In den KfZ-Zulassungsstellen kommt es immer wieder zu angespannten Situationen zwischen Bürgern und Mitarbeitenden. Foto: LICHTGUT/Max Kovalenko
In Böblingen nehmen Anfeindungen in Behörden seit 2020 stark zu. Städte reagieren mit Sicherheitsdiensten und Schulungen. Doch wie effektiv sind diese Maßnahmen wirklich?
Einem Mann wird der Zutritt zur Ausländerbehörde verweigert, weil er sich nicht an die Corona-Auflagen halten will. Daraufhin wird er aggressiv und zertrümmert eine Glastür im Böblinger Landratsamt. Der Vorfall machte vor einiger Zeit Schlagzeilen – und verweist auf eine Entwicklung, die Verwaltungen zunehmend beschäftigt: Immer häufiger sehen sich Mitarbeiter in Rathäusern und Landratsämtern mit Beschimpfungen, Drohungen oder sogar körperlichen Übergriffen konfrontiert. Während einige Rathäuser oder Landratsämter bereits Sicherheitspersonal einsetzen, setzen andere bislang auf bauliche Maßnahmen, Alarmknöpfe, oder Schulungen für Beschäftige im Umgang mit aggressiven Besuchern.
Besonders in stark frequentierten Bereichen wie Bürgerämtern oder Ausländerbehörden kommt es nach Angaben der Verwaltungen immer wieder zu angespannten Situationen.
Aggressive Kunden: Akzeptanz für Entscheidungen sinkt
Benjamin Lutsch, Pressesprecher beim Landratsamt Böblingen, bestätigt dies. Eine zentrale Auswertung solcher Vorfälle werde zwar nicht geführt. Dennoch gebe es immer wieder aggressives Verhalten von Kunden, etwa wenn diese mit behördlichen Entscheidungen nicht einverstanden seien. „Insgesamt scheint die Akzeptanz gegenüber Entscheidungen und notwendigen Abläufen geringer zu werden. In seltenen Fällen werden auch Hausverbote ausgesprochen“, erklärt Lutsch.
Um die Sicherheit der Beschäftigten zu erhöhen, setzt das Amt für Migration und Flüchtlinge bereits seit mehreren Jahren einen Sicherheitsdienst ein. Die Sicherheitskräfte zeigen durch geschultes, männliches Personal Präsenz im Eingangsbereich. Zusätzlich gibt es Schulungsangebote für Mitarbeitende, etwa zum Umgang mit schwierigen Kunden oder für Beschäftigte im Außendienst.
Auch technisch wurde aufgerüstet: Rund 200 Beschäftigte haben auf ihren Dienstlaptops und Computern ein Notrufsystem installiert. Einige Arbeitsplätze verfügen zudem über physische Notrufknöpfe. Wird ein Alarm ausgelöst, erscheint für Kolleginnen und Kollegen ein entsprechender Hinweis. Wie häufig diese Notrufe tatsächlich genutzt werden, werde jedoch nicht statistisch erfasst.
Böblingen: Anfeindungen in Behörden seit 2020 deutlich gestiegen
Ähnliche Erfahrungen schildert die Stadt Böblingen. Dort komme es regelmäßig zu verbalen Auseinandersetzungen, Anfeindungen und Beleidigungen im Bereich der sogenannten Eingriffsverwaltung, wenn behördliche Maßnahmen nicht den Erwartungen der Bürger entsprächen. „Solche Vorfälle passieren beinahe täglich“, erklärt Gianluca Biela, ein Sprecher der Stadt. Körperliche Übergriffe seien aufgrund von baulichen Schutzmaßnahmen hingegen selten.
Strafbewehrtes Verhalten werde konsequent angezeigt. Im Jahr 2025 habe die Stadt Böblingen sechs Personen unter anderem wegen Beleidigung oder Sachbeschädigung zur Anzeige gebracht. Insgesamt sei die Zahl der Anfeindungen und Beleidigungen seit dem Jahr 2020 deutlich gestiegen.
Seit Oktober 2020 setzt die Stadt in publikumsintensiven Bereichen des Bürger- und Ordnungsamts einen privaten Sicherheitsdienst ein. Ursprünglich sei dieser im Zusammenhang mit der Steuerung des Publikumsaufkommens während der Corona-Pandemie und zur Stärkung des Sicherheitsgefühls für Mitarbeitende und Besucher eingeführt worden. Heute übernimmt der Sicherheitsdienst vor allem eine Lotsenfunktion für Bürgerinnen und Bürger und unterstützt Mitarbeitende in Konfliktsituationen. Die Erfahrungen damit seien durchweg positiv. Das subjektive Sicherheitsgefühl von Beschäftigten und Besuchern habe sich verbessert, erklärt Biela.
Neben Sicherheitsdiensten setzen die Kommunen zunehmend auch auf Prävention. So bietet die Stadt Böblingen seinen Mitarbeitenden Schulungen zur Deeskalation an. Zudem gibt es ein internes Notrufsystem. Auch bauliche Maßnahmen wurden im Zuge der Rathaussanierung umgesetzt, um Beschäftigte besser zu schützen. In Sindelfingen, wo es auch immer wieder zu aggressivem Verhalten gegenüber Mitarbeitenden des Sozialamts kommt, hat die Stadt zusätzlich zu Mitarbeiter-Seminaren und stillen Alarmen einen Arbeitskreis zur Gewaltprävention eingerichtet, der sich systematisch mit dem Thema Sicherheit in der Stadtverwaltung beschäftigt. Einen Sicherheitsdienst gibt es im Rathaus hingegen derzeit nicht, erklärt der Pressesprecher Michael Botsch. Aufgrund einiger organisatorischer und technischer Veränderungen werde dieser aktuell nicht benötigt.
Herrenberg: Mitarbeiter meistern Konflikte ohne private Sicherheitsdienste
Im rund 34 000 Einwohner zählenden Herrenberg beschreibt die Stadtverwaltung die Lage etwas ruhiger. In publikumsintensiven Bereichen wie den Bürgerdiensten oder im Bau-Servicebüro komme es zwar vereinzelt zu emotional aufgeladenen Gesprächen. In der Regel gelinge es den Mitarbeitenden jedoch, durch besonnenes Vorgehen deeskalierend zu wirken und die Situation zu beruhigen, sagt Tilla Steinbach, eine Sprecherin der Stadt, auf Anfrage.
Es gebe aber auch dort Sicherheitsvorkehrungen wie Notfallknöpfe. Außerdem stünden Türen zu benachbarten Büros meist offen, damit Kollegen im Ernstfall schnell helfen können, erklärt Steinbach weiter. Ein privater Sicherheitsdienst wird in den Verwaltungsgebäuden der Stadt jedoch nicht eingesetzt. Stattdessen setzt Herrenberg vor allem auf Schulungen im Umgang mit schwierigen Situationen.
Verrohung der Gesellschaft
Umfrage Laut einer Forsa-Umfrage aus dem Jahr 2025 im Auftrag der Beamtenbund und Tarifunion (dbb) geben 30 Prozent der Bundesbürger an, schon einmal beobachtet zu haben, wie öffentlich Beschäftigte behindert, beschimpft, belästigt oder körperlich angegriffen wurden. 50 Prozent der im öffentlichen Dienst Beschäftigten gaben an, selbst schon einmal bei ihrer Tätigkeit behindert, beschimpft oder tätlich angegriffen worden zu sein.
Personengruppen Am häufigsten wurden Übergriffe auf Polizisten (60 Prozent), auf Rettungskräfte und Notärzte (56 Prozent) beobachtet, gefolgt von Bus- oder Straßenbahnfahrern mit 43 Prozent. 36 Prozent haben dies bei Ordnungsamt-Mitarbeitenden gesehen. Zeuge von Angriffen auf Mitarbeitende im Job-Center der Agentur für Arbeit wurden 17 Prozent.