Gefährliche Abfahrt in Stuttgart-Degerloch Downhill-Rowdys verunsichern Anwohner

Von Tilman Baur 

Vor allem junge Radler suchen den Kick auf einer steilen Treppenanlage in Stuttgart-Degerloch und riskieren dabei schlimme Unfälle. Anwohnern, die sich beklagen, wurden sogar Schläge angedroht.

Ulrich Nanz vor der bei den Downhillern beliebten Treppe Foto: Tilman Baur
Ulrich Nanz vor der bei den Downhillern beliebten Treppe Foto: Tilman Baur

Degerloch - Einen Moment lang rattert es, und schon sind die Jugendlichen außer Sichtweite. Schnell wie der Wind rauschen Downhill-Fahrer die schmale Treppenanlage hinab, die die Josefstraße mit der Leonorenstraße in Degerloch verbindet. Die Anlage, idyllisch zwischen Wald und Wohngebiet gelegen, befindet sich unweit des Woodpecker-Trails, der seit März aufgrund der Corona-Pandemie gesperrt ist.

Offenbar reicht es manchen Sportlern nicht, auf der offiziellen Downhill-Strecke zu heizen. Sie suchen den Kick auf der Treppe – zum Leidwesen der Fußgänger. „Ich verstehe nicht, dass sie direkt neben dem Trail fahren“, sagt Ulrich Nanz. Der 62-Jährige wohnt an der Lohengrinstraße, auf halber Treppe sozusagen, und beobachtet das gefährliche Treiben seit Jahren. Regelmäßig komme es zu Beinahe-Unfällen, sagt Nanz. Besonders ältere Menschen würden bedrängt und müssten ausweichen.

Fußgänger würden bedrängt und sogar bedroht

Auch mit kleinen Kindern, die unbedarft Richtung Treppe liefen, gebe es häufig brenzlige Situationen. Wer die Downhiller zur Rede stelle, werde meist ruppig abgefertigt. „Mir wurden auch schon Schläge angedroht“, sagt Ulrich Nanz. Ein Querulant ist Nanz nicht. Ganz im Gegenteil: „Ich finde es toll, dass es den Woodpecker-Trail gibt“, sagt der passionierte Radfahrer, der sich sogar vorstellen kann, den Trail selbst auszuprobieren. Doch dass die Stadt das Treiben auf der vielgenutzten Treppenanlage einfach mit ansieht, lässt ihm keine Ruhe. Die ehemalige Bezirksvorsteherin Brigitte Kunath-Scheffold hätte von dem Problem gewusst, sei aber nicht tätig geworden, sagt Nanz.

Christina Zwicker, eine Nachbarin, bestätigt die Beobachtungen. Ihre beiden Söhne spielen oft im Wald, sind ständig auf der nur 1,20 Meter breiten Treppe unterwegs. Auch ihr wurden schon Schläge angedroht. Das Verhalten sei asozial. „Den Fahrern ist das schnurzegal. Die verstehen das nicht. Vielleicht brauchen sie auch den Thrill“, sagt Zwicker. Eine weitere Anwohnerin, die anonym bleiben will, sagt resigniert: „Das Problem besteht noch so lange, bis es zum Unfall kommt.“ Sie selbst würde regelmäßig bedrängt. „Aus der Bahn!“ würden die Biker ihr von hinten zurufen.

Immer wieder komme der Rettungswagen

Eine junge Frau, die auch in der Nachbarschaft wohnt, berichtet von regelmäßigen Einsätzen von Rettungswagen unten an der Leonorenstraße, am Ende der Treppe. „Die Jugendlichen überschätzen sich und bleiben dann oft unten liegen“, so die Frau, die auch wöchentlich Diskussionen zwischen Fußgängern und Downhillern aus nächster Nähe mitbekommt.

Ein Downhiller, der sich am Startpunkt des Woodpecker-Trails aufhält, bestätigt, dass einige Fahrer den Nervenkitzel auf der Treppe suchten. Das sei aber eine Minderheit. „Eine Treppe ist technisch besonders anspruchsvoll. Wenn du dort einen Fehler machst, hat das richtige Konsequenzen“, sagt er. Folgen haben derlei Mutproben jedoch vor allem für unbeteiligte Fußgänger, die es regelmäßig mit der Angst zu tun bekommen.

Auch wenn sich eine Mehrheit der Downhiller an die Regeln halten mag, kommt es auch anderswo immer wieder zu Konflikten. So etwa in der Stadtbahnunterführung Degerloch, die die Freizeitsportler zum Leidwesen der Fahrgäste immer wieder mit Karacho durchqueren. Oder am Marienplatz, dessen Treppen die Biker als Schanze nutzen und Unfälle fahrlässig in Kauf nehmen.

Klagen wegen Radfahrern gibt es regelmäßig

Klagen gehen bei der Stadt regelmäßig ein. „Anlass der Beschwerden ist in der Regel das Verhalten im Wald“, sagt Sprecher Martin Thronberens. Das betreffe vor allem das schnelle Befahren von schmalen Wegen und die illegale Errichtung von Schanzen und Hindernissen. Beschweren über die Zweckentfremdung der Treppen hingegen gingen nur selten ein. Bei Verstößen würden die Fahrer zunächst belehrt und verwarnt.

„Bei Uneinsichtigkeit oder Wiederholungstätern kann auch ein Bußgeld verhängt werden“, sagt Thronberens. Ob und wie die städtischen Mitarbeiter die Fahrer überhaupt dingfest machen ist angesichts des Tempos, mit dem diese die Treppen hinunterbrausen, allerdings eine ganz andere Frage. Sollte sich in der Sache weiter nichts tun, will Ulrich Nanz eine Unterschriftenaktion starten. Mit einem Hindernis am oberen Ende der Treppenanlage, das die direkte Durchfahrt verhindert – Stahlbügel zum Beispiel – wäre schon viel gewonnen, glaubt er.

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