Gedenkveranstaltung in Sindelfingen Abgeholt und ermordet – Stolpersteine erinnern an NS-Opfer

Drei von fünf Stolpersteinen in Sindelfingen: Jennifer Ullmann-Jones und ihr Mann kamen aus England zur Einweihung. Foto: Stefanie Schlecht

In Sindelfingen erinnern fünf neue Stolpersteine an die Schicksale von Lili, Siegfried und Emil Ullmann sowie Karl Keinath und Wilhelm Brendle. Sie wurden von den Nazis ermordet.

Böblingen: Martin Dudenhöffer (dud)

Mehr als 80 Jahre ist es her, dass sie diskriminiert, verfolgt, deportiert und ermordet wurden, heute gedenkt man ihrer. In Sindelfingen gibt es seit Donnerstag fünf Stolpersteine, die an die Schicksale von fünf aus Sindelfingen stammenden Menschen erinnern: Lili, Siegfried und Emil Ullmann sowie Karl Keinath und Wilhelm Brendle. Sie alle lebten als gewöhnliche Bürger in der Stadt, bis die Nazis die Macht übernahmen. Sie alle wurden in Konzentrationslager gebracht und fielen dort dem Regime zum Opfer.

 

Am Domo in der Oberen Vorstand lebten von 1912 an die Ullmanns, eine Unternehmerfamilie, die einen Viehhandel und eine Schneiderei besaß. Drei goldene Kopfsteinpflastersteine erinnern an dieser Stelle nun an sie. „Die Ullmanns waren akzeptiert in der Stadtgesellschaft. Das änderte sich 1933 durch einerseits die staatlichen Repressionen und andererseits den offener zu Tage tretenden Antisemitismus“, erklärt Horst Zecha, Sindelfinger Stadthistoriker, vor zahlreichen Gästen und im Beisein der Großnichte der Ullmanns, Jennifer Ullmann-Jones, sowie ihrem Mann Colin. Die Nachfahrin der Sindelfinger Familie lebt seit Jahrzehnten in Sevenoaks in der Grafschaft Kent im Südosten Englands und war extra für die Zeremonie angereist.

Fast die ganze Familie Ullmann wurde ausgelöscht

Ausgrenzung und Anfeindungen nahmen im Sindelfingen der 1930er Jahren stetig zu. Die Situation spitzte sich zu, als die Ullmanns von 1938 an keinen Zugang mehr zu den Viehmärkten erhielten. „Das kam einem Berufsverbot gleich“, betont Zecha. Im selben Jahr musste die Sindelfinger Familie die Geschäfte einstellen. 1941 deportierten die Nazis Lili, Siegfried und Emil Ullmann erst in ein Sammellager in Haigerloch (Zollernarbkreis), dann auf den Killesberg in Stuttgart.

Letztlich starben sie in einem KZ in Riga, im heutigen Litauen. Ermordet wurden auch Irene, Bella und Sigmund – die Großeltern von Jennifer Ullmann-Jones. An sie erinnern Stolpersteine in Stuttgart. Überlebt hat Ullmann-Jones’ Vater Helmut und seine Schwester Edith. Sie erreichten über die sogenannten Kindertransporte Großbritannien.

Blumen für drei Angehörige der Familie Ullman. Foto: Stefanie Schlecht

Von dort kamen Jennifer Ullmann-Jones und ihr Mann Colin nach Sindelfingen, um persönlich an der Stolpersteinverlegung durch den Künstler und Begründer des erinnerungspolitischen Konzepts, Gunter Demnig, teilzunehmen. „Es ist uns eine große Ehre, der Erinnerung an meine Verwandten beizuwohnen. Die Taten dürfen nicht in Vergessenheit geraten“, sagt die 76-Jährige. Horst Zecha unterstreicht: „Wir können das Schicksal nicht mal erahnen. Mit dieser Erinnerung können wir einen Beitrag leisten, nicht zu vergessen.“ Oberbürgermeister Bernd Vöhringer fügt hinzu: „Hier wurden Unschuldige ermordet. Diesen Menschen wollen wir gerecht werden.“

Politische Gegner wurden ebenso in den Tod geschickt

Dasselbe Schicksal wie die Ullmanns ereilte auch Karl Keinath – wenn auch aus anderen Gründen. Keinath lebte mit seiner Frau Emma und zwei Kindern in der Bahnhofstraße 31 und arbeitete im Daimler-Werk. Der Kommunist trat für die KPD zur Wahl des Gemeinderats im Jahr 1931 an. 1935, als die Stimmung gegenüber politischen Gegnern der Nationalsozialisten bereits außerordentlich feindlich war, traf sich Keinath mit Genossen und erarbeitete Flugblätter. Dabei wurde er von Unbekannten verraten und verhaftet. Keinath wurde wegen Hochverrats zu sechs Jahren Haft verurteilt. Diese saß er ab.

Schlussendlich wurde der Familienvater ins KZ Flossenbürg in Bayern deportiert und dort 1942 ermordet. Seine Kinder steckten die Nazis in Erziehungsheime. Vor seinem ehemaligen Wohnhaus befindet sich nun ebenfalls ein Stolperstein.

Keinaths Stein in der Bahnhofstraße 31. Foto: Dudenhöffer

An der Schnödenecksiedlung erinnert der fünfte und für den Donnerstag letzte zu verlegende Stolperstein an ein weiteres Sindelfinger NS-Opfer. Wilhelm Brendle lebte mit Frau und Sohn vor über 80 Jahren in der Uhlandstraße 25. Wie Keinath kandidierte auch Brendle 1931 für den Sindelfinger Gemeinderat, auch er war Mitglied der Kommunistischen Partei.

1933 gehörte Wilhelm Brendle zu den ersten Verhafteten. Er kam kurzzeitig in ein KZ im heutigen Kreis Sigmaringen. Nachdem er nach seiner Entlassung dort zwei Jahre lang vergeblich versuchte, in Sindelfingen beruflich wieder Fuß zu fassen, wurde er 1935 festgenommen. Über die Konzentrationslager Welzheim und Dachau wurde Brendle im Herbst 1939 in das österreichische KZ Mauthausen deportiert. Dort starb er im Januar 1940 – vermutlich an der Kälte und an Erschöpfung.

In der Uhlandstraße 25 wird Brendle gedacht. Foto: Dudenhöffer

Junge Erwachsene übernehmen historische Verantwortung

Dass über 80 Jahre nach dem dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte, das auch vor Sindelfingen nicht Halt machte, öffentlich Erinnerungspolitik betrieben wird, ist dem scheidenden OB ein großes Bedürfnis. „Wir erleben ein Wiedererstarken von autoritären, rechtsextremen und antidemokratischen Kräften. Die Erinnerung darf nicht enden. Sie muss auch künftige Generationen zur Wachsamkeit mahnen.“

Diese junge Generation – am Donnerstag durch Elftklässler des Stiftsgymnasiums vertreten – zeigt durch die Übernahme einer Patenschaft für die Stolpersteine für Keinath und Brendle Verantwortung. Eindrücklich waren ihre künstlerischen Perfomances, die auf Verfolgung, Ausgrenzung und das Leid der betroffenen Personen aufmerksam machte.

Jennifer Ullmann-Jones schätzt das Sindelfinger Engagement. „Das ist ein wichtiges Signal. Ich kann mich nur bedanken. Ich komme immer gerne hierher. Wir lieben Deutschland, so wie es mein Vater trotz allem auch tat. Denn er sagte immer: ‚Ich liebe die Deutschen, ich hasse nur die Nazis’.“

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Nazi Sindelfingen Stadt Erinnerung Video