An heißen Tagen passieren deutlich mehr Unfälle als im Sommer üblich. Das ergibt eine exklusive Analyse Zehntausender Verkehrsunfälle in der Region Stuttgart seit 2016. Die Gründe – und welche Rolle Radfahrer dabei spielen
Wenn am Samstag die Temperaturen in Stuttgart auf 33 Grad steigen, sind gut dreißig Verkehrsunfälle mit Verletzten zu erwarten. Das ergibt die Auswertung von fast 64 000 Unfällen mit Personenschaden in der Region Stuttgart zwischen 2016 und 2023. Analysiert man zudem die vom Deutschen Wetterdienst am Schnarrenberg gemessene Tageshöchsttemperatur, zeigt sich: Je heißer es wird, desto mehr Unfälle passieren.
An Hitzetagen mit 30 Grad oder mehr kracht es mit 27,6 Unfällen pro Tag deutlich häufiger als im Sommer üblich (24,5). Zwischen März und Oktober passieren im Schnitt täglich 19,2 Unfälle. Unsere Analyse kommt damit zu einem ähnlichen Ergebnis wie das österreichische Statistikamt, das an Hitzetagen 15 Prozent mehr Unfälle zählt als an anderen Sommertagen.
Der Klimawandel führt zu mehr heißen Tagen. Seit 2016 gab es im Schnitt 15 Hitzetage pro Jahr; 2024 wird der Samstag der vierzehnte Hitzetag. 1961 und 1990 waren es noch fünf Hitzetage pro Jahr. Je wärmer es wird, desto mehr Unfälle passieren. Das zeigt das Schaubild.
Ausreißer gibt es. Am 19. Juni 2022, bei bis zu 36 Grad, passierte mit zehn Unfällen weniger als an vielen anderen, kühleren Tagen. Der unfallreichste Tag der letzten Jahre war der 18. April 2018 (25 Grad, 55 Unfälle). Unmittelbar dahinter kommt der 23. Juni 2016 (33 Grad, 53 Unfälle). Hitze führt nicht automatisch zu mehr Unfällen. Aber die Tendenz ist klar – und bereits erforscht.
Bei Hitze fährt man anders
Laut Kirstin Zeidler, Leiterin der Unfallforschung der Versicherer, sind Verkehrsteilnehmer bei Hitze häufiger müde, unkonzentriert oder reizbar. Das kann zu aggressiverem oder riskanterem Fahrverhalten führen. „Im Schattenwurf oder bei blendender Sonne werden andere Verkehrsteilnehmende leichter übersehen“, ergänzt Zeidler.
Menschen seien ab 30 Grad grundsätzlich nicht mehr so leistungsfähig, erklärte 2019 der Verkehrspsychologe Reinhard Barth gegenüber unserer Zeitung. Das Herz schlage schneller, Schweiß breche aus, Fahrer würden aggressiver. Das hat nicht zuletzt mit der Temperatur im Fahrzeug zu tun. Ein Hitzekollaps kann auch zum Unfall führen.
Bei Hitze ändert sich das Fahrverhalten – wegen höherem Reifendruck oder aufweichendem Straßenbelag. Es kann zu Aufwölbungen oder Aufbrüchen der Fahrbahndecke kommen, was etwa im heißen Sommer 2022 zu Straßensperrungen führte.
Es gibt also Gründe für die höheren Unfallzahlen bei Hitze. Trotzdem seien „fundierte wissenschaftliche Belege für ein höheres Unfallrisiko an heißen Tagen schwer zu erbringen“, schränkt Kirstin Zeidler von der Unfallforschung der Versicherer ein: „Der Straßenverkehr verhält sich in heißen Sommermonaten anders als sonst, in Städten gibt es wegen der Ferien deutlich weniger Verkehr. Dafür sind viel mehr Radfahrer, Motorradfahrer und Fußgänger unterwegs.“ Und auf den Autobahnen verstärkt Urlauber.
Radfahrer besonders gefährdet
Laut Daten der Verkehrszählstellen in der Region waren im Sommer 2023 sechs Prozent mehr Autos auf Autobahnen und Bundesstraßen unterwegs als in der kühleren Jahreshälfte, auf Landesstraßen drei Prozent mehr. Im Juli, bei besonders viel Verkehr, passieren die meisten Unfälle, im August sinkt der Wert auf allen Straßenklassen.
Innerorts passieren im Sommer deutlich mehr Unfälle, und das hat mit Radfahrern zu tun. Zwischen April und September gibt es doppelt so viele Radunfälle wie in anderen Monaten. Der Trend zeigt sich mit geringeren Werten auch auf Überlandstraßen. Das hängt nicht nur, aber auch mit der Hitze zusammen: Die häufigsten Ursachen bei Radunfällen sind blendende Sonne, Fahrbahnschäden – und starker Regen.
Tipps zum Fahren bei Hitze
Hitzestress
Die Prüfgesellschaft Dekra veröffentlicht Tipps fürs Fahren bei hohen Temperaturen. „Bei Hitzestress können sich Autofahrer schlechter konzentrieren, sie reagieren langsamer und machen mehr Fahrfehler“, erklärt der Dekra-Experte Wolfgang Sigloch. Vor Fahrtbeginn sollten alle Türen und die Heckklappe für ein paar Minuten geöffnet werden.
Klimaanlage
Auch die Klimaanlage hilft. Es ist aber besser, sie auf 21 oder 22 einzustellen als auf 16 Grad. Wird der Unterschied zur Außentemperatur zu groß, drohen Kreislaufprobleme.
Trinken
„Ausreichendes Trinken ist wichtig, um Konzentrationsschwächen zu vermeiden“, sagt Kirstin Zeidler von der Unfallforschung der Versicherer. Bei Fahrern mit Vorerkrankungen sei die Wahrscheinlichkeit eines medizinischen Notfalls während der Fahrt an Hitzetagen größer. srw