Gefährdeter Wohlstand Zeitenwende für das Land

Das baden-württembergische Wohlstandsmodell ist in Gefahr. Die Zeit des Verbrennungsmotors läuft ab. Foto: Daimler AG/Mercedes-Benz AG - Global Commun

70 Jahre nach seiner Gründung lebt der Südweststaat von der Substanz. Baden-Württemberg muss sich in Teilen neu erfinden, da bleibt kein Platz für landsmannschaftliche Nostalgie, kommentiert StZ-Autor Reiner Ruf.

Bundesländer wie Baden-Württemberg trugen lange schwer an ihrem Bindestrich. Schon die Namen bezeugen, dass es sich um Kunstgebilde handelt, die ihr Dasein einem verlorenen Krieg verdanken und dem Willen der Besatzungsmächte, die – was Amerikaner und Briten anging – auf eine Föderalisierung Deutschlands drangen, nicht aber auf eine Zerstückelung. So entstanden staatliche Kentauren: Mischexistenzen wie Nordrhein-Westfalen oder eben die Spätgeburt im Südwesten.

 

An diesem Montag jährt sich der siebzigste Jahrestag der Gründung des anfangs umkämpften Südweststaats. Heute stellt ihn niemand mehr infrage, abgesehen von Freiburger Nostalgikern und Karlsruher Erbsenzählern, die in der blühenden Residenz des Rechts die Menge und Größe der Behördenschreibtische mit jenen in Stuttgart abgleichen. Geschenkt. Er kenne keine Badener mehr, nur noch Baden-Württemberger, gab Winfried Kretschmann dieser Tage kund. Der Protest blieb erfreulich lau.

Unzählige Schwabenwitze

Das ist das Ergebnis harter Arbeit. Der Autor dieser Zeile wohnte vor Jahren einem geselligen Abend mit CDU-Landtagsabgeordneten bei, von denen einer – ein früherer Karlsruher Finanzbürgermeister – unzählige Schwabenwitze zum Besten gab. Die meisten waren gut. Jedoch gestaltete sich das Gespräch einseitig, denn Badenerwitze waren nicht zur Hand. Und so stand irgendwann unausgesprochen die Frage im Raum, welcher seelische Schmerz therapiert werden musste mit der idiosynkratischen Schwaben-Schmähung (bei der die Württemberger gemeint sind). Dabei verdeckt der Baden-Württemberg-Gegensatz, dass der Südwesten aus seinen vielen Regionen heraus lebt, die nicht einfach nur Teil von Baden oder Württemberg sind. Landesbewusstsein ist in Baden-Württemberg die Summe der Regionalkulturen, die folkloristisch geprägt sind. Wenn es hart auf hart geht, barmt alles nach bundesweiten Regelungen – ob in der Schule oder bei Corona.

Das war der Blick in die Vergangenheit. Was bringt die Zukunft? Das Land verbindet einen hohen Wissenschaftsstandard mit kultureller Vielfalt. Ein noch breit verankerter Wohlstand sichert den gesellschaftlichen Frieden und die Demokratie. Das ist ein solides Fundament, das allerdings bröckelt. Schauen wir uns um: Wohnen wird zum Lebensrisiko. Wer erbt, gewinnt; der Rest kann sich Eigentum nicht leisten, die Miete zehrt das Einkommen auf. Tiefe Risse tun sich in der Gesellschaft auf. Dasselbe gilt für den Bildungserfolg. Seit zwei Jahrzehnten fällt das Land in den Leistungsvergleichen zurück, was daran liegt, dass die Schulabschlüsse mit den sozialen Herkunftsmilieus korrelieren. Das hiesige Schulsystem gilt schon lange als ungerecht. Nicht die Schüler stehen im Mittelpunkt, sondern die Interessen der Lehrerverbände und die sozialen Distinktionsbedürfnisse der Eltern.

Wegbrechende Absatzmärkte

Die industrielle Basis unseres Bundeslandes ist gefährdet – eine Zeitenwende ganz eigener Art. Baden-Württemberg begreift sich derzeit noch als Powerhouse der Republik. Lange galt der Südwesten mit seinen vielen Fabriken als zu wenig dienstleistungsorientiert und deshalb rückständig – bis Ende der Nullerjahre die Finanzkrise kam. Dann jedoch erwies es sich als Vorteil, dass hierzulande reale Dinge produziert werden und nicht nur windige Finanzpapiere von hierhin nach dorthin und zurück verkauft werden. Doch die Industrieproduktion benötigt Absatzmärkte: schwierig angesichts der Weltlage. Auch fehlt es an grünem Strom aus dem Land. Das sind die Aufgaben, denen sich eine neue Generation von Baden-Württembergern stellen muss.

Weitere Themen