Gefahr durch herabstürzende Äste Wer kontrolliert die morschen Bäume?

Am Butzengraben sind mächtige Ast-Kaliber zu Boden gekracht. Foto: Dannecker

Herabstürzende Pappel-Äste machen den Städten Böblingen und Sindelfingen Kummer. Im Jahr 2018 sind zwei Frauen erschlagen worden. Jetzt wird noch häufiger kontrolliert.

Dagersheim/Sindelfingen - Alles Gute kommt von oben, heißt es im Volksmund. Aber der tut nicht immer Wahrheit kund. Die letzten Sommergewitter mit enormem Regen haben zuletzt am Butzengraben an der Schwippe zwischen Dagersheim und Sindelfingen schwere Äste der Pappeln herunterkrachen lassen. Mehrfach hintereinander. Wer auf diesem Rad- und Gehweg unterwegs ist, könnte sich also mächtig unwohl fühlen, sobald es im Geäst über ihm mal knackt. Im Ernstfall, so muss man annehmen, nützte dann nicht einmal mehr ein Radhelm was. Die Kaliber, die dort binnen Sekundenbruchteilen hinabgesaust sind, sind geschätzt bis zu sieben, acht Meter lang. Und: zentnerschwer.

 

Manch einer erinnert sich sicher noch allzu gut an den Unfall an der alten B 14. Damals, im März 2018, kippte eine wegen Wurzelfäule kranke Eiche wie aus dem Nichts auf die Fahrbahn und erschlug die beiden Insassinnen eines Autos – eine 32-jährige Mutter zweier Kinder und deren 81-jährige Großmutter. Ein Horrorunglück, das niemand mehr aus dem Kopf bekommt.

Alle sieben bis zwölf Monate ist eine Kontrolle angesagt

Montagabend. Erneut ist übers Wochenende ein respektabler Pappel-Ast in die Tiefe gerauscht. Er liegt quer über dem vielfrequentierten Weg. Ein Mountainbiker lupft sein Rad darüber. Dann kommen zwei junge Damen mit ihren Walking-Stöcken herangetuckert und steigen über das Hindernis. „Das ist unsere Runde, die wir oft zusammen laufen“, erklärt das Duo und wirkt dabei angstfrei. Nun gut, vielleicht sollten die beiden Damen sich mal eine andere Walking-Strecke überlegen. Oder zumindest vorsichtig sein, Ausschau halten, beim ersten Anzeichen eines Knackens Fersengeld geben.

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Oliver Henke, Leiter der Stadtgärtnerei Böblingen, weiß um das Problem mit den Pappeln, die man „Hybridpappeln“ nennt. Die mächtige Baumart hat in der Vergangenheit öfter mal brüchiges Geäst verloren. Deshalb kamen auch welche weg. Ein Mitarbeiter der Stadtgärtnerei und Aktiver in der Feuerwehr machte aus der Fällung eine Übung für die Floriansjünger, erklärt der 50-Jährige. Ja, die Pappeln machten Kummer. Deshalb würden sie regelmäßig von Fachleuten kontrolliert; die Dagersheimer Dependance des Bauhofs mache jedes Mal nach Stürmen und Gewittern Meldung, wenn sie Äste wegziehe und zur Motorsäge greife.

In Böblingen werden die der Stadt gehörenden Bäume in einem Zwölf-Monate-Intervall kontrolliert, erklärt Oliver Henke. Gewässerbegleitende Bäume wie die an der Schwippe seien sogar alle sieben Monate dran; einmal im unbelaubten Zustand (wo man mehr Schäden sieht), einmal im belaubten Zustand. Wie zurzeit. Oliver Henke vermutet, dass das viele Laub der großen Bäume mit ursächlich dafür ist, dass es zu den Astabbrüchen kam: „Wir hatten in diesem Frühjahr recht gute Niederschläge, sodass die Bäume richtig viel Blattmasse entwickelt haben.“ Wenn dann viel Regen und Wind auf die große Angriffsfläche komme, steige das Gefahrenpotenzial und damit das Unfallrisiko.

Mit Stethoskop und Hämmerchen auf der Suche

Hartmut Knoch, Leiter des Amts für Grün und Umwelt bei der Stadt Sindelfingen, bestätigt Henkes Einschätzung. Auch ihm machen die vielen Pappeln, die nach dem Butzengraben dem Schwippeverlauf entlang der Käsbrünnlestraße folgen, Kopfweh. Auch sie werden regelmäßig kontrolliert – etwa von Baumexpertin Manuela Burkart. Die externe Baumkontrolleurin sieht man immer wieder mit ihrem Laptop und einem wachsamen Adlerauge vor Ort. Einen Feldstecher hat sie dabei, eine Handsäge, ein Roll-Metermaß, ein Höhenmessgerät, ein Gummihämmerle zum Abklopfen der Borke und – ja – sogar so etwas wie ein Ärzte-Stethoskop, mit dem man Hohlräume, die man nicht sieht, hörbar machen kann.

Und doch, räumt Hartmut Knoch ein, stecke man nie zu hundert Prozent „drin“. Restrisiken blieben. Im Zweifel werde deshalb wegen der Verkehrssicherungspflicht der Kommune entschieden, Bäume zu fällen, bevor Schlimmeres passieren könnte. Zwar wisse man, dass das bei Laien rasch zu Aufwallungen führen könne. Aber die Sicherheit gehe nun mal vor.

Henke wie Knoch erinnern sich noch allzu gut an den schweren Unfall. Auch Roland Schmitt nicht, Vorsitzender des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs Böblingen/Sindelfingen, der das Problem brüchiger Pappel-Astarme kennt: „Nach Stürmen liegen entlang der Neckarstraße oft ganz schöne Trümmer herum.“ So schön die Baumriesen seien: Nicht nur Fußgänger und Fahrradfahrer könnten von herabfallendem Totholz getroffen werden, auch Cabrio- beziehungsweise überhaupt Autofahrer könnten in Mitleidenschaft bezogen werden.

„Steiger“ rücken an

Hartmut Knoch lässt ein- bis zweimal jährlich Baumpfleger anrücken, die die ganze Pappel-Armada entlang der Neckar- und Mahdentalstraße aufwendig „ausputzt“, also der Steiger mögliche Gefahrenherde beseitigt. So landschafts- und stadtbildprägend die vor 50, 60 Jahren gepflanzten, schnell wachsenden Bäume auch seien – sie hätten ihren Zenit überschritten, seien altersbedingt „überfällig“. Der Klimawandel setze ihnen mit Schadinsekten und Krankheitspilzbefall zusätzlich zu. Ein sukzessiver Ersatz durch andere Baumarten entlang der Ausfallachse Richtung Autobahn sei unabdingbar. Der 63-jährige hofft, dass Straßenraum- und Radwegeplanungen rascher Fortschritte machen, denn das Problem sei komplex. Unter anderem müssen geplante Neubauten mit Zufahrten berücksichtigt werden und ein Leitungsnetz von Strom, Wasser und Fernwärme im Untergrund, das den nutzbaren Wurzelraum schmälert.

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