Seelsorge jenseits der bürgerlichen Gesellschaft: Martin Schmid-Keimburg leistete mehr als ein Vierteljahrhundert lang Gefangenen im Justizvollzugskrankenhaus auf dem Hohenasperg Beistand. Er sagt: „Im Gefängnis habe ich mehr über das Leben gelernt als je zuvor.“

Asperg - Dass die junge Frau noch einmal glückliche Momente erlebte, das hat Martin Schmid-Keimburg berührt – nach all dem, was hinter ihr lag. Die depressive, drogenabhängige, HIV-positive Frau hatte ihren Sohn mit in den Tod nehmen wollen, er sollte nicht alleine zurückbleiben. Sie sprang mit ihm vom Balkon. Dabei starb der Sechsjährige, aber sie überlebte. „Ohnmächtig und völlig verzweifelt kam sie zu uns auf den Hohenasperg. Die ersten Tage konnte ich nicht mehr tun, als diese Ohnmacht mit ihr auszuhalten“, erinnert sich der 65-Jährige.

 

Ein Dreivierteljahr lang begleitete er die Frau im Gefängniskrankenhaus. Später schrieb sie ihm einmal aus einem Urlaub, sie hätte nie gedacht, dass sie angesichts ihrer Schuld noch einmal Lebensfreude würde spüren können. „Zwei Monate später ist sie an Aids gestorben“, erzählt Schmid-Keimburg. „Ihr Schicksal spiegelt die ganze Bandbreite an Tragik, die einem Gefängnisseelsorger begegnet.“

Petrus Ceelen sagte ihm: „Die Menschen da oben brauchen dich.“

Was liegt einem Dieb, Betrüger, Gewalttäter oder Mörder auf dem Herzen? Kaum einer weiß das besser als der katholische Pastoralreferent, der 26 Jahre lang Gefangenen im Justizvollzugskrankenhaus auf dem Hohenasperg Beistand leistete. Dort werden einerseits stationär behandlungsbedürftige Gefangene versorgt, andererseits unterziehen sich Häftlinge teils jahrelangen Sozialtherapien. Schmid-Keimburg verfolgte kurze biografische Etappen ebenso mit wie lange Wege. Und er sagt: „Im Gefängnis habe ich mehr über das Leben gelernt als je zuvor.“

Die Menschen da oben bräuchten ihn, hatte ihm sein Vorgänger Petrus Ceelen ans Herz gelegt – damals, als sich Schmid-Keimburg nach Projektarbeit in Peru neu justieren wollte und sich keineswegs sicher war, ob die Gefängnisseelsorge das Zeug zu mehr habe als zu einem Intermezzo. „Ich wusste aber bald: Das ist meine Berufung, da gehör’ ich hin.“ Aus der Zwischenstation wurde ein gutes Vierteljahrhundert – eine Zeit, in der vier evangelische Kollegen kamen und gingen.

Was die Häftlinge ihm erzählen, dringt nicht nach draußen

Der frischgebackene Ruheständler mit den lebhaft blitzenden Augen, der anstandslos als Mittfünfziger durchginge, spricht nach wie vor im Präsens, wenn er die Arbeit innerhalb der Festungsmauern beschreibt – auch wenn er jetzt seinen Abschied genommen hat. Er sieht sich als Brückenbauer und Helfer auf dem Weg der Gefangenen, sich zu sortieren, sich mit ihrer Tat und mit sich selbst auseinanderzusetzen. „Oft haben sie wenig Zugang zu ihren eigenen Gefühlen. Zum Beispiel, weil sie in der Kindheit etwas erleiden mussten, das sie nur überstehen konnten, indem sie die Gefühle von sich abgetrennt haben.“