Tigermücke in Möhringen Klimawandel bringt Tropenkrankheiten zu uns

Auch gewöhnliche Mücken können gefährliche Krankheiten übertragen, wie zum Beispiel das West-Nil-Fieber. Bisher ist das aber sehr selten. Foto: dpa/Patrick Pleul

In Stuttgart-Möhringen sind ein erwachsenes Exemplar der Tigerstechmücke und mehrere Eier gefunden worden. Experten warnen, denn die Insekten können gefährliche Viren übertragen. Und es sind nicht die einzigen, die sich hierzulande ausbreiten.

Familie/Bildung/Soziales: Alexandra Kratz (atz)

Filder/Stuttgart - Das Landesgesundheitsamt ist in Hab-Acht-Stellung. Denn die Asiatische Tigerstechmücke ist auf dem Vormarsch. Dieser Tage wurde ein erwachsenes Exemplar in einer Lebendfalle in Stuttgart-Möhringen gefunden. Gleichzeitig konnten Tigermückeneier in einer Eiablage-Falle nachgewiesen werden. Experten gehen davon aus, dass es sich nur um eine kleine Population handelt. Im übrigen Stadtgebiet wurden bislang keine Tigermücken nachgewiesen. Das Landesgesundheitsamt untersucht im Rahmen des Tiger-Projekts (tiger-platform.eu/) wo und in welcher Zahl es die die großen Mücken mit den auffällig gestreiften Beinen gibt. Denn Aedes albopictus, so die lateinische Fachbezeichnung, kann gefährliche Krankheiten übertragen wie das Dengue-Virus oder das Chikungunya-Virus. Doch die Tigerstechmücke ist nicht das einzige kleine Tierchen, das Gesundheitsexperten Sorgen macht.

 

Übertragen auch heimische Tierchen gefährliche Krankheiten?

An erster Stelle steht die Zecke. Am häufigsten ist die Art Ixodes ricinus, auch Gemeiner Holzbock genannt. Das Spinnentier ist schon seit vielen Jahren bei uns zu Hause. Doch in jüngerer Zeit trugen immer mehr das FSME-Virus in sich, wodurch eine Frühsommer-Meningoenzephalitis ausgelöst werden kann, im Volksmund auch Hirnhautentzündung genannt.

Das Robert-Koch-Institut weist nahezu ganz Baden-Württemberg als FSME-Risikogebiet aus. In diesem Jahr sei die Zahl der bereits registrierten FSME-Erkrankungen besonders hoch, sagt Christiane Wagner-Wiening. Sie ist Fachvirologin am Landesgesundheitsamt und fügt hinzu: „Wir haben schon jetzt fast den Stand von ganz 2019 erreicht.“ Die Virologin nennt dafür zwei mögliche Gründe. Zum einen könne es sein, dass die Zecke selbst in diesem Jahr häufiger vorkommt. Zum anderen sei es aber auch möglich, dass wegen der Corona-Krise und des Lockdowns besonders viele Menschen häufig in der Natur unterwegs waren und die kleinen Spinnentiere damit mehr Möglichkeiten hatten. Zecken können zudem eine Borreliose auslösen. Eine Impfung gegen diese bakterielle Infektion gibt es nicht.

Welche Krankheiten kann eine gewöhnliche Mücke übertragen?

2018 registrierten Experten erstmals eine Zirkulation von West-Nil-Fieber bei Vögeln und Pferden in Deutschland, schreibt das Robert-Koch-Institut (RKI). 2019 fanden sie Erkrankungsfälle beim Menschen, allerdings ausschließlich in Ostdeutschland. „Das Virus wurde von Vögeln eingeschleppt“, sagt Wagner-Wiening. Hauptsächlich wird der Krankheitserreger zwischen wild lebenden Vögeln übertragen, und zwar durch gewöhnliche, heimische Stechmücken. An Vögeln infizierte Mücken können das Virus aber auch an Säugetiere weitergeben, so das RKI.

Welche Tierchen kamen aus anderen Ländern zu uns?

Im Sommer 2018 vermeldeten die Forscher der Universität Hohenheim zusammen mit Kollegen am Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr in München (IMB), dass sieben Exemplare der Hyalomma-Zecke in Deutschland gefunden worden seien. Sie ist deutlich größer als der bei uns heimische Gemeine Holzbock und hat auffällig gestreifte Beine. Die Blutsauger können tropische Krankheiten übertragen. Damals trug eines der Spinnentiere das Bakterium Rickettsia aeschlimannii in sich, einen Erreger des Zecken-Fleckfiebers. Noch sei die Zahl der in Deutschland gefundenen Tiere sehr gering und die Wahrscheinlichkeit einer Infektion daher kaum relevant, sagt Wagner-Wiening. Im südeuropäischen Raum sei das aber bereits ganz anders.

Warum haben wir immer öfter mit eingeschleppten Erregern zu tun?

Die Tigermücke, die Hyalomma-Zecke und das West-Nil-Virus haben eins gemeinsam: Sie fühlen sich bei warmen Temperaturen besonders wohl. Das RKI geht davon aus, dass das West-Nil-Virus mittlerweile auch in Deutschland überwintern kann. Es sei damit zu rechnen, dass es sich weiter etabliere, und es in den kommenden Jahren – insbesondere in überdurchschnittlich warmen und längeren Sommern – zu weiteren mückenübertragenen WNV-Erkrankungsfällen auch bei Menschen komme, schreiben die Experten auf ihrer Internetseite.

Ähnlich wie das WNV wurde vermutlich auch die Hyalomma-Zecke von Vögeln eingeschleppt. Für die ursprünglich tropische Zeckenart sind heiße, trockene Sommer, wie sie hierzulande immer häufiger werden, ideal. Auch die Tigermücke stammt aus tropischen Gefilden. Mit dem globalen Handel hat sie den Weg nach Europa gefunden, das ihr durch den Klimawandel mittlerweile beste Lebensbedingungen bietet.

Wie kann sich jeder einzelne vor den ungeliebten Tierchen schützen?

Christiane Wagner-Wiening rät dringend zu einer FSME-Impfung, um sich gegen die von Zecken übertragenen Frühsommer-Meningoenzephalitis zu schützen. Weil es gegen Borreliose keine Impfung gibt, sollte man bei Spaziergängen in der Natur zudem geeignete, lange Kleidung tragen. Auch das Einreiben oder Einsprühen mit einem zeckenabweisenden Mittel kann helfen. Zu Hause sollten sich die Ausflügler umgehend gründlich nach den kleinen Spinnentieren absuchen und sie gegebenenfalls entfernen.

Bei den Mücken geht es darum, ihnen die Vermehrung so schwer wie möglich zu machen. Darum sollten Garten- und Balkonbesitzer auf offene Wasserbehälter wie Regentonnen, Eimer und Gießkannen verzichten. „Oder sie sollten diese Behälter wenigstens abzudecken, damit die Mücken keine Eier ablegen können“, sagt Wagner-Wiening. Denn die Tigermücke gilt im Tierreich als Überlebenskünstler. Ihre Eier sind kälte- und trockenresistent. Das bedeutet, sie sterben nicht ab, wenn das Wasser verdunstet.

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