Gedenkplatte auf dem Göppinger Friedhof Anonyme Nazi-Opfer werden dem Vergessen entrissen

Von  

Eine Gedenkplatte auf dem Göppinger Friedhof gibt toten Zwangsarbeiterinnen der WMF einen Namen. Möglich gemacht hat das Projekt die Historikerin Sybille Eberhardt.

Der Göppinger Oberbürgermeister Guido Till (rechts) und sein Geislinger Amtskollege Frank Dehmer enthüllen die Gedenkplatte des Künstlers Uli Gsell. Foto: Horst Rudel
Der Göppinger Oberbürgermeister Guido Till (rechts) und sein Geislinger Amtskollege Frank Dehmer enthüllen die Gedenkplatte des Künstlers Uli Gsell. Foto: Horst Rudel

Göppingen - Sie wurden ausgebeutet, angefeindet, ausgegrenzt und misshandelt. Viele jüdische Frauen und Männer, die von den Nationalsozialisten bei der Geislinger WMF oder bei anderen Firmen im Kreis Göppingen für die Zwangsarbeit kaserniert worden sind, starben angesichts der ihnen auferlegten Torturen. Nach ihrem Tod wurden sie häufig in anonymen Massengräbern bestattet, was gewissermaßen einer Auslöschung ihres Daseins gleichkam.

Die Historikerin Sybille Eberhardt hat es sich zur Aufgabe gemacht, anonyme Nazi-Opfer dem Vergessen zu entreißen, was ihr jetzt mit dem Abschluss einer weiteren Aktion gelungen ist. An diesem Dienstag wurde auf dem Göppinger Hauptfriedhof eine Gedenkplatte ihrer Bestimmung übergeben, die an zwölf dort bestattete jüdische WMF-Zwangsarbeiterinnen erinnert.

Acht Namen der toten Frauen sind jetzt bekannt

Acht Namen der toten Frauen konnte Eberhardt recherchieren, was sie jetzt als Vermächtnis weitergibt. „Diese Anwesenheit der Toten in der Göppinger Stadtgesellschaft kann eine Bereicherung sein, die es zu nutzen gilt“, betonte sie während der Zeremonie und gewährte einen kleinen Einblick in ihre Arbeit.

Möglich geworden sei diese erst nachdem ihr Aaron Swoboda, der Leiter der Friedhofsverwaltung im vergangenen Jahr alte Dokumente zur Verfügung gestellt habe. „Erst dadurch konnten die neun Gräber dieser Gräberzeile lokalisiert werden, die die Asche beziehungsweise die Gebeine der zwölf in Geislingen verstorbenen erwachsenen weiblichen Häftlinge bergen“, erklärte Sybille Eberhardt.

Till: Sich zu erinnern, ist wichtiger denn je

Sie verlas die nunmehr bekannten Namen der Bestatteten und erhielt dabei Unterstützung von drei Zehntklässlerinnen der Uhland-Realschule, die biografische Daten und weitere Erkenntnisse zu den toten Zwangsarbeiterinnen vortrugen. Außerdem wurden schlimme Details preis gegeben, die den Frauen, bei ihrer Arbeit und im Lager, widerfahren waren.

Der Geislinger Oberbürgermeister Frank Dehmer stellte die Bedeutung „des Gedenkens und des Versöhnens“ heraus und zeigte sich von Begegnungen mit früheren Zwangsarbeiterinnen und deren Nachkommen tief beeindruckt. Sein Göppinger Amtskollege Guido Till unterstrich, „dass es wichtig ist, den toten Frauen ihre Identität zurückzugeben“. Sich zu erinnern, sei angesichts des zunehmenden Antisemitismus wichtiger denn je.

Forschungspreis für Sybille Eberhardt

Sybille Eberhardt bedankte sich bei der Stadt Göppingen und weiteren Spendern für die Finanzierung der Gedenkplatte sowie bei etlichen weiteren Beteiligten, „ohne die eine Realisierung des Projekts nicht möglich gewesen wäre“. Ihr Dank ging darüber hinaus an den Künstler Uli Gsell, der den Basaltlava-Stein gestaltet hat.

Der Initiatorin wiederum wird in dieser Woche ebenfalls noch gedankt. Ihre Arbeit und ihr Buch „Als das Boot zur Galeere wurde“, in dem es ebenfalls um jüdische Zwangsarbeiterinnen bei der WMF geht, werden vom Land Baden-Württemberg mit einem Forschungspreis bedacht.