Gedenkstunde in Filderstadt Hoffnung auf ein Leben ohne Krieg

Menschen aus Filderstadt und der ukrainischen Partnerstadt Poltawa kamen vor der Filharmonie zusammen, die in den Farben der Ukraine angestrahlt war. Foto: Natalie Kanter

Am Samstag jährt sich der Beginn des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine zum zweiten Mal. In Filderstadt ist die Solidarität mit der Ukraine und mit den Menschen in Poltawa – der ukrainischen Partnerstadt – groß. Das hat eine bewegende Gedenkstunde gezeigt.

Diese Worte treffen mitten ins Herz: „Eines Tages werden wir zurückkehren und aus den Trümmern etwas Neues aufbauen“, sagt Sofia Borystschuk. „Denn dort, wo Krieg herrscht, können Kinder nicht spielen, Blumen nicht gepflückt werden.“ Seit fast zwei Jahren träumt die Jugendliche davon, zurück nach Hause zu fahren, wieder in Poltawa zu leben, dort zur Schule zu gehen und ihre alten Freunde zu treffen.

 

Die junge Frau lebt seit Beginn des russischen Angriffskriegs mit ihrer Mutter in Filderstadt, jener Kommune, die gemeinsam mit Ostfildern und Leinfelden-Echterdingen eine Städtepartnerschaft mit Poltawa pflegt. Die Jugendliche besucht die neunte Klasse der Realschule in Bonlanden. „Ich habe so eine Wut auf diejenigen, die diesen sinnlosen Krieg führen“, sagt sie. Und fragt: „Warum müssen unschuldige Kinder sterben?“

Bei diesen Sätzen wird es ganz still unter dem Vordach der Filharmonie, das an diesem Dienstagabend in den Farben der Ukraine angestrahlt ist. Eine größere Menschengruppe hat sich dort versammelt, wenige Tage bevor sich der Kriegsbeginn zum zweiten Mal jährt. Die Teilnehmer der Gedenkstunde, welche das Filderstädter Städtepartnerschaftsbüro für die ukrainische Stadt Poltawa organisiert hat, wollen Solidarität mit den Menschen in der Ukraine zeigen. Einige haben ukrainische Flaggen mitgebracht, tragen sie über den Schultern. Andere halten selbst gebastelte Plakate in die Höhe.

Unsere Solidarität bleibt so lange bestehen, wie sie benötigt wird“, sagt der Oberbürgermeister Christoph Traub in seinem Redebeitrag. „Familien müssen fliehen, werden auseinandergerissen, das Leid der Ukrainerinnen und Ukrainer ist nicht ausmachbar“, betont er. Dass nun seit fast zwei Jahren Krieg mitten in Europa herrsche, „damit wollen wir uns nicht abfinden, daran wollen wir uns nicht gewöhnen“, sagt er. Aber auch: „Unsere Hoffnung auf ein schnelles Ende des Krieges hat sich nicht erfüllt.“

Eine Minute lang wird gemeinsam geschwiegen, um der unzähligen Opfer zu gedenken. „Liebe Erwachsene, stoppt den Krieg“ und „Gott schütze die Ukraine“, spielen und singen die Kinder der Familie Strilchuck später in ihrer Landessprache. Lehrerinnen der Filderstädter Musikschule haben die Stücke mit den Mädchen und Jungs einstudiert. Die sieben Kinder sind mit ihrer Mutter aus Luzk – einer Stadt in der nordwestlichen Ukraine geflohen. „Die Stadt wurde nicht zerstört, aber dort ist es sehr gefährlich“, sagt die Mutter. Oksana Laschenko, die an einer Stuttgarter Realschule ukrainischen Mädchen die deutsche Sprache beibringt, übersetzt ihre Worte. Die Familie kam zunächst in Oberboihingen bei Freunden unter, jetzt lebt sie in Filderstadt.

Poltawa ist vom Bombenhagel der Russen bisher verschont geblieben. Allerdings gibt es dort laut Tamara Postnikova ständig Luftalarm. Sie arbeitet für das Städtepartnerschaftsbüro in Filderstadt. Es seien dort immer wieder heftige Explosionen zu hören, wenn russische Raketen von den ukrainischen Abwehrsystemen abgefangen werden. „Die Menschen dort sind fix und fertig“, sagt sie. „Sie finden keine Ruhe – schlafen nicht.“ Dennoch würden viele der Einheimischen versuchen, in Poltawa zu bleiben, um den Menschen, die dorthin aus anderen ukrainischen Städten fliehen, zu helfen.

Mit einer Tasche nach Deutschland

Auch Olha Fedina hat sich entschlossen, an diesem Abend ans Mikrofon zu treten. Die 30-Jährige will ihre Geschichte erzählen. Sie berichtet davon, wie sie den 24. Februar vor zwei Jahren in Poltawa erlebt hat. Ihre Mutter und Großmutter seien schon wach gewesen, als sie an jenem Tag aufgestanden sei, erzählt sie. Sie hätten ihr erklärt, dass Krieg in der Ukraine herrsche. „Die Menschen haben sich mit Lebensmitteln eingedeckt, dann wurden die Straßen immer leerer, die Stadt war wie erstarrt“, sagt sie. „Wir haben uns zu dritt im Badezimmer versteckt, dem vermeintlich sichersten Ort der Wohnung.“ Später habe sie sich einer freiwilligen Einheit angeschlossen, um zu helfen.

Als russische Gräueltaten in den besetzten Gebieten passierten, hätten Freunde und Familie sie überredet, das Land zu verlassen. Sie kann sich gut an die Situation am Bahnhof erinnern: „Die Menschen warteten tagelang auf den nächsten Zug, der in Richtung Westen fuhr.“ „Ich kam in Deutschland mit einer Tasche an“, sagt sie. Dass sie Kleider geschenkt bekam, habe ihr sehr geholfen. Olha Fedina wurde von einer Familie aufgenommen, die sie vor zwölf Jahren bei einem Schüleraustausch kennengelernt hatte.

Poltawa – Partnerstadt zwischen Kiew und Charkiw

Städtepartnerschaft
Filderstadt, Leinfelden-Echterdingen und Ostfildern pflegen seit Jahrzehnten eine Partnerschaft mit der ukrainischen Stadt Poltawa. Diese „liegt auf der Strecke zwischen der Hauptstadt Kiew und Charkiw etwa auf halber Höhe“, hat Roland Klenk, der scheidende Rathauschef in Leinfelden-Echterdingen, unserer Zeitung einmal erläutert.

Solidaritätszeichen
 Bestürzt von den damaligen Entwicklungen in der Ukraine hatten die Oberbürgermeister von Leinfelden-Echterdingen, Filderstadt und Ostfildern dem Bürgermeister von Poltawa vor zwei Jahren einen Brief geschickt. Sie hatten darin ihr Mitgefühl und ihre Sorgen zum Ausdruck gebracht. Der Brief sollte nicht das einzige Solidaritätszeichen bleiben.

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