Schulen in Stuttgart Elterntaxis gefährden Schulkinder

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Immer weniger Schulkinder in Stuttgart bewältigen ihren Schulweg allein. Vor vielen Schulen produzieren Elterntaxis ein Verkehrschaos – mit verheerenden Folgen.

So ist’s richtig! Ameisenbergschüler marschieren zu Fuß oder nutzen den Roller. Foto: Lichtgut/Julian Rettig
So ist’s richtig! Ameisenbergschüler marschieren zu Fuß oder nutzen den Roller. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Stuttgart - An diesen Moment kurz vor den Sommerferien kann sich die Mutter eines Drittklässlers noch gut erinnern. Sie begleitete ihren Achtjährigen auf dem Weg zur Ameisenbergschule, beide waren gerade zu Fuß mitten auf dem Zebrastreifen vor der Schule unterwegs – „da hat’s peng gemacht“, berichtet die Mutter. Ein SUV habe sie angerempelt. Ihren Sohn habe sie gerade noch wegziehen können. Der SUV-Fahrer habe sich nicht entschuldigt, nicht mal die Scheibe runtergedreht. Es war offenbar der Opa einer Schülerin. „Das war ungeheuerlich.“ Sie habe ihn bei der Polizei angezeigt – „aber das verläuft wohl im Sande“, vermutet sie, da das Auto ein ausländisches Kennzeichen trug .

Bereits vor zwei Jahren hatte der Elternbeirat der Schule eine Aktion gestartet, um die Verkehrsrowdys zur Räson zu bringen. Katja Conzelmann, die Leiterin der Ameisenbergschule, spricht von einem „Riesenchaos“, das sich jeden Morgen vor dem Schultor abspiele. „Die fahren rückwärts über die Verkehrsinsel“, berichtet sie über Eltern, die ihre Kinder in letzter Minute vors Schultor chauffierten. Durchgezogene Linien oder schraffierte Flächen interessierten dabei kaum jemanden. „Das größte Problem sind die Wendemanöver“, sagt eine Elternbeirätin, „einem Kind ist schon mal über den Fuß gefahren worden.“

Autofahrer haben Eltern als Lotsen beschimpft

Bei der Aktion vor zwei Jahren hatten Eltern sich bereit erklärt, morgens mit Warnwesten als Lotsen zu fungieren. „Wir haben die Leute angesprochen und gesagt, dass man hier weder parken noch wenden kann – aber die Einsicht war überhaupt nicht gegeben“, berichtet die Elternbeirätin. Im Gegenteil: Die Lotsen seien von den Autofahrern noch beschimpft worden. „Dabei sind das doch alles Eltern, die selber Kinder haben.“ Ähnliche Vorfälle gab es auch an anderen Schulen, etwa der Altenburgschule auf dem Hallschlag.

Monika Wenger, Lehrerin der Ameisenbergschule, berichtet: „Vor einiger Zeit wurde ein Kind hier angefahren – von jemandem, der selber ein Kind herbringen wollte. Er hatte das Kind beim Zurückstoßen nicht gesehen.“ Deshalb schlug Wenger vor, an der Aktion „Sicher zu Fuß zur Schule“ teilzunehmen. Alle Lehrer stimmten zu, „und die Kinder waren Feuer und Flamme“, berichtet die Lehrerin.

Der Trick bei der Aktion, die noch bis zum 28. September läuft: Jedes Kind kann einen Punkt bekommen, wenn es seinen Schulweg zu Fuß gelaufen und nicht mit dem Auto gekommen ist. Die Klassenlehrer sammeln die Punkte und tragen sie – für alle ersichtlich – auf einem Tabellenbäumchen im Foyer der Schule ein. Die Klasse mit den meisten Punkten erhält einen Preis. Für Kinder, die weiter weg wohnen, gelte der Weg auch als gelaufen, wenn sie von vier definierten Parkplätzen aus zu Fuß zur Schule gehen, hat Conzelmann zu Schuljahrsbeginn im Elternbrief erläutert.

Nicht mal jedes fünfte Kind schafft heute seinen Schulweg allein

Denn das Laufen hat bei Grundschülern stark nachgelassen. „In den 70er Jahren meisterten 91 Prozent der Kinder ihren Schulweg allein – heute sind es nur noch 17 Prozent“, berichtet Thomas Schenk, der Leiter des Staatlichen Schulamts. Deshalb habe das Schulamt zusammen mit der Stadt, der Polizei und dem Förderverein Sicheres und Sauberes Stuttgart vor drei Jahren die Aktion „Sicher zu Fuß zur Schule“ ins Leben gerufen. Auch das Deutsche Kinderhilfswerk und der Verkehrsclub Deutschland werben dafür.

Das Projekt verfolgt mehrere Ziele: Zum einen soll es Selbstständigkeit und Gesundheit der Schüler fördern, zum anderen den Verkehr der Elterntaxis vor der Schule verringern und somit die Sicherheit erhöhen. „Wer zu Fuß geht, hat bereits gewonnen“, sagt Schenk. In diesem Jahr nehmen 7339 Schulkinder aus 28 Schulen teil. Das freue ihn – „aber es können durchaus noch mehr werden“, so Schenk.

An der Ameisenbergschule macht auch die Erstklässlerin Isabella mit. Ihr Vater Stephan Ehrmann ist am Donnerstag mit dem Car to go zum Abholen gekommen – nach Hause geht’s aber zu Fuß, samt Malteserhund Max: „Jetzt laufen wir runter zum Leuze.“ Morgens lasse er Isabella beim Penny-Parkplatz raus – „wir begleiten sie zu Fuß. Wenn sich das gefestigt hat, soll sie allein oder mit anderen Kindern laufen“, meint Ehrmann. Eine Gruppe Zweitklässler trifft sich jeden Morgen vor der Jugendherberge, um zu fünft zur Schule zu laufen.

Polizeibeamte beobachten vor den Schulen oft brenzlige Situationen

In den ersten drei Schulwochen ist an vielen Schulen auch die Polizei vor Ort. „Ja, wir haben immer noch viele Elterntaxis“, sagt Gerd Burkhardt vom Revier Zuffenhausen. „Wenn wir nicht da wären, wären alle Straßen zugeparkt.“ Doch ans Tempolimit halte sich trotzdem kaum jemand: „Die Leute fahren oft zu schnell.“ Auch beim Ein- und Aussteigen der Kinder gebe es oft „brenzlige Situationen“. Viele Eltern „wissen, dass es falsch ist, was sie machen“.

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