Gedenkveranstaltung in Bad Cannstatt Das Schicksal der Familie Marx

Die Gedenkveranstaltung fand vor dem Café Bliss statt. Dort hatte die Band- und Gurtenweberei der Familie Marx ihren Hauptsitz. Foto: Maira Schmidt
Die Gedenkveranstaltung fand vor dem Café Bliss statt. Dort hatte die Band- und Gurtenweberei der Familie Marx ihren Hauptsitz. Foto: Maira Schmidt

Das Bündnis zum Gedenken an die Pogromnacht in Bad Cannstatt hat am Sonntag zu einer Kundgebung an den Wilhelmsplatz eingeladen. Rainer Redies von der Stolpersteininitiative erzählte die Geschichte einer jüdischen Familie.

Bad Cannstatt: Maira Schmidt (mai)
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Bad Cannstatt - Es ist eine Geschichte voller Ungerechtigkeiten und Schikanen. Eine Geschichte voller Leid, die schließlich auf grausame Art und Weise endete. Es ist die Geschichte von Babette Marx, die am 14. Oktober 1942 im Konzentrationslager Theresienstadt starb. Rainer Redies hat das Schicksal der Cannstatter Jüdin ausgewählt, um an die Verbrechen der Nationalsozialisten im Stadtbezirk zu erinnern.

Die Teilnehmer legten einen Kranz nieder

Im Rahmen der Cannstatter Stolpersteininitiative engagiert sich Redies seit Jahren dafür, dass die Opfer des Naziregimes nicht vergessen werden. Gemeinsam mit anderen Initiatoren hat er am Sonntag zu einer Gedenkveranstaltung anlässlich der Reichspogromnacht vor 76 Jahren eingeladen. Die Kundgebung fand am Wilhelmsplatz statt. Ganz in der Nähe, in einem Haus an der Seelbergstraße 7, hatte Babette Marx bis zu ihrer Deportation gewohnt. Außerdem hatte das Familienunternehmen, die Band- und Gurtenweberei, am Wilhelmsplatz seinen Hauptsitz. Im Anschluss an die Gedenkstunde legten die Teilnehmer einen Kranz an der ehemaligen Cannstatter Synagoge nieder. Sie stand an der König-Karl-Straße und wurde in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 vom Leiter der Feuerwache sowie zwei seiner Mitarbeiter in Brand gesteckt.

Die Familie Marx wurde mit den Grausamkeiten der Nationalsozialisten aber schon deutlich früher konfrontiert, wie Redies berichtete. Der jüngste Sohn Alfred wurde aus dem Justizdienst entlassen, die Band- und Gurtenweberei der Familie gelangte zunächst in die Hände eines Wettbewerbers und dann in arischen Besitz. Nach der Pogromnacht verloren die Juden im Rahmen einer Zwangsabgabe all ihre Wertsachen. „Babette Marx musste ihr Tafelsilber und sämtlichen Schmuck der städtischen Pfandleihanstalt übergeben“, sagte Redies. Als der Krieg ausbrach, wurde im Marx’schen Garten am Wilhelmsplatz ein Bunker gebaut. Obwohl sich der Schutzraum auf ihrem eigenen Grund und Boden befand, habe Babette Marx ihn als Jüdin nicht betreten dürfen.

Er ist 1933 als Jude und Kommunist geflohen

Einem Teil der Familie gelang laut Redies die Flucht, doch für die inzwischen über 70-jährige Babette Marx gab es kein Entkommen. „Schließlich durfte die alte Dame auch in ihrem eigenen Haus nicht mehr bleiben“, sagte Redies. Am 13. März 1942 sei sie zunächst in das jüdische ‚Altersheim’ nach Dellmensingen gebracht worden. Kurze Zeit später, am 22. August 1942, folgte die Deportation nach Theresienstadt.

Neben Rainer Redies sprach auch Theodor Bergmann bei der Gedenkveranstaltung. Er hat die Machtübernahme der Nationalsozialisten selbst miterlebt und ist 1933 als Jude und Kommunist aus Deutschland geflohen. Der 98-Jährige fand am Wilhelmsplatz deutliche Worte und ermahnte, dass so etwas nie wieder geschehen dürfe.




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