Gefahr für Häuser Dem Echten Hausschwamm auf der Spur – Lenny erschnüffelt den gefährlichen Pilz

Petra Geier begleitet Lenny bei der Suche nach dem Echten Hausschwamm. Foto: Ruckaberle, Foto: Granville

Petra Geier hat ihren Hund Lenny zu einem Spürhund ausgebildet, der letztlich Gebäude retten kann – doch der Fachwelt fällt es schwer, den tierischen Experten ernst zu nehmen.

Architektur/Bauen/Wohnen: Andrea Jenewein (anj)

Lenny springt aus dem Auto und bellt freudig erregt. Das „Sitz“ seines Frauchens ignoriert er geflissentlich. Schließlich ist er ein Ire – und erst seit knapp zwei Jahren in Deutschland. Sitz? Was soll da heißen?

 

Doch letztlich setzt sich Petra Geier doch durch. Wie immer. „Lenny braucht eine starke Führung“, sagt die 61-Jährige, die hauptberuflich Zeitungen austrägt. Sie hat ihn mit rund sieben Monaten aus Irland zu sich geholt, über die irische Organisation „Hungry Horse Outside“, die sich für ausgesetzte Pferde, Esel – und in letzter Zeit verstärkt auch Hunde einsetzt.

Für eine Stunde Einsatz nimmt sie rund 100 Euro

Lenny ist ein sehr freundlicher Hund, aber auch dickköpfig, agil und temperamentvoll. Zur Rasse kann Petra Geier nicht viel sagen, aber nach anfänglichen Knieproblemen hat sie in röntgen lassen: „Dabei kam heraus, dass er eine Mischung aus einem kleinen und großen Hund ist, er hat Knochen von beiden Elternteilen“, sagt sie.

Um seinen Charaktereigenschaften Genüge zu tun, beschloss Geier mit Lenny zu arbeiten. Mit ihrem anderer Hund Fred, ebenfalls ein Mischling, der aber aus Rumänien stammt, hatte sie bereits eine Ausbildung zum Spürhund absolviert. „Ich sage mir, wenn ich mit meinen Hunden arbeite, dann kann dabei auch was für mich herausspringen“. Für eine Stunde Einsatz nimmt sie rund 100 Euro, bei der erfolgreichen Bargeldsuche bekommt sie zudem fünf Prozent des Fundes.

Die Ausbildung zum Spürhund – bei der renommierten Ausbildungsstätte Kynotech in Österreich – beginnt mit einer Grundschulung: suchen, finden, anzeigen. Danach werden die Hunde auf spezifische Stoffe spezialisiert. Die Einsatzmöglichkeiten sind vielfältig: Bettwanzen, Schusswaffen, Leichen. „Man kann sie auf alles Mögliche ausbilden“, sagt Geier. Allerdings gebe es nur sehr wenige gute Ausbildungsstätten, was die hohe Fehlerquote mancher Hunde erkläre.

Fred ist auf Bargeld spezialisiert. Lenny hat Geier nicht nur auf Bargeld, sondern danach auch noch auf den Echten Hausschwamm ausbilden lassen – eine Kombination, die die Besitzerin bewusst gewählt hat, da Schimmel zu häufig Fehlalarme bei Bargeldeinsätzen verursachen würde, weil er sich in vielen Gebäuden findet. Der Echte Hausschwamm dagegen ist seltener – aber er stellt eine große Gefahr dar.

Lenny (vorne) ist auf Bargeld und den Echten Hausschwamm trainiert, Fred auf Bargeld. Foto: Simon Granville

„Man muss betonen: der Echte Hausschwamm“, sagt Geier. „Der ist gefährlich, weil er die Substanz von Gebäuden zerstört.“ Seine Myzelien können sich durch Holz und sogar durch alten Beton fressen und bis ins Nachbargebäude wandern. Befällt der Echte Hausschwamm Holz, greift er die Struktur an. Die Tragfähigkeit nimmt ab, die Statik versagt, und das Holz kann sich letztlich pulverisieren. Zu diesem Zeitpunkt brechen Decken, Treppen oder andere Holzeinbauten plötzlich und unerwartet zusammen.

Denn: der Echte Hausschwamm wächst gerne ungestört im Verborgenen, was ihn besonders heimtückisch macht. Wenn sich ein Echter Holzschwamm in einem Hohlraum ausbreitet, bleibt er oft jahrelang unentdeckt. „Wenn man ihn oberflächlich sieht, ist es schon richtig heftig“, sagt Geier.

Lenny macht eine „passive Anzeige“, wenn er was gefunden hat

Hier kommen die Spürhunde ins Spiel. Während ein Gutachter möglicherweise erst bei sichtbaren Schäden fündig wird, können ausgebildete Hunde den charakteristischen Geruch, der durch die Zellteilung ausgelöst wird, bereits viel früher wahrnehmen – auch hinter Wänden.

Geier nimmt Lenny an die Leine und geht mit ihm los, quer über das kleine Gartengrundstück, auf dem sie einen kleinen Parcours angelegt hat. Alte Autoreifen, Ziegelsteine, ein Teil von einer Kinderrutsche. Dazwischen hat sie Geruchsproben des Echten Hausschwamms versteckt. Sie bedeutet ihm zu suchen. Lenny ist hoch konzentriert, er schnüffelt intensiv. Plötzlich hält er inne, macht ganz von allein Sitz und starrt vor sich auf den Boden. Sofort gibt Petra Geier ihm als Belohnung sein Lieblingsspielzeug, einen Kong – und schon ist es vorbei mit Lennys wie eingefrorener Haltung. „Das war die passive Anzeige, dass er was gefunden hat“, sagt Geier. Sie hat ihm diese ganz bewusst beigebracht, denn wenn er den Fund etwa durch das Scharren mit der Pfote anzeigen würde, könnte er im Haus etwas zerstören.

Was viele unterschätzen: Die Arbeit ist für die Hunde extrem anstrengend. „Die Atemfrequenz erhöht sich, die Körpertemperatur steigt um zwei bis drei Grad Celsius“, sagt Geier. Nach 20 Minuten intensiver Suche brauchen die Tiere eine mindestens ebenso lange Pause. Lenny und Fred unterscheiden sich dabei charakterlich: Während der ältere Fred aufhört, wenn er müde ist, macht Lenny weiter: „Dem fallen schon fast die Augen zu, aber der macht weiter.“ Auch an diesem Tag findet er kurz hintereinander zwei Geruchsproben des Echten Hausschwamms. Ein voller Erfolg.

Doch die Branche der Bausachverständigen zeigt sich skeptisch. „Die nehmen mich und den Hund nicht ernst“, sagt Geier. Von den angeschriebenen Gutachtern in der näheren Umgebung hätten nur wenige geantwortet. Zwei berichteten von schlechten Erfahrungen mit Hausschwamm-Spürhunden, ein anderer meinte gar, Hausschwamm sei ein oberflächlicher Pilz, dafür brauche man keinen Hund. „Wenn der sagt, Hausschwamm sieht man sowieso, dann weiß er zu wenig“, sagt Geier. Sie vermutet zudem, dass ihre Geschlechtszugehörigkeit eine Rolle spielt: „Manchmal frage ich mich, ob es daran liegt, dass ich eine Frau bin. Das ganze Geschäft ist männlich.“

Experte: „Ich habe bereits mit Schimmelsuchhunden zusammengearbeitet“

Armin Malmquist, Geschäftsführer der Firma Malmquist – Bautenschutz und Abdichtungssysteme aus Stuttgart, zeigt sich hingegen sehr offen. „Ich habe bereits mit Hunden zusammengearbeitet, die auf Schimmel spezialisiert sind – das hat gut funktioniert“, sagt er. Er kann sich insofern gut vorstellen, dass Hunde auch den Hausschwamm erschnüffeln können, auch bevor er sichtbar ist. „Wenn wir kommen, ist die Katze meistens schon den Baum rauf, und der Hausschwamm ist an der Oberfläche der Materialien sichtbar“, sagt er, „wir werden selten auf Verdacht hin gerufen.“

„Der Echte Hausschwamm ist die Königsklasse“, sagt Malmquist. Er käme ihm im Jahr nur etwa zwei bis vier Mal unter, während er zu Einsätzen wegen Schimmels 200 bis 300 Mal im Jahr gerufen werde. In einigen Bundesländern ist der Echte Hausschwamm sogar meldepflichtig, in Baden-Württemberg inzwischen nicht mehr. Doch anders als bei anderen Holzpilzen gibt es für den Echten Hausschwamm spezielle Sanierungsleitfäden, die eine großzügige Sanierung nach DIN-Norm verlangen. Das heißt, so erklärt Malmquist, dass die Sanierung unter Unterdruck vorgenommen werden muss, die befallenen Materialien großflächig abgetragen werden und durch einen Tunnel nach außen verbracht werden müssen, da sich sonst Sporen verbreiten könnten. Das oberste Ziel sei es, die Luftfeuchtigkeit herabzusetzen, denn der Hausschwamm braucht Feuchtigkeit, um zu gedeihen. Das kann etwa durch eine Bodenplatte oder eine Zwangsbelüftung geschehen.

„Hunde werden in unserer modernen Welt immer noch unterschätzt“

Seit letztem Sommer ist Lenny offiziell ausgebildet. Den Herbst und Winter nutzte die Besitzerin für intensives Training. Jetzt ist sie bereit, ihre Dienste anzubieten – und wartet auf die erste Chance, die Zweifler vom Gegenteil zu überzeugen.

„Hunde werden in unserer modernen Welt immer noch unterschätzt“, sagt Petra Geier abschließend. Mit bis zu 200 Millionen Riechzellen leben die Tiere in einer Geruchswelt, die für Menschen unvorstellbar ist. „Die Möglichkeiten sind wahnsinnig – man muss den Hunden nur mehr zutrauen.“

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