Gedenktag für Nazi-Opfer in Winnenden „Objekte der Barmherzigkeit“

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Im Schloss ist den Opfern der Euthanasieverbrechen gedacht worden. Psychiatriepatienten mussten einst teils qualvolle Torturen ertragen.

Mahnmal für die Holocaustopfer beim Zentrum für Psychiatrie. Foto: Gottfried Stoppel
Mahnmal für die Holocaustopfer beim Zentrum für Psychiatrie. Foto: Gottfried Stoppel

Winnenden - Wir kehren nun in unseren Alltag zurück und nehmen den Auftrag Theodor Adornos mit.“ Der evangelische Seelsorger Thomas Rabus verabschiedet sich mit diesen Worten am Freitagabend von jenen, die mit ihm zu dem Mahnmal im Winnender Schlosspark gekommen sind, um der Opfer des Naziregimes zu gedenken. Auch im Winnender Schloss hat die unmenschliche Ideologie der Nazis unschuldige Opfer gefordert. Psychisch kranke Menschen wurden aus dem Krankenhaus – damals die Heilanstalt Winnenthal – nach Schloss Grafeneck bei Münsingen gebracht und dort zu Opfern der „Aktion T 4“, dem systematischen Mord an Behinderten. Das Klinikum im Schloss Winnenden geht offensiv mit dieser Vergangenheit um, ganz nach den Vorstellungen des Philosophen Adorno, der den Rückfall in die Barbarei befürchtet, falls deren Ausmaß zu Zeiten der Nazidiktatur der Bevölkerung nicht dauerhaft bewusst bleibt. Die Erinnerung an die Opfer ist zugleich eine Mahnung an alle, nicht zu vergessen.

Gedenkstunde für Euthanasie-Opfer

Jedes Jahr lädt das Klinikum Schloss Winnenden deshalb am 27. Januar – dem Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus – zu einer Gedenkstunde ein. Lange Zeit war das Schicksal der Euthanasie-Opfer des Naziregimes nicht beachtet worden. Die Bildhauerin Dorothea Buck ist eine von ihnen. Die 94-Jährige lebt in Hamburg und engagiert sich in dem von ihr mitbegründeten Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener . Bei der Feier steht ihr Leben im Mittelpunkt, obwohl die hochbetagte Künstlerin wegen der beschwerlichen Anreise nicht anwesend sein kann. In dem Film „Himmel und mehr“ von Alexandra Pohlmeier lernt man sie jedoch sehr gut kennen.

„Ich hoffe, Sie lassen sich auch anstecken von dieser sehr besonderen Person“, sagt Pohlmeier zu den Anwesenden, bevor der Film im Festsaal des Schlosses gezeigt wird. Das Publikum, darunter sind der Winnender Oberbürgermeister Hartmut Holzwarth, die Stadträtin Ursula Bodamer und der Grünen-Stadtrat und Landtagsabgeordnete Willi Halder, lernt eine überaus heitere, aber auch energisch wirkende Frau kennen, die ganz unbefangen über ihre Erfahrungen mit Psychosen spricht. Diese haben ihr Leben geprägt. Sie sieht sie als Bereicherung, ihr Geist sei dadurch erweitert worden. „Ich brauchte diese fünf Schübe. Der Traum und die Psychose kommen aus derselben Quelle“, sagt Dorothea Buck in den Gesprächen, die Alexandra Pohlmeier mit ihr geführt und aufgezeichnet hat. Dass sie dadurch als junge Frau 1936 in Lebensgefahr geriet, war weder ihr noch ihrer Familie bewusst. „1943 in Frankfurt ist sie nur um Haaresbreite dem Tod entronnen“, sagt Alexandra Pohlmeier.

Unvorstellbare Torturen

Wegen des ersten psychotischen Schubs kam Buck in die christliche Einrichtung Bethel. „Diese wurde die Stadt der Barmherzigkeit genannt“, sagt Dorothea Buck im Film. „Und wir waren die Objekte der Barmherzigkeit.“ Was man den Kranken angetan hat, um sie zu „beruhigen“, spottet jeder Beschreibung. Dauerbäder von 23 Stunden in lauwarmem Wasser, den Kopf fixiert in einer Abdeckung der Wanne, kalte Kopfgüsse und Packungen in kalt-nassen Tüchern zählten zu den Torturen, die man den Kranken im besten Gewissen verabreichte, ihnen damit zu helfen.

Was in den Kranken vorgeht, schien nicht von Belang zu sein. „Man wurde mit einem betäubenden Getränk empfangen statt mit einem Gespräch“, berichtet Dorothea Buck, die in Bethel zwangssterilisiert wird. Als sie wegen der Narbe fragt, wird sie angelogen, das sei der Blinddarm. „Ich war abgestempelt, stigmatisiert.“

Als Zwangssterilisierte darf sie während der Nazidiktatur nur einen freien Beruf ergreifen. Die Bildhauerei fasziniert sie. Noch ohne Ausbildung erschafft sie die Statue einer knienden Frau, die in ihrem Schmerz den Kopf in den Nacken legt. „Du kannst eine solche Behandlung nicht akzeptieren“, sagt sie sich später und beginnt, über ihr Leben zu schreiben. Für ihr Engagement ist sie mit dem Bundesverdienstkreuz Erster Klasse und dem Großen Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet worden.




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