Die Stadt Stuttgart und das Land Baden-Württemberg einigen sich auf die Rahmenbedingungen für die Gedenkstätte, die aber eine neue Konzeption erforderlich machen.

Stuttgart - Lange Zeit ist über das Hotel Silber in der Dorotheenstraße debattiert und teils heftig gestritten worden, seit Donnerstag nimmt die Zukunft der ehemaligen Gestapozentrale Gestalt an. Zur inhaltlichen Konzeption gibt es für die künftige Gedenkstätte zum Nationalsozialismus nun auch einen äußeren Rahmen, der von Vertretern der Stadt und des Wissenschaftsministeriums gesteckt wurde – aber vor allem von den Mitgliedern der Initiative Hotel Silber als zu beengend empfunden wird. „Damit können wir unsere gesamte Konzeptarbeit in die Tonne stecken“, sagt Harald Stingele, Sprecher der Initiative.

Wie berichtet, haben sich Stadt und Land erneut über den Gedenkort beraten und dabei wesentliche Punkte beschlossen. Ein Ergebnis der Gespräche ist etwa, dass die Gedenkstätte in einem Schritt und nicht abschnittsweise in Betrieb genommen wird. Zudem hat sich die Runde darauf verständigt, dass die Betriebskosten jeweils zur Hälfte von der Stadt und dem Land getragen werden. Eine halbe Million Euro pro Jahr sind alleine für Personal, Marketing und Materialen veranschlagt worden, weshalb am Donnerstag offenbar in anderen Bereichen nach Sparpotenzial gesucht wurde. Fündig wurde man bei der Größe der künftigen Ausstellung, die entgegen der Planung um eine ganze Etage zusammengestrichen wurde, um Kosten für die Sanierung und die spätere Miete zu sparen

Ausstellungsmacher wurden nicht befragt

„Wir sind in der Größenordnung runtergegangen, das Ergebnis ist aber alles andere als eine Billiglösung“, betont Kulturbürgermeisterin Susanne Eisenmann (CDU). Damit sei der entscheidende Schritt gelungen. Daran beteiligt waren zudem Ministerialdirektor Wolfgang Leidig (SPD) und der Staatssekretär Jürgen Walter (Grüne) - die Ausstellungsmacher dagegen waren inhaltlich nicht eingebunden, wie Stingele beklagt. Weder die Initiative noch das Haus der Geschichte, die gemeinsam ein umfassendes Konzept für die Ausstellungsräume im Hotel Silber erarbeitet und vorgelegt haben, seien vor der weitreichenden Entscheidung zur Sache befragt worden, so Stingele. „Wir wurden nur hinterher informiert, was beschlossen wurde.“

Über die Möglichkeit, inhaltlich zu argumentieren und andere Einsparmöglichkeiten vorzuschlagen, hätte sich grundsätzlich auch Thomas Schnabel gefreut. Vorbehaltlos gut findet der Museumsdirektor vom Haus der Geschichte, dass die Gedenkstätte in der Dorotheenstraße nun am Stück eröffnet werden soll und nicht scheibchenweise zugänglich gemacht wird, wie er sagt: „Schön, dass es noch so viel Geld für Kultur gibt.“ Der deutliche Schnitt bei der Ausstellungsgröße drückt seine Stimmung allerdings etwas. Der große Reiz des Hauses sei, so Schnabel, dass es 1928 bis 1984 fast lückenlos polizeilich genutzt worden sei. Unter anderm wurde hier die Deportation der württembergischen Juden organisiert. Überwacht und verfolgt wurden von hier aus zudem auch Sinti und Roma, Zwangsarbeiter, Homosexuelle und politisch Andersdenkende. Um diese bewegte Geschichte zu erzählen, brauche man Platz. Man habe dafür mit der Initiative ein sehr überzeugendes Konzept erarbeitet, das von allen Seiten gelobt worden sei, sagt Schnabel. Unter den veränderten Voraussetzungen lasse es sich aber nicht mehr umsetzen. „Stattdessen müssen wir jetzt ein neues Konzept machen.“

Stadt und Land wollen Kosten sparen

Die Initiative Hotel Silber sieht mit der Entscheidung derweil auch die Chance vertan, „mit einem großen Dokumentationszentrum in der Bundesliga zu spielen“, so Stingele, den besonders schmerzt, dass ausgerechnet die zweite Etage gestrichen wurde. Diese sei die Chefetage der Gestapo gewesen, im Konzept war sie mit dem ersten Stock als Fläche für die Dauerausstellung vorgesehen. Das Erdgeschoss hatten die Planer in ihrer Gesamtkonzeption für Workshops, Diskussionen, Vorträge und andere Veranstaltungen reserviert. Und der Keller sollte für Wechselausstellungen genutzt werden. Alles in allem hätten auf den vier Etagen 1300 Quadratmeter für die Gedenkstätte zur Verfügung gestanden.

Mit der zweiten Etage soll nun ein Teil der Fläche kommerziell vermietet werden, um Kosten für den Betrieb zu sparen. Uneins sind sich Stadt und Land dabei nach wie vor, wer die 300 000 Euro an Miete, Strom und anderen Nebenkosten zahlen soll. Das Land fordert eine Beteiligung der Stadt Stuttgart, die sich wiederum schwer damit tut, weil das Haus ohnehin dem Land Baden-Württemberg gehört und von der Landesstiftung vermietet wird.

Eröffnung im Jahr 2016?

Klar ist hingegen, dass die Kosten für Einrichtung und Erstausstattung der Gedenkstätte fifty-fifty geteilt werden, wofür rund 3,5 Millionen Euro veranschlagt wurden. Die Sanierung der ehemaligen Gestapozentrale bezahlt das Land alleine. Nach der Sommerpause sollen die genauen Zahlen abschließend besprochen werden. Dann muss der Gemeinderat noch zustimmen und die Beteiligung der Stadt im Herbst in den nächsten Doppelhaushalt einstellen, damit die Gedenkstätte wie geplant Anfang 2016 eröffnet werden kann.

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