Gefährliche Medizin Was hilft noch bei Bluthochdruck?

Für Patienten mit zu hohem Blutdruck gibt es eine ganze Reihe von Behandlungsmöglichkeiten. Foto: dpa

Der Valsartan-Skandal verunsichert viele. Doch Patienten sollten ihre Medikamente nicht einfach absetzen. Wir beantworten die wichtigsten Fragen zum Thema.

Stuttgart - Verunreinigung des Blutdrucksenkers Valsartan mit potenziell Krebs erzeugenden Nitrosaminen zieht immer weitere Kreise. Präparate etlicher Hersteller wurden zurückgerufen. Hunderttausende Patienten sind verunsichert und fragen sich, welche Alternativen es zu dem weitverbreiteten Wirkstoff aus der Klasse der Sartane gibt.

 

Was sollen Patienten tun, deren Medikament verunreinigtes Valsartan enthält?

Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) hat Mitte Juli den Wechsel auf Valsartan-haltige Arzneimittel empfohlen, die nicht vom Rückruf betroffen sind. „Es gibt auch beispielsweise in Europa produziertes, nicht verunreinigtes Valsartan“, sagt der Internist und Nephrologe Vedat Schwenger, Ärztlicher Direktor der Klinik für Nieren-, Hochdruck- und Autoimmunkrankheiten, Katharinenhospital – Klinikum Stuttgart. Entsprechende Listen finden sich im Netz (www.abda.de/amk-nachricht/artikel/online-nachricht-amk-liste-der-chargenbezogenen-rueckrufe-valsartan-haltiger-arzneimittel/). Die Deutsche Hochdruckliga (DHL) appelliert an Betroffene, ihre Medikamente nicht ohne Rücksprache mit dem Arzt abzusetzen, da das gesundheitliche Risiko vielfach höher liege als das mögliche Risiko durch eine Verunreinigung. Ein akute Gefahr bestehe nicht.

Sollte man statt Valsartan andere Wirkstoffe aus der Klasse der Sartane wählen?

„Es ist nicht ratsam, einfach zu einem anderen Sartan zu wechseln. Es kann dadurch zu starken Blutdruckschwankungen und zu Nebenwirkungen an den Nieren kommen“, warnt der Mediziner Schwenger. Generell gilt: Betroffene sollten sich mit ihrem Arzt oder Apotheker in Verbindung setzen, um die beste Vorgehensweise zu besprechen. Wegen etwaiger Zusatzkosten für ein neues Medikament, sollten sich Patienten an ihre Krankenkasse wenden, rät das BfArM.

Warum sind Sartane so populär?

„Studien haben gezeigt, dass diese Medikamente den Blutdruck senken und sich zugleich schützend auf Herzmuskel- und Nierengewebe auswirken“, sagt Schwenger. Sartane sind sogenannte Angiotensin-II-Rezeptorblocker. Das Hormon Angiotensin II führt zu einer Verengung der Blutgefäße und damit zum Anstieg des Blutdrucks. Sartane wie Valsartan wirken dem Effekt von Angiotensin II entgegen. Der zusätzliche organschützende Effekt rührt daher, dass Sartane direkt in das sogenannte Renin-Angiotensin-Aldosteron-System (RAAS) eingreifen, eines der wichtigsten blutdruckregulierenden Systeme des Körpers. So können sie etwa die bei Typ-2-Diabetes häufig auftretende Vernarbung des Nierengewebes bremsen und eine deutliche Einschränkung der Nierenfunktion verhindern.

Wer sollte Sartane nehmen?

„Bluthochdruck-Patienten mit Nierenerkrankungen, Patienten mit Niereninsuffizienz, Diabetiker und Herzinfarktpatienten sollten wegen des Organschutzes ein Sartan oder einen ACE-Hemmer erhalten“, sagt der Internist und Nephrologe Bernhard Krämer, Direktor der V. Medizinischen Klinik des Universitätsklinikums Mannheim und Vorstandsvorsitzender der DHL. Sartane seien auch bei leichtem bis mittlerem Bluthochdruck einsetzbar, sofern eine Lebensstiländerung keine ausreichende Absenkung bewirkt. „Die Lebensstiländerung, zu der beispielsweise mehr körperliche Aktivität, Rauchverzicht, Gewichtsabnahme und eine spezielle auf Bluthochdruck ausgerichtete Ernährung gehören, sollte in jedem Fall erfolgen“, legt Krämer Betroffenen ans Herz.

Wann ist ein ACE-Hemmer geeignet?

ACE steht für Angiotensin Converting Enzyme – also für das Enzym, das zur Bildung des Hormons Angiotensin II benötigt wird. Angiotensin II bewirkt wie erwähnt, dass sich die Blutgefäße verengen und der Blutdruck steigt. ACE-Hemmer setzen einen Schritt früher an als die Sartane: Sie blockieren die Produktion von Angiotensin II. ACE-Hemmer haben ebenfalls eine günstige Wirkung auf die Nierenfunktion. Liegt bereits eine eingeschränkte Nierenfunktion, ein Diabetes oder eine eingeschränkte Herzleistung vor, sind sie gut geeignet. Nachteil der ACE-Hemmer: Sie verursachen häufig Hustenreiz.

Welche anderen Blutdrucksenker gibt es, und für wen sind sie geeignet?

Auf die Sartane und ACE-Hemmer folgen ebenfalls als Mittel erster Wahl Kalziumantagonisten und Diuretika. „Die Kalziumantagonisten finden insbesondere bei Bluthochdruckpatienten mit einem Schlaganfall sowie bei älteren Menschen mit Gefäßschäden und Nierenproblemen Anwendung“, erzählt Schwenger. Sie seien, so Krämer, gut mit Sartanen und ACE-Hemmern kombinierbar. Diuretika haben eine harntreibende und blutdrucksenkende Wirkung. „Wir verwenden sie bei einem Schlaganfall und zusätzlich bei Bluthochdruckpatienten, um Salz auszuschwemmen. Wir nehmen ja alle viel zu viel Salz zu uns“, sagt Schwenger. Allerdings können Diuretika den Elektrolythaushalt stören.

Welche Rolle spielen Betablocker?

„Betablocker gelten inzwischen bei reinem Bluthochdruck als Mittel zweiter Wahl“, so Krämer. Sie blockieren die Stresshormone Adrenalin und Noradrenalin. Wenn Herzfrequenz und Blutdruck absinken, wird das Herz besser mit Sauerstoff versorgt und entlastet. „Betablocker setzen wir deshalb bei Bluthochdruckpatienten mit Herzschwäche oder bei einem akutem Herzinfarkt ein“, so Schwenger.

Was bringt die Kombination von Wirkstoffen?

Es gibt einen bunten Strauß an blutdrucksenkenden Medikamenten, die so kombiniert werden, dass sie zum Patienten, seinem Alter und seinen persönlichen Risikofaktoren wie etwa Nierenfunktionsstörungen möglichst optimal passen. Bei leichtem bis mittlerem Bluthochdruck kann ein Medikament reichen, bei stark erhöhtem Blutdruck sind mitunter aber auch sechs verschiedene Medikamente nötig. „Das Gros der Bluthochdruck-Patienten ist mit zwei bis drei Substanzen gut einstellbar“, sagt Krämer.

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