Stuttgart - Mit den ersten frühlingshaften Tagen steigt auch die Zeckenaktivität wieder. Die Parasiten befallen Mensch und Tier und können dabei gefährliche Krankheiten übertragen, allen voran die Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME). Die wichtigsten Fragen und Antworten dazu.
Warum nimmts das Infektionsrisiko zu?
Tauchte das Virus früher vor allem in bestimmten Gebieten auf, warnen Zeckenforscher heute davor, sich auf die sogenannten Risikogebiete zu verlassen. „Mehr als jede fünfte FSME-Erkrankung tritt außerhalb eines bekannten Risikogebiets auf“, sagt Ute Mackenstedt, Leiterin des Fachgebiets Parasitologie an der Universität Hohenheim. Gefahrengebiete verschieben sich zunehmend, neue tauchen auf. Insgesamt gelten laut Robert Koch Institut (RKI) inzwischen 161 deutsche Landkreise als Risikogebiet, fünf mehr als noch 2018 und etwa dreimal so viele wie 1998. In Süddeutschland, insbesondere in Baden-Württemberg und Bayern, gilt das Risiko einer FSME-Infektion als besonders hoch. Inzwischen gelten aber auch Süd- und Teile Mittelhessens sowie Südost-Thüringen und Sachsen als belastet.
Welche neuen Risikogebiete gibt es?
Nun wurde als erster Kreis in Niedersachsen der Landkreis Emsland zum Risikogebiet erklärt und ist damit das nördlichste. Weiterhin kommen vier neue Risikogebiete hinzu, die alle an bekannte Risikogebiete grenzen: ein Kreis in Sachsen (Sächsische Schweiz- Osterzgebirge) sowie drei Kreise in Bayern (Garmisch-Partenkirchen, Landsberg am Lech, Stadtkreis Kaufbeuren). Allerdings treten auch in Nicht-Risikogebieten Fälle auf – nur eben nicht gehäuft. Etwa 0,5 bis zwei Prozent der Zecken in Gefahrengebieten sind dabei mit FSME -Viren infiziert.
Wie häufig tritt FSME auf?
Bei 583 Menschen diagnostizierten Ärzte nach Angaben des Robert-Koch-Instituts im vergangenen Jahr eine FSME-Erkrankung, die hierzulande vom heimischen Holzbock übertragen wird. Das ist die höchste bisher registrierte Zahl. Etwa 47 Prozent der Fälle wurden aus Baden-Württemberg gemeldet. Das Bundesland hat Bayern damit bei den Krankheitsfällen überholt. Vor allem Kinder in Waldkindergärten seien vermehrt betroffen gewesen, wie Rainer Oehme vom Landesgesundheitsamt mitteilte. Der Anstieg der FSME-Fälle 2018 sei auf die Hitze und eine hohe Zeckenanzahl zurückzuführen, so Gerhard Dobler vom Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr. Durch das heiße Wetter seien mehr Menschen in der Natur unterwegs gewesen. Und zu wenige von ihnen seien geimpft.
Warum ist eine Impfung wichtig?
Besonders in Baden-Württemberg sind mit wenigen Ausnahmen niedrige Impfquoten zu verzeichnen. „Deutschland ist insgesamt impfmüde. Oft wird die Gefahr unterschätzt“, sagt Oehme vom Landesgesundheitsamt. Anders als beispielsweise in Österreich mit einer FSME-Impfquote von 85 Prozent seien in Deutschland nur 20 bis 40 Prozent der Bevölkerung gegen FSME geimpft. Doch je mehr geimpft werde, desto weniger Fälle würden auch auftreten.
Wie kann man sich schützen?
Zeckenstiche kann man zum Teil vermeiden, in dem man lange Kleidung trägt und nicht durchs Unterholz und hohe Gräser geht, sondern im Wald auf festen Wegen bleibt. Abwehrmittel wie sogenannte Repellents schützen nur begrenzt über einige Stunden. Steckt eine Zecke in der Haut, sollte sie immer umgehend entfernt und die Wunde möglichst desinfiziert werden. Im Gegensatz zur Übertragung von Borrelien durch Zecken auf den Menschen, die erst 24 Stunden nach Beginn des Saugakts erfolgt, gelangen die FSME-Viren bereits beim Zeckenbiss in den Menschen. Daher kann das Absuchen des Körpers nach Zecken und deren schnelle Entfernung zwar häufig eine Borreliose verhindern, bietet jedoch wenig Schutz vor FSME.
Wie gefährlich sind neue Zeckenarten?
Forschern bereitet zudem eine neu eingeschleppte tropische Zeckenart namens Hyalomma Sorge. Sie wird fünfmal größer als heimische Artgenossen, hat gestreifte Beine und kann Träger des gefährlichen Krim-Kongo-Virus sein. Eigentlich ist der Blutsauger in Afrika und auf dem Balkan beheimatet. Doch 2018 wurden in Deutschland mehr als 30 Hyalomma-Zecken gemeldet – zwei davon in Baden-Württemberg. Während Forscher in keiner der hierzulande gefunden Hyalomma-Zecken das Krim-Kongo-Virus nachweisen konnten, entdeckten sie mehrfach Rickettsien. Da Hyalomma-Zecken im Moment noch sehr selten seien, bestehe für den Menschen nur eine äußerst geringe Gefahr einer Infektion mit diesen Bakterien, heißt es vom Landesgesundheitsamt. Rickettsien seien zudem sehr gut mit Antibiotika behandelbar. Die Krankheitserreger für Borreliose oder FSME sind bislang nicht in Hyalomma nachgewiesen worden.
Was tun, wenn man eine Hyalomma-Zecke findet?
Um die Ausbreitung und mögliche Gefahren durch die neue Hyalomma-Zecke zu erforschen, bitten die Experten die Bevölkerung auffällige Zecke zu melden oder einzuschicken. Vor allem Reiterinnen und Reiter sollten beim täglichen Pferdestriegeln aufmerksam sein, da die Hyalomma-Zecke gerne große Säugetiere befällt. Festgebissene Zecken sollten mit Zeckenzange, -karte oder -pinzette entfernt und in kleinen, festverschlossenen Containern an Professorin Mackenstedt gesendet werden. Die Adresse ist Emil-Wolff-Straße 34, 70599 Stuttgart. Wenden kann man sich auch an tropenzecken@uni-hohenheim.de