Geflüchtete Ukrainer in Leinfelden-Echterdingen Der Sohn hat sie angefleht, zu fliehen

Sehr viele Menschen aus der Ukraine sind derzeit auf der Flucht. Foto: dpa/Petr David Josek

Valentyna Demchenko hat bis Mitte März mit ihrem Mann und ihrer Enkelin in Poltawa, der ukrainischen Partnerstadt von Leinfelden-Echterdingen, Filderstadt und Ostfildern gelebt. Sie wollte ursprünglich nicht fliehen, sagt sie.

Filderzeitung: Natalie Kanter (nak)

Es vergeht kein Tag, an dem Valentyna Demchenko nicht voller Sehnsucht an Poltawa denkt. Die Ukrainerin wohnt seit Kurzem in Leinfelden-Echterdingen. Sie teilt sich mit ihrem Mann Hryhorii und ihrer Enkelin Anna Moroz das Zimmer einer städtischen Wohnung. Und sie wünscht sich nichts lieber, als zurück in ihre Heimat zu fahren. Auch wenn „uns das deutsche Volk mit offenen Armen empfangen hat, wofür wir sehr dankbar sind“, sagt sie auf Ukrainisch. Alena Trenina, Mitarbeiterin des städtischen Kulturamtes, übersetzt ihre Worte.

 

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Doch die 68-Jährige hat „keine Vorstellung davon, wie dieses Ungeheuer“, das Russlands Präsident Wladimir Putin entfesselt hat, „wieder zurück in seine Höhle gedrängt werden kann“. Zu diesem Satz passend schiebt sie mit ihren Fingern etwas Luft über die Tischkante. Ihr Gehirn weigere sich, zu verstehen, was in der Ukraine gerade geschehe. „Es tut mir weh, zu sehen, was in unserem Land innerhalb von wenigen Wochen zerstört worden ist, wie viele Menschen obdachlos geworden sind“, sagt sie. Ihre Maske rutscht etwas von der Nase, Tränen sammeln sich in ihren braunen Augen.

Gute Schuhe waren ihr das Wichtigste

„Familien werden getrennt, Frauen und Kinder wissen nicht, ob sie ihre Männer und Väter jemals wieder sehen werden.“ Sie habe viele Freundinnen in der gesamten Ukraine, versuche Kontakt zu ihnen zu halten. Von manchen wisse sie nicht, ob sie noch leben, was mit ihnen passiert ist. Über die schrecklichen Bilder aus Butscha, nordwestlich von Kiew, will sie nicht reden. Sie kennt die Stadt von früher, weiß wie der Ort vor den Gräueltaten ausgesehen hat.

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Gute Schuhe hat Valentyna Demchenko am 15. März als Allererstes zu ihren Dokumenten in die Tasche geworfen, die sie zuvor schon bei jedem Fliegeralarm mit in den Keller getragen hat. Die Schuhe waren ihr wichtig, weil sie lädierte Füße hat. Wahllos hat sie dann noch ein paar andere Sachen aus ihrem Schrank gezogen. Die Enkelin, die schon länger bei den Großeltern gelebt hat, hat sich ihr Notebook geschnappt. Mit nur ganz wenig Gepäck und dem, was sie gerade am Körper trugen, ist das Ehepaar mit der 13-Jährigen losgerannt. „Ein Bus des Roten Kreuzes fährt heute noch zur polnischen Grenze“, hatte die Familie kurz zuvor erfahren. Eine Stunde später schon sollte es losgehen.

Eine Stunde blieb bis zur Abfahrt

„ Die eigene Heimat zu verlassen, war eine sehr schwere Entscheidung“, sagt Valentyna Demchenko. „Ich wollte ursprünglich nicht fliehen, ich wollte nicht ins Ausland.“ Zunächst habe sie auch nicht daran geglaubt, dass es tatsächlich Krieg in der Ukraine geben wird. Ihr Sohn, der in den USA lebt, habe immer wieder angerufen. Er habe sie angefleht, das Land zu verlassen. Vier- bis fünfmal am Tag hatte es auch im zentralukrainischen Poltawa Fliegeralarm gegeben. Die Enkelin geriet zunehmend in Panik, während sie und ihr Mann kaum noch die sieben Etagen runter in den Keller zum Schutzraum laufen konnten – so sehr habe sie die ganze Situation mitgenommen.

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Der Busfahrer hat die sieben Insassen des Transporters am 15. März in einer rasanten Geschwindigkeit zur polnischen Grenze gebracht. Im Affenzahn sind sie mitten durch ein Gebiet gefahren, das unter Beschuss stand, erinnert sich Valentyna Demchenko. An ein Wunder grenze auch, sagt sie, dass die Reisegruppe innerhalb von nur einer Stunde die Grenze passiert habe. Vier Tage lang sind die drei in Polen geblieben. Von dort hat ein freiwilliger Helfer, der in Stuttgart arbeitet, sie in seinem Auto mitgenommen. So ist die Familie aus Poltawa nach Leinfelden-Echterdingen gelangt.

Wie die Familie nach Leinfelden-Echterdingen kam

„In der Kleiderkammer haben wir gute Sachen bekommen“, sagt Valentyna Demchenko. Eine Deutsche hat ihr, als sie nach einem Handy-Laden gefragt hat, in einem Buchladen ein Wörterbuch gekauft. Nun lernen sie und ihr Mann deutsche Vokabeln. Wenn sie die Sprache etwas kann, will sie als ukrainische Helferin arbeiten. Im Rathaus hat sie sich für diese Aufgabe schon angemeldet. Auch die Enkelin lernt Deutsch und sitzt viel vor dem Computer. Denn das Homeschooling mit ihrer alten Schule läuft trotz des Krieges weiter.

Jeden Tag telefoniert Valentyna Demchenko mit ihrer Mutter. Sie konnte die 92-Jährige nicht mit auf die Flucht nach Deutschland nehmen. „Meine Mutter ist sehr besorgt, weil es für sie der zweite Krieg ist, den sie miterleben muss.“ Die 68-Jährige glaubt an Gott. Auf die Frage, warum er diesen Krieg zulässt, sagt sie: „Der Mensch durchlebt diese Dinge, um daraus zu lernen.“ Die ganze Welt solle eine innere Veränderung spüren und menschlich bleiben.

Aktuelle Situation in Poltawa

Bombenangriffe
Am Freitag, 1. April, sind auch in der gemeinsamen Partnerstadt von Leinfelden-Echterdingen, Filderstadt und Ostfildern Bomben gefallen – allerdings nicht auf die Stadt selbst, sondern auf den kleinen, schon lange stillgelegten Militärflughafen, den die Russen zu Beginn des Krieges mit Drohnen ausspioniert hatten.

Versorgung Geflüchteter
Laut dem Bürgermeister Carl-Gustav Kalbfell hat die zentralukrainische Stadt Poltawa mittlerweile 33 000 Ukrainerinnen und Ukrainer aus anderen, zerstörten Städten des Landes aufgenommen. Die Versorgung dieser Menschen werde langsam knapp, deshalb überlegen die drei Filder-Kommunen, Spenden vom gemeinsamen Spendenkonto in Lebensmittel zu investieren.

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