Gefährdete Welternährung Getreide-Rost auf dem Vormarsch

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Mitte des 20. Jahrhunderts wurden Getreidesorten gezüchtet, die gegen den Schwarzrost-Pilz immun waren. Doch der Sieg über den Schädling war nur ein Etappensieg. Der Pilz kehrte zurück, gefährlicher denn je. Eine ständige Bedrohung für die Welternährung.

Die Welt als globales Weizenfeld – schön, aber gefährdet. Foto: dpa 12 Bilder
Die Welt als globales Weizenfeld – schön, aber gefährdet. Foto: dpa

Stuttgart - Zuerst werden Stängel, Blätter und Ähren des Weizens von orangefarbenen Pusteln befallen. Später verfärben sie sich schwarz. Der Schwarzrost-Pilz (lateinisch: Puccinia graminis) unterbricht die Wasser- und Nährstoffversorgung der Ähren. Zurück bleiben ganze Felder schwarz-grün verfärbter Pflanzenreste. Der Albtraum jedes Bauern.

Die letzte großflächige Epidemie ereignete sich 1954 in den USA. Damals vernichtete der Pilz fast 40 Prozent der Weizenernte. In den Jahrhunderten zuvor waren Ernteausfälle bis zu 90 Prozent keine Seltenheit. Es gibt viele Feinde, welche die Ernährung der Menschen bedrohten. Doch Puccinia graminis ist einer der ärgsten Feinde – vor allem des Weizens, der Grundlage menschlicher Ernährung in vielen Ländern.

Das Ausgeliefertsein an die Launen der Natur hat sich erst grundlegend geändert, seit in den späten 1950er-Jahren Forscher unter Leitung des US-Agrarwissenschaftlers Norman Borlaug (1914-2009) Weizensorten züchteten, die gegen Pilze resistent waren. Diese Sorten waren die Grundlage für die Grüne Revolution in der Landwirtschaft ab 1960. Borlaug erhielt 1970 für seine Verdienste um die Welternährung den Friedensnobelpreis.

1999: Der Schwarzrost kehrt zurück – gefährlicher denn je

40 Jahre lang galt der Schwarzrost-Erreger aufgrund neuer resistenter Züchtungen als unter Kontrolle. Doch Puccinia graminis kehrte zurück – gefährlicher denn je. 1999 wurde in Uganda Ug99, eine neue, aggressivere Variante entdeckt – von daher der offizielle Name Ug99 für diesen Stamm. Seitdem sind die Pilzsporen mit dem Wind von Ostafrika in alle Himmelsrichtungen verstreut worden – in den Sudan, nach Äthiopien und Kenia, wo 2007 ein Viertel der Ernte vernichtet wurde. Von dort ging es weiter nach Simbabwe und Südafrika, in den Jemen und Iran.

2013 wurden Fälle auf deutschen Weizenfeldern gemeldet – die ersten Vorkommnisse seit Jahrzehnten der Ruhe. Das Julius Kühn-Institut (JKI), ein Bundesforschungsinstitut für Kulturpflanzen mit Sitz in Quedlingburg, konnte zwei Rostpilzrassen identifizieren. Darunter war glücklicherweise aber nicht die berüchtigte Sorte Ug99 oder einer ihrer Abkömmlinge.

Angesichts der Bedrohung schlug die UN-Welternährungsorganisation FAO (Food and Agriculture Organization of the United Nations) in Rom Alarm Die weitere Verbreitung dieser brandgefährlichen Pilzvariante sei unausweichlich, warnte FAO-Fachmann David Hodson. „Das Auftauchen der Ug99-Rasse in Ostafrika hat Weizenrost von einer Krankheit, die weitgehend unter Kontrolle war, in eine bedeutende weltweite Bedrohung verwandelt.“

Richard Ward von der Cornell University in New York geht noch weiter: Die Pilz-Mutation gefährdet seiner Ansicht nach die globale Ernährungssicherheit. Sein Kollege Ronnie Coffmann glaubt, dass „wir einem biologischen Feuersturm“ entgegenblicken. Ug99 habe sämtliche Resistenzgene, die weltweit im Weizen verbaut seien, überwunden, erklärt der Mikrobiologe Ralf T. Vögele, Professor für Phytopathologie und Dekan der Fakultät Agrarwissenschaft der Universität Hohenheim in Stuttgart. „Der Stamm hat sich glücklicherweise nur langsam ausgebreitet. Wenn er eine schnellere Ausbreitung gezeigt hätte, dann wäre das zu einem großen Problem geworden.“

Panikmache oder berechtigte Sorge?

Panikmache oder berechtigte Sorge ums tägliche Brot? Da Weizen neben Reis und Mais das wichtigste Grundnahrungsmittel der Menschheit ist, könnte eine Pilzepidemie verheerende Folgen für die globale Versorgung haben. „Ein Einbruch der Weizenproduktion ist wohl unvermeidlich“, erklärt der Biologe Bruno Moerschbacher, Leiter des Instituts für Biologie und Biotechnologie der Pflanzen der Universität Münster. Als Phytopathologe beschäftigt er sich mit Pflanzenkrankheiten. „Selbst wenn der Rückgang nur zehn Prozent beträgt – pessimistische Schätzungen gehen von weit größeren Einbußen aus –, bedeutet das einen Preisanstieg und für viele Länder Hunger.“