Nach dem Erkenntnisstand noch vor wenigen Jahren soll die Deportation der Juden aus Stuttgart – insgesamt waren es zehn Züge zwischen Dezember 1941 und März 1943 – weitgehend zivilisiert verlaufen sein: Die Gepäckstücke etwa wurden an einer Sammelstelle akkurat in Möbelwagen verstaut. Heute ist bekannt: Das waren gestellte Propagandabilder der Nazis, die eben den Eindruck einer „Umsiedlung“ unterstreichen sollten.
Weitere Details werden bekannt
Auch mehr als 70 Jahre nach diesen Schreckenstaten tauchen immer wieder neue Hinweise auf: Es gibt weitere Personen, jetzt auch namentlich bekannt, die damals von Stuttgart aus deportiert wurden. Außerdem weiß man nun genauer, wie die Opfer zunächst in Judenhäusern oder in jüdischen Altersheimen zusammengepfercht, dann in den Killesberg-Hallen zusammengetrieben wurden, bevor es zu den Zügen an den Abstellgleisen beim Nordbahnhof ging.
Für den Verein Zeichen der Erinnerung ist das ein guter Anlass, die gleichnamige Gedenkstätte am Nordbahnhof lebendig zu halten, also den Ort, an dem die fünf Abstellgleise aus jenen Jahren stumm und plastisch zugleich an diese Gräueltaten erinnern. Dazu wurden die fünf Gedenktafeln neu gestaltet, die Bilder neu ausgewählt, die Texte neu verfasst. Sie ersetzen jene aus dem Jahre 2006, als die Gedenkstätte eingeweiht wurde. Und an der Seitenwand sind weitere Namen von Deportierten hinzugekommen. 2700 Personen sind da jetzt genannt, bisher waren es 2300. Dazu gibt es die Namen von 240 Sinti und Roma, die bisher nicht bekannt waren. In einer kleinen Feierstunde wurde jetzt die neu gestaltete Gedenkstätte der Öffentlichkeit übergeben. Acuh anderweitig ist der Verein bemüht, das Erinnern möglichst lebendig zu halten an diesem Ort – etwa mit umfangreichen Gedenkveranstaltungen an den Jahrestagen, an denen Deportationszüge abfuhren aus Stuttgart.
Unruhe im Erscheinungsbild
Viel Arbeit im Detail steckt da drin. Etwa die Antwort auf die Frage, wie die zusätzlichen Namen an der Seitenwand untergebracht werden können, die auf den ersten Blick schon gut gefüllt sind.
Die Lösung: Der bisherige Zeilenumbruch wird teilweise aufgelöst, neue Namen stehen nun zwischen den bisherigen Zeilen. „Das schafft Unruhe, stört das Erscheinungsbild. Das ist so gewollt“, so Andreas Keller, Vorsitzender des Vereins Zeichen der Erinnerung in der Feierstunde. Ein anderes Beispiel sind die Gedenktafeln selbst: „Anderthalb Jahre lang hat der Vorstand an den Texten gearbeitet, um all den Anforderungen Rechnung zu tragen“, so Keller. Die konkrete Gestaltung hat die Designagentur Milla & Partner übernommen, sie haben dazu auch nach entsprechenden historischen Schrifttypen geforscht.
Viele Fotos sind Propaganda-Aufnahmen
Besondere Aufmerksamkeit gehört da der Bildauswahl. „Es gibt 75 Fotos und einen Acht-Minuten-Film zur Thematik Deportation in Stuttgart“, sagt Keller. Recherchiert hat das Roland Müller, bis 2021 Leiter des Stuttgarter Stadtarchivs, inzwischen im Ruhestand. Er hatte auch das eingangs erwähnte Bild mit den Möbelwagen ausgewählt, bis er es als Propaganda-Aufnahme entlarvte. Unter diesem Zerrbild sind nun auch die anderen Fotos zu betrachten: Das ist schöner Schein, die Realität war anders.
Die Erinnerung lebendig halten – das war auch eine der Triebfedern, die Staatssekretär Arne Braun an diesem Nachmittag zu der Gedenkstätte am Nordbahnhof führte: „Das ist ja eigentlich nicht mein Ressort, aber an Mahnmalen bin ich sehr interessiert“, so Braun: „Man muss den Opfern Namen geben, nur so bleiben die Taten begreifbar“. Und angesichts der neuen Tafeln sagt Braun: „Gedenken ist nichts Statisches, man muss da immer aufs Neue ran und aktualisieren.“ Für Stuttgarts Kulturamtsleiter Marc Gegenfurtner ist dafür dieser Ort am Nordbahnhof genau richtig: „Es gibt in Stuttgart wohl kaum einen anderen Ort, wo das Grauen der Schoah so deutlich wird“.
Ähnliche Worte fand auch Michael Kashi, Vorstandsmitglied der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg: „Wenn man nicht weiß, was geschehen ist, kann man auch nicht wissen, was geschehen kann. Das gemeinsame Erinnern ist sehr wichtig für das Wissen“.