Er wächst: Der Garten um die sortenreine Ur-Luike, ein rund 100 Jahre alter Apfelbaum und in der Region eine Rarität. Das stattliche Exemplar, das jetzt weitere Gesellschaft in Form von Jungbäumen erhalten hat, steht zwischen dem Wengertweg und der Bahnlinie am Ortsausgang in Richtung Schwieberdingen.
Der Obstkundler und Hobbyhistoriker Matthias Braun ist mit dem Landschaftsgärtner Eric Raasch auf der Zielgeraden, nachdem vor bald drei Jahren das Gemeinschaftsprojekt mit Hemmingen gestartet ist: Im Luikensortengarten haben die Männer nun insgesamt neun verschiedene Typen gepflanzt – Mädchen und Jungen aus der Kita Blohngärten haben mit angepackt. Oberhalb, auf dem Privatgrundstück entlang der Straße, haben Braun und Raasch bereits 18 junge Bäume gesetzt. Sie tragen schon nach vier Jahren Früchte – anders als die Hochstämme unten. Die brauchen mindestens acht Jahre. Oben soll es weitergehen mit Pflanzungen. Zudem wollen Matthias Braun und Eric Raasch Schautafeln anbringen, und sie planen im Garten Veranstaltungen.
„Unsere Heimat, unsere Kulturgeschichte“
„Die Luike beflügelt uns“, sagt Matthias Braun. Er nennt die Apfelsorte seinen „Herzblutapfel“, den Garten „Leuchtturmprojekt“. Die Luike ist selten und alt, vor mehr als 150 Jahren war sie in Württemberg weit verbreitet. Matthias Braun formuliert es so: „Sie war ein Superstar der damaligen Zeit.“ Rund ein Viertel aller Apfelsorten waren Luiken, die als wesentlicher Bestandteil der schwäbischen Mostkulturgeschichte gelten. Jener Garten soll die Luike wieder in den Fokus rücken, sie vor der Vergessenheit und dem Aussterben bewahren. „Wir wollen den nachfolgenden Generationen die württembergische Apfelsorte vermitteln und sie für das Thema sensibilisieren, damit sie sich vielleicht später mal selbst um den Erhalt kümmern“, so Braun. Es gehe um „unsere Heimat, unsere Kulturgeschichte“. Zumal es im Südwesten immer weniger Streuobstwiesen gibt.
Der Garten ist Teil des Projekts Sortenerhalt. Matthias Braun und Eric Raasch haben es vor fast sechs Jahren begonnen, als sie am Eulenberg vier Luikenapfelbäume gepflanzt haben. Ihre Liebe gehört seltenen ortshistorischen Apfel- und Birnensorten. Die beiden verbringen viel Zeit damit, unbekannte Sorten an uralten Bäumen zu bestimmen und neu zu entdecken, geeignete Reiser zur Veredelung auf einer Hochstammunterlage zu gewinnen, Sorten für die Erhaltung nachzupflanzen – auch auf dem Hauwiesle am Viehweg, wo sie ein Kompetenzzentrum inklusive kleiner Baumschule schaffen – und ihr Wissen weiterzugeben – an den Nachwuchs aus der Kita Blohngärten etwa. Die Kinder pflanzen Bäume, ernten Obst und erhalten Apfelsaft. Matthias Braun und Eric Raasch finden es wichtig, dass der Nachwuchs das Ergebnis seiner Mühen sieht. Gern würde das Duo die Zusammenarbeit mit der Grundschule ausbauen. Laut Braun entsteht eine gemeindeinterne Streuobst-Konzeption.
Selbst abgebrochene Ästen werden verwertet
Überhaupt, die Produkte. Neben Apfelsaft entstehen zum Beispiel auch Obstbrände. Die Erzeugnisse, die Matthias Braun aus dem Streuobst herstellen lässt, sind längst über die Ortsgrenze hinaus bekannt und gefragt. In Hemmingen verkaufen sie die Bücherei und der Etterhof. Mittlerweile werden auch abgebrochene Äste verwertet: Der Hemminger Thomas Kläger drechselt aus dem Baumholz Windlichter, Eierbecher und Flaschenöffner. Es wäre schon toll, sagt Matthias Braun, ein eigenes Lädle zu haben.
Doch auch ohne Laden ist der 54-jährige Verwaltungsbeamte, der von Hemmingen nach Weissach gezogen ist, ziemlich beschäftigt. „Wir sind immer und überall daran interessiert, neue Sorten zu finden“, sagt er – und tut es denn auch. Seit mehr als 20 Jahren schon. Zuletzt ist er auf drei neue Luiken-Ortssämlinge gestoßen, wie jüngste DNA-Auswertungen zeigen. Die Haldenhofluike beim Sortengarten – „ein Koloss von Apfelbaum“ –, die Rarität Postmichel, die in Ditzingen-Heimerdingen und Weissach steht sowie die Porscheluike in Weissach. Haldenhof- und Porscheluike sind Arbeitsnamen. Letztere heißt so, weil am Standort das Entwicklungszentrum des Stuttgarter Autobauers zu sehen ist. Es sei spannend, wie sich der Apfel durch andere Sorten optisch verändert habe, aber auch der Blüte- und Erntezeitpunkt, sagt Matthias Braun. In Heimerdingen hat er den wohl letzten Baum der Sorte Wöhrlesbirne gefunden, 130 Jahre alt. Ein Abkömmling des Altbaums gedeiht nun unter anderem auf dem Hauwiesle.
Die Hemminger Luike in Weinsberg
Wichtig ist das Projekt Sortenerhalt auch für die Lehr- und Versuchsanstalt für Wein- und Obstbau in Weinsberg. Wegen des Klimawandels widmen sich die Experten besonders den sehr spät blühenden und daher gut gegen Spätfröste geeigneten Luikentypen in Hemmingen. Das Ziel ist es, robustere Apfelsorten zu züchten, die Frost besser vertragen. Im Sommer wurden Blüten der alten Heslacher Luike künstlich befruchtet. Vier neue Apfelsorten sind entstanden, berichtet Matthias Braun. Die Früchte wurden geerntet, in Weinsberg wurden die Kerne entnommen. Daraus wachsen Bäume, zunächst in einem Gewächshaus im staatlichen Obstversuchsgut Heuchlingen. Geduld ist nötig, denn erst in frühestens fünf Jahren werde über Nachzüchtungen entschieden. Matthias Braun wird die Ausdauer haben.