Gefühlslage Anxiety „Angst ist eine Einladung, uns selbst kennenzulernen“

Angst ist eine wichtige Emotion. Foto: KI/Midjourney/Montage: Sebastian Ruckaberle

Anxiety ist zur Gefühlslage einer jungen Generation geworden. Die Psychologin Pauline Stockmann gibt Tipps, wie man die eigenen Unsicherheiten versteht – und Anspannung löst.

Psychologie/Partnerschaft: Nina Ayerle (nay)

Anxiety ist mehr als Angst – sie beschreibt eine Gefühlslage der jungen Generation, den unangenehmen Gefühlsnebel und die innere Anspannung. Die Psychotherapeutin Pauline Stockmann aus Berlin gibt in ihrem Buch „Lass mal über Anxiety reden“ Tipps für den richtigen Umgang. Im Interview erklärt sie, mögliche Ursachen hinter dem diffusen, bedrohlichen Unwohlgefühl – und warum wir, anstatt unsere Anxiety zu bekämpfen, lernen sollten, ihr zu zuhören.

 

Frau Stockmann, Sie haben ein Buch über Anxiety geschrieben. Warum beschäftigt das Ihrer Meinung nach so viele Menschen im Moment?

Ich lebe in Berlin und da ist ständig von Anxiety die Rede. Im Deutschen haben wir das auch. Wir haben Furcht und wir haben Angst, aber Furcht klingt wie die veraltete Version von Angst. Das benutzen wir nicht. Was dazu führt, dass wir zu allem Angst sagen. Es ist extrem problematisch, wenn ich jetzt zu Ihnen sage: ‚Ich habe Angst.’ Dann wissen Sie gar nicht, ob ich Sicherheit brauche, weil ein Tiger hinter mir her ist oder geht es nur um den Tiger in meinem Kopf. Bei meinen Recherchen ist mir aufgefallen, dass Anxiety der Begriff ist, den wir im deutschsprachigen Raum für emotionales Chaos nutzen. Dieser emotionale Schmerz aus ungewissem Ursprung. Da sagen wir oft Anxiety.

Wie haben Sie sich damit auseinandergesetzt?

Ich bin und war schon immer ein Angsthase und deswegen habe ich mich viel mit der Angst auseinandergesetzt und irgendwann gemerkt, dass unsere Angst eine große Einladung ist, eine Chance uns kennenzulernen.

Aber warum ist es eine Einladung, Ängste zu verspüren? Die meisten von uns finden es ja eher unangenehm, Angst zu haben.

Diese Momente sind eine Einladung für uns, mit viel Potenzial, die Anteile in uns kennenzulernen, die am meisten Fürsorge brauchen. Weil sie in der Vergangenheit verletzt wurden, unsicher sind und da noch Emotionen und Erfahrungen unverarbeitet sind.

Ist der Tiger hinter mir oder in meinem Kopf – das ist in unserem Alltag oft sehr schwer zu unterscheiden. Wie lernen wir den Unterschied?

Meine beste Freundin, ebenfalls Psychotherapeutin, sagt immer, es gibt emotionale Medizinbälle oder Flummis – im Psychologischen nennen wir das high reactive und low reactive. Ich war schon immer ein Flummi, also ich fühle schnell, viel und intensiv. Es gibt Menschen, die reagieren schneller auf ihr Umfeld und äußere Reize, daher brauchen sie mehr Ruhe. Und dann gibt es Menschen, die lassen sich nicht aus der Ruhe bringen, Medizinbälle eben. Es gibt schon einen Unterschied im Gemüt. Und dann sind es unsere Lernerfahrungen. Erst einmal ist Angst eine wichtige Emotion, weil auch wenn der Tiger nur in unserem Kopf ist, geht es darum, zu überlegen, was könnte potenziell für uns gefährlich sein. Wir bereiten uns darauf vor und das vermeiden wir am besten.

Die Psychologin Pauline Stockmann sagt, Ängste können eine Chance sein, sich besser kennenzulernen. Foto: PR/ Paula Schu

Es gibt Situationen, in denen viele Menschen Angst bekommen würden und welche, in denen es eher von der Person abhängt, ob etwas in ihr Angst auslöst oder nicht.

Ja, wenn ein Tiger hinter einem ist, ist das eine realistische Furcht, die sehr viele Menschen fühlen würden. Und dann gibt es Emotionen, die man selbst angstauslösend empfindet und andere Menschen nicht. Und da ist wieder die Einladung zu vorherigen Erfahrungen. Weil wir lernen: Das, was uns Angst macht, ist das, was wir als Kinder noch nicht verarbeitet haben, wo wir schmerzhafte Erfahrungen hatten, die uns in der emotionalen Wucht in der Kindheit überfordert haben. Deswegen haben wir sie abgespalten und jetzt machen sie uns Angst, wenn wir in Situationen im Hier und Jetzt kommen, die uns an damals erinnern. Dann geht unser inneres Alarmsystem an und sagt: gefährlich. Weil es damals mit der emotionalen Wucht gefährlich für uns war. Deswegen geht es darum, sich kennenzulernen und zu verstehen, wieso schlägt mein Alarmsystem gerade an – und wie kann ich daran arbeiten, dass es das weniger tut.

Und würden Sie sagen, dass das alles auf die Kindheit zurückzuführen ist? Ich meine, es gibt ja auch viele Dinge, die später im Leben dazukommen.

Nein, ich will nicht sagen, dass das nur in der Kindheit und Jugend entstehen kann. Die Menschen lernen weiter, Schmerz aus Erfahrungen zu vermeiden. Immer wenn uns etwas passiert, was uns in seiner emotionalen Wucht überfordert, kann das zu zukünftiger Angst führen.

Können Sie ein konkretes Beispiel geben?

Wenn zwei Kolleginnen bei der Arbeit die gleiche Deadline haben, kann eine Person es als Challenge sehen, und die andere sieht es als etwas, woran sie auf jeden Fall scheitern wird. Die eine Person denkt sich, oh ja, kriege ich schon hin. Die andere Person kriegt nachts kein Auge zu. Wie wir mit herausfordernden Situationen umgehen, liegt immer daran, wie viele Ressourcen wir zur Verfügung haben, um sie zu bewältigen.

Oder was wir meinen, was wir für Ressourcen zur Verfügung haben. Manchmal haben wir ja mehr zur Verfügung, als wir uns tatsächlich zutrauen. Dann haben wir oft irrationale Ängste – obwohl wir eine Situation bewältigen würden.

Und da sind wir wieder bei Glaubenssätzen, die meist in der Kindheit und frühen Jugend geformt werden. Wenn man in der Kindheit nur für gute Leistungen gemocht wurde, wenn in der Kernfamilie keine Fehlerkultur vorhanden war, man immer alles richtig machen musste, dann ist man häufig später im Leben von Perfektionismus getrieben. Und dann sind Deadlines und Prüfungssituationen für uns beängstigender, als wenn ich in einer Kernfamilie oder mit Bezugspersonen aufgewachsen bin, die erwarten, dass man sein Bestes gibt – dann geht man mit viel weniger Angst in solche Situationen.

Man kann sich das ja ein Stück weit auch wieder abtrainieren, was man in seiner Herkunftsfamilie an Glaubenssätzen gelernt hat?

100 Prozent. Aber es gibt einen Unterschied zwischen hohem Leistungsstreben und Perfektionismus. Eine perfektionistische Person sagt, ich habe 8 von 10 Punkte geschafft, aber nur zehn von zehn sind gut. Weil die perfektionistische Person von Angst getrieben ist und eine schlechte Leistung nicht auf eine Verhaltensebene, sondern auf die Persönlichkeitsebene zurückführt. Ich bin nicht gut genug und nicht die Leistung war jetzt nicht gut. Ein Mensch mit lediglich hohem Leistungsstreben ist mit 8 von 10 Punkten zufrieden. Und dann ist immer die Frage: Ist eine schlechte Note wirklich eine Katastrophe für mich und warum? Und hängt mein ganzes Leben davon ab? Ist es ein Elefant oder doch nur eine Mücke?

Gesellschaftlich wurde lange angenommen, dass wenn man weniger fühlt, man sich besser fühlt.

Das ist absoluter Quatsch. Wir wissen aus Studien, je näher wir an unseren Emotionen sind, desto mehr wissen wir, was wir brauchen. Jedes Gefühl ist valide, weil es uns aufzeigt, welche unerfüllten Bedürfnisse wir haben. Wir können nicht schalten und walten, wie unsere Emotionen uns leiten. Wir müssen lernen, wie wir mit diesen umgehen. Aber die Emotion an sich ist nicht das, was uns dysfunktional macht. Das Nicht-Fühlen der Emotion, das Wegdrücken, das Vermeiden und das Abspalten von Emotionen ist das, was uns dysfunktional macht.

Was haben Sie für sich – als Flummi – für Lösungen im Alltag gefunden?

Ich glaube, dass die Lösung in der Gleichung aus Akzeptanz, Gleichmut und Mitgefühl liegt. Wir glauben oft, dass „Heilung“ bedeutet, dass wir keine unangenehmen Emotionen oder emotionalen Schmerzen mehr haben. Das stimmt de facto nicht. Leid ist Teil unseres menschlichen Erlebens. Resilienz bedeutet, zu akzeptieren, dass Krisen dazu gehören. Und so versuche ich, mit meinen Emotionen umzugehen, den Widerstand rauszunehmen, weil das ist oft das Problem – Schmerz plus Widerstand gleich Leid. Ich versuche, meine Emotionen alle willkommen zu heißen und währenddessen mir selbst emotional zu begegnen und mich zu versorgen. Aber wie bei allen Menschen funktioniert das mal besser und mal schlechter – je nachdem, welche Ressourcen ich gerade zur Verfügung habe.

Man hat gute und schlechte Tage. Was hilft für die Schlechten?

Genau! Und dann ist es okay, sich in dem Moment zu fragen, was brauche ich? Eine Pizza, mein Lieblingsfilm, ein Telefonat mit meiner Freundin. Da darf man schauen: Was könnte mir jetzt ein Gefühl von Sicherheit geben?

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