nach Grafeneck gebracht wurden. Dort im Kreis Münsingen wurde Karl Balz durch Gas ermordet. Für Karl Balz und vier weitere Opfer der NS-„Euthanasie“-Morde aus Wolfschlugen ist auf dem dortigen Waldfriedhof nach einem einstimmigen Beschluss des Gemeinderats vor vier Jahren eine Gedenkstätte eingeweiht worden.