Geflüchtete Brüder aus Afghanistan Der Horror in der Heimat raubt den Schlaf

Toofan und Naser Rostami kennen sich in Stuttgart bestens aus. Das Bild ist entstanden, bevor die Lage in ihrem Land derart eskalierte. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Verzweifelt verfolgen die Brüder Toofan und Naser Rostami von Stuttgart aus die Nachrichten über die Lage in Afghanistan. Sie sind von dort geflüchtet. Naser ist seit einem Angriff der Taliban gelähmt. Ergreifend ist nicht nur ihre Fluchtgeschichte.

Familie/Bildung/Soziales: Viola Volland (vv)

Stuttgart - Eigentlich sollte dieser Text über den erstaunlichen Weg zweier Brüder aus Afghanistan ganz anders beginnen. Doch dann haben sich die Ereignisse überschlagen: Die Taliban haben in kürzester Zeit die Macht an sich gerissen. „Es ging alles so unfassbar schnell“, sagt Toofan Rostami, dessen Stimme gedämpft und voller Traurigkeit ist, ganz anders als beim Treffen vor einigen Tagen, als er noch so kraftvoll klang. Der 23-Jährige hat „schlaflose Nächte“ hinter sich.

 

Auch Naser Rostami ist zum Weinen zumute, aber er weiß nicht mehr, wie das geht. Seit ihrer Flucht seien seine „Tränen trocken“, sagt der 28-Jährige. Was haben die 20 Jahre Besatzung gebracht? Wofür sind so viele Menschen gestorben – die Soldaten aus dem Westen und die vielen Zivilisten – die Mütter, die Väter, die Kinder? Was haben die Taliban jetzt vor? Werden die Mädchen und Frauen wieder weggesperrt? Und was aus denen, die nach Terroranschlägen behindert sind? Es sind so viele Fragen, die Naser Rostami in diesen Tagen durch den Kopf gehen.

Als er nach dem Anschlag aus dem Koma aufwacht, ist er gelähmt

Der Stuttgarter Afghane sitzt selbst im Rollstuhl – wegen der Taliban. Er habe von seinem Vater Lieferungen für die ISAF-Truppen übernommen, nachdem dieser gezielt angeschossen worden war und nicht mehr hinters Steuer konnte. Dass er selbst noch nicht erwachsen war, interessierte nicht. „Ich konnte einen Lastwagen fahren“, sagt der älteste Sohn der Familie, der so ins Visier der Islamisten geriet. Er überlebte den Anschlag, lag jedoch zwei Monate im Koma. Als er aufwachte, spürte er seine Beine nicht mehr. „Es war ein unglaublicher Schock für mich“, erinnert sich Naser Rostami. Der Vater habe zwei Jahre versucht, einen legalen Weg für die Familie aus dem Land zu finden. Dann war er dafür, dass der querschnittsgelähmte Sohn in Kabul zurückbleibt – versorgt durch eine Pflegerin. Was wäre wohl jetzt aus Naser Rostami geworden, wenn seine Mutter nicht so lautstark dagegen protestiert hätte?

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Beide Brüder haben sich vorbildlich integriert

Ob Toofan und Naser Rostami in Stuttgart leben würden? Beide haben einen erstaunlichen Weg gemacht. Toofan Rostami kam im Winter 2014 als minderjähriger unbegleiteter Flüchtling in die Landeshauptstadt, da war er 16. Er hat seinen Schulabschluss geschafft und erfolgreich an einer Qualifizierungsmaßnahme der EnBW teilgenommen. Er wurde übernommen und arbeitet als Betriebstechniker bei der Netze BW. Er lebt in einer WG und ist gerade dabei, den deutschen Pass zu beantragen.

Naser Rostami erreichte 2015 Stuttgart. Er hat ebenfalls einen gesicherten Aufenthaltstitel und ist in so vielen Bereichen ehrenamtlich engagiert, dass man aufpassen muss,  nichts  auszulassen:  Er ist bei den Rolli-Kids des MTV Stuttgart aktiv, spielt mit Kindern, die im Rollstuhl sitzen, Fußball und Basketball. Fürs Gesundheitsamt ist er als Gesundheitslotse im Einsatz, um anderen Geflüchteten das Gesundheitssystem zu erklären. Er leitet ein Männercafé in Heslach, spricht dort Themen wie häusliche Gewalt und Kinderschutz an. Er ist Dolmetscher und nun auch noch Stadtführer beim Projekt Stuttgart Habibi. Was ihn antreibt? Er habe so viele tolle Menschen kennengelernt, das gebe ihm viel, sagt er. Außerdem: „Irgendwie musste ich in der Gesellschaft Fuß fassen.“ Zehn Jahre ist es her, dass ihre Eltern sie vorausschickten. Früh bangten die Brüder um ihr Leben. Noch weit vor der Grenze hätten die Taliban sie geschnappt und in ein „Kellergefängnis“ gesteckt, erzählt Toofan Rostami. Einem Mitinhaftierten hätten sie zu verdanken, dass sie noch leben. Er half ihnen zu entkommen – schaffte es selbst jedoch nicht. Eine Kugel habe den Mann getroffen, da saß er schon im Beiwagen ihres Fluchtfahrzeugs, eines Motorrads. Das viele Blut hat Toofan noch vor Augen.

Die Wunden entzündeten sich im Gefängnis

Naser Rostami weiß, wem er vor allem sein Leben zu verdanken hat: „Mein Bruder ist mein alles“, sagt er. Toofan trug ihn, wenn es nötig war. Und er kümmerte sich um seine Wunden, die sich in dem Gefängnis entzündet hatten. Besorgte Antibiotika und Salben, sei es im Iran oder in der Türkei. „Ich hatte Angst, ihn zu verlieren“, sagt der Jüngere.

Als Naser schließlich in Griechenland mithilfe von Ärzte ohne Grenzen in eine Behelfsklinik kam, entschieden sie, sich zu trennen. Toofan ging alleine weiter, zu Fuß in Richtung Norden. Nach 27 Tagen sei er mit von der Kälte schwarzen Zehennägeln in Deutschland angekommen. „Ich fühlte mich sehr allein“, erinnert sich Naser Rostami an die Zeit nach Toofans Abschied. Das sei hart gewesen. Ein halbes Jahr später gelang auch ihm, mithilfe von Schleppern die Grenzen zu überwinden. Die Angst fuhr erneut mit. Immer musste er darauf vertrauen, dass Fremde ihn in den nächsten Lkw tragen. Dass er nicht irgendwo liegen gelassen wird.

Der Jüngere beantragt den deutschen Pass

„Nun sind Tausende Afghanen auf der Flucht. So wie wir damals“, sagt Toofan Rostami. Wie wird es ihnen ergehen? Mit welchen Widrigkeiten werden sie zu kämpfen haben? Werden sie willkommen sein? Was wird aus den Familien? Ihre ist zerrissen. Der Vater und die Schwester sind in der Türkei. Mutter Sabira lebt seit wenigen Monaten in einer Flüchtlingsunterkunft in Möhringen, traumatisiert von ihrer eigenen Flucht und verängstigt, weil sie wohl nicht bleiben darf. Naser Rostami muss daran denken, was ihm sein Vater einst gesagt hat, als er noch Kind war: „Wenn Du groß bist, werdet ihr in Frieden leben.“ Für ihn selbst mag das gelten. Seine Heimat ist davon weit entfernt.

Hilfsprojekt und kostenlose Stadtführung

Omid
In Stuttgart gibt es ein Projekt der Caritas für psychisch belastete Flüchtlinge, von dem auch die beiden Brüder nach ihrer Ankunft profitiert haben: Es heißt Omid, was übersetzt Hoffnung heißt. Das Besonderer: die Mitarbeiter sind direkt in den Flüchtlingsunterkünften angesiedelt. Es gibt Kindergruppen, kreative Gruppenangebote, aber auch Einzelgespräche sind möglich.

Stuttgart habibi
Eines der Projekte, in denen Naser Rostami engagiert ist, heißt Stuttgart Habibi. Dabei führen junge Menschen mit Fluchtgeschichte durch Stuttgart. Die Stadtführer stammen aus Afghanistan und Syrien, die Führung auf Hochdeutsch und teilweise auch auf Schwäbisch ist kostenlos. Stuttgart habibi ist Teil des Projektes „Schwäbisch für Reingeschmeckte – die kleine Kunst der großen Vielfalt“ von Kubus e.V., Kooperationspartner sind Lokstoff und das Stadtpalais. Weitere Informationen zu dem Stadtführungsprojekt gibt es per E-Mail an anja.wilhelm@kubusev.org, Telefon 07 11/88 89 99 38.

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