Gedenkstätte in Hessen Wie das „Zonenlager“ in Gießen die Ängste schürte

Das Aufnahmelager im Modell Foto: Christian Lademann/dpa

In Gießen ist eine Gedenkstätte für das Bundesnotaufnahmelager für DDR-Flüchtlinge eröffnet worden. Ein Blick in seine Geschichte zeigt Parallelen zu heute.

Für viele war es das Tor zur Freiheit – im Juni ist die Gedenkstätte „Notaufnahmelager Gießen“ im Beisein von Ex-Bundespräsident Joachim Gauck offiziell eröffnet worden. Es ist ein von simplen Wohnblöcken geprägter Ort in Bahnhofsnähe der Universitätsstadt, an dem zwischen 1945 und 1990 rund 900 000 Flüchtlinge, freigekaufte Häftlinge oder Ausreisende aus der „sowjetisch besetzten Zone“ (SBZ) beziehungsweise DDR und anfangs auch Vertriebene aus den Ostgebieten für ein paar Tage aufgenommen, registriert, anerkannt, vom Verfassungsschutz geprüft und weiter vermittelt worden sind.

 

Gießen steht etwas im Schatten des Grenzdurchgangslagers Friedland in Niedersachsen, wo Heimatvertriebene aufgenommen wurden, aber die Geschichte des „Zonenlagers“ und wie es seit 1963 hieß – zentralem Bundesnotaufnahmelagers – ist trotzdem fesselnd.

Miserable Zustände in Unterkünften mit Dreistockbetten

Es gab eine starke Wellenbewegung in der Akzeptanz der Ankommenden, berichtet der Gedenkstättenleiter und Historiker Florian Greiner. Anfangs sei es sehr „harmonisch“ verlaufen, aber Ende der 1940er Jahre habe es eine breite Debatte darüber gegeben, ob man SBZ-Flüchtlinge – obwohl sie Deutsche waren – einfach so „rein lassen“ dürfe. Lokal regte sich Widerstand, im Oktober 1949 fordert das Stadtparlament von Gießen eine Verlegung des Lagers an die Zonengrenze. Die hohe Zahl an „Illegalen“ sei eine nicht zu unterschätzende Belastung“, und der damalige Oberbürgermeister von Gießen, Otto-Heinz Engler, fürchtet „Seuchen“ und „sittliche Gefahren“. Ein Grund für die Ablehnung dürfte auch der miserable Zustand der Notunterkünfte mit ihren bis zu 700 Betten (dreistöckig) gewesen sein. Aber auch bundesweit regte sich Groll gegen die deutschen Flüchtlinge.

Ex-Bundespräsident Joachim Gauck bei der Eröffnung der Gedenkstätte. Foto: Christian Lademann/dpa

„Wenn wir keinerlei Schutzmaßnahmen gegen diejenigen treffen, die aus leichtsinnigen Erwägungen hierher kommen, dann schwillt eben der Zustrom aus der Ostzone derart an, dass hier ein Verelendungsheer entsteht“, warnte der FDP-Abgeordnete August-Martin Euler im März 1950 im Bundestag. Dort habe es eine emotionale Debatte geben, sagt Greiner, die Opposition habe „alle Deutschen rein lassen wollen“, die Adenauer-CDU sei der Ansicht gewesen, dass die Aufnahmegesellschaft von der Zahl der Ankommenden überfordert sei. Letztere setzte sich durch: Von 1950 bis 1952 galt ein striktes Notaufnahmegesetz, dass SBZ-Flüchtlinge nur bei politischer Verfolgung oder „Gefahr für Leib und Leben“ die Aufnahme gestattete.

Mancher fühlte sich an DDR-Methoden erinnert

„In der Zeit sind die Hälfte aller Anträge auf Aufnahme abgelehnt worden“, berichtet Gerstner. Abgewiesene sind nicht deportiert worden, aber an Auffanglager in der Nähe des grenznahen Bebras verwiesen worden, wo man hoffte, dass sie freiwillig zurückreisen. „Entscheidend bei ihrer Ablehnung war, dass sie keinen Anspruch auf eine Sozialversorgung durch den Staat mehr hatten“, sagt Gerstner. Bis zu 14 Stationen musste ein Ankömmling in Gießen durchlaufen – vom Medizincheck über den Antragswust bis hin zum Verhör durch den Verfassungsschutz oder die CIA auf möglicherweise geheimdienstliche Tätigkeiten. Mancher reagierte erbost über den intensiven Check, fühlte sich an die DDR-Methoden erinnert. In den 50er Jahren ist der US-Geheimdienst nach Protesten ausquartiert worden, in den 70er Jahren gab es einen Skandal, weil der Verfassungsschutz nicht ausreichend über das Zeugnisverweigerungsrecht aufklärte.

Gießen hatte partiell aber auch eine sehr menschliche Willkommenskultur. Der langjährige Lagerleiter Heinz Dürr gab das Credo, „seid freundlich und zuvorkommend“ für seine Mitarbeiter aus, Anfang der 1960 ließ er einen Springbrunnen ans Eingangstor setzen als „Willkommensgruß“ und überzeugt war er von der These, dass in einer Aufnahmegesellschaft schon jeder seinen Platz finden werde und man dem Thema „mit Gelassenheit“ begegnen solle.

Gießen hatte große Schwankungen in der Belegung, nach dem Mauerbau 1961 kam fast niemand mehr, nach 1972 stiegen die Zahlen und nach den KSZE-Beschlüssen 1984 wieder rasant. Migrationsbewegungen wie nach dem Zweiten Weltkrieg, vor dem Zusammenbruch der DDR oder 2015 hätten das Land „nicht zerbrochen“, sagte Ex-Bundespräsident Gauck bei der Eröffnung, es habe sich vielmehr als „stark“ erwiesen. Die Integration der Zuwanderer sei eine „Generationenaufgabe“. Gedenkstättenleiter Greiner hat das Ziel, rund 30 000 Besucher im Jahr – vor allem Schulklassen – zu gewinnen. Ausstellungsbesucher zeigen sich emotional berührt. Er sei mit seinen Eltern aus Oberschlesien gekommen, berichtet ein älterer Besucher: „Drüben war wir das Nazi-Pack, aber hier hat man uns als Polacken beschimpft.“ Erst langsam schließe er mit der Vergangenheit ab. Hessen sei nun seine Heimat.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Gießen DDR Hessen