Kein Kind ist wie das andere. Manche haben ein ruhiges Wesen, andere nehmen ihre Umwelt besonders intensiv wahr und empfinden starke Gefühle. Gefühlsstarke Kinder oder High-Need-Kinder können zuweilen anstrengend für Eltern sein. Für einen funktionierenden Alltag ist dann eine Balance aus enger Betreuung und vorsichtigem Anschubsen wichtig.
Herr Barth, ist der Begriff „gefühlsstarkes Kind“ neu für Sie?
Ja, der Begriff ist zumindest in der Psychologie recht neu. Was aber dahinter steckt, ist kein unbekanntes Phänomen und spielt gesamtgesellschaftlich eine wichtige Rolle. Gefühlsstarke Kinder haben ein besonders lebhaftes Temperament, sie nehmen Alltägliches mit allen Sinnen intensiv wahr; was sie riechen, sehen, auf der Haut spüren und hören. Sie haben eine hohe innere Erregung und sind sehr reizoffen; und das kann sich ganz unterschiedlich äußern: In manchen Momenten schreien sie viel und nichts tröstet sie, dann verspüren sie unbändige Freude und Begeisterung. Eine große Stärke ist zumeist ihre Sensibilität und Empathie. Sie sind sehr mitfühlend gegenüber den Bedürfnissen und Empfindungen anderer Menschen und verspüren Freude über Dinge, die andere Kinder als weniger besonders wahrnehmen.
Wann kommen Eltern gefühlsstarker Kinder zu ihnen?
Eltern vergleichen ihren Nachwuchs zumeist mit anderen Kindern, das ist ganz normal. Die Bedürfnis- und Gefühlsstärke verwundert sie dann und das Meistern des Alltags ist für sie zumeist anstrengender als für andere Eltern. Sie fragen sich, ob sie dazu beigetragen haben, dass ihr Kind aufwendiger ist. Oft kann ich ihnen die Sorgen nehmen und versichern, dass sie es gut machen. Sonst wären die Probleme und Herausforderungen noch viel größer. Gefühlsstärke ist ein Persönlichkeitsmerkmal, das auch in unseren Genen verankert ist und nicht immer Ergebnis von mangelnder Erziehung oder gar eine Krankheit ist. Es gibt einfach Kinder, die von Natur aus lebendiger und gefühlsintensiver sind. Im Einzelfall ist es jedoch wichtig zu klären, ob es darüber hinaus Ursachen für die Gefühlsstärke gibt, zum Beispiel belastende Erfahrungen oder innere Störungen. Oft hilft es Eltern, den Besonderheiten ihres Kindes einen Namen zu geben und sich so gezielt Hilfe bei den richtigen Ansprechpartnern suchen zu können.
Warum haben Kinder unterschiedlich starke Gefühle?
Die Differenzierung und Wahrnehmung von Gefühlen entwickelt sich bis hin ins junge Erwachsenenalter. Zentral hierfür sind Hirnstrukturen, die im präfrontalen Bereich der Hirnrinde liegen und unsere Persönlichkeit prägen. Bei manchen Babys und Kindern entwickeln sich diese Bereiche des Gehirns schneller, bei anderen braucht ihre Entwicklung mehr Zeit. Dies wird durch Veranlagung und durch Erfahrungen während des Aufwachsens bestimmt. Parallel zu der Gefühlswahrnehmung entwickelt sich unsere Gefühlsregulation, eine wichtige Fähigkeit, schließlich können wir nicht jedes Gefühl frei und unreflektiert nach außen zeigen. Zu erwarten, dass Kinder ihre Gefühle so regulieren können, wie man es möglicherweise als Erwachsener kann, ist also nicht richtig. Wahrnehmung und Regulation bedingen sich: Je besser Gefühle gefühlt werden können, desto einfacher gelingt es, bewusste und unbewusste Emotionen zu filtern, zu verarbeiten und zu regulieren.
Wie unterstützen sie Eltern, die mit ihrem gefühlsstarken Kind in die Schreisprechstunde kommen?
Ein respektvolles Ernstnehmen, darin sehe ich die erste Aufgabe der Psychologie. Zunächst versichere ich den Eltern, dass Gefühle etwas grundlegend Positives sind. Sie sind unser sozialer Sinn und der Motor für alle Handlungen. Gefühle wegzumachen oder zu ignorieren ist also keinesfalls das Ziel, stattdessen wollen wir die differenzierte Gefühlswahrnehmung und Gefühlsregulation von Kindern stärken. Grundlegend dafür ist eine intensive Kommunikation zwischen Eltern und ihrem Kind. Wenn das Kind viel schreit und scheinbar nichts hilft, drohen sie das Gespür dafür zu verlieren, welche Bedürfnisse ihr Kind in einem Moment hat und was es beruhigen kann. Untersuchungen zeigen uns, dass Babys schon mit einem halben Jahr viele Inhalte verstehen. Ein ruhiger, wertschätzender Tonfall, besonders während Gefühlsausbrüchen, ist viel wert und kann erlernt werden.
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Wie kann der Alltag mit einem gefühlsstarken Kind gelingen?
Ein sicheres soziales und familiäres Umfeld und ein stabiler Alltag sind wichtig. Einen Kokon brauchen gefühlsstarke Kinder nicht, vielmehr sollten Eltern zweigleisig fahren. Von den hohen Bedürfnissen ausgehen, den Alltag machbar machen und ihre Kinder vor Überreizung schützen und gleichzeitig immer wieder kleine Situationen einbauen, in denen Kinder eine eigene Gefühlsregulation erlernen dürfen. Gefühlsstarke Kinder haben meist eine starke Bindung zu einem Elternteil, häufig der Mutter. Doch auch sie müssen lernen, dass Eltern nicht pausenlos da sein können. Eine dritte Person mit ins Boot zu holen, die die primäre Bindungsperson entlastet und den Eltern Paarzeit schenkt, kann Erleichterung schaffen.
Welchen Einfluss hat das gesellschaftliche Umfeld?
Wir leben in einer Gesellschaft, in der der Wert des Menschen stark nach seiner Funktionalität bemessen wird. Es wird von jedem erwartet, dass er funktioniert und sich problemlos an die Spielregeln unseres Systems anpassen kann. Gleichzeitig beobachten wir eine enorme Belastung und hohe Ansprüche, die an Kinder und Jugendliche gestellt werden; und das nicht erst seit der Pandemie. Kinder, oder Menschen allgemein, die nicht funktionieren, sind oft auffällig und am Rande. Das ist für gefühlsstarke Kinder ein Problem. Sie lassen sich nicht so leicht anpassen und fordern mehr. Ich finde, wir müssen dann auch bereit sein, ihnen über eine gewisse Lebensphase hinweg dieses Mehr an Betreuung und Nähe zu geben, es ist schließlich meist nur eine Phase in den ersten Lebensjahren. Gefühlsstarke Kinder sind Kindern mit ganz besonderen Chancen und einer hohen Sensibilität, das sollten wir nicht vergessen.
Gottfried Barth und die Babysprechstunde
Zur Person
Gottfried Maria Barth ist stellvertretender Leiter der Abteilung für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie im Kindes- und Jugendalter am Universitätsklinikum Tübingen. Er studierte Medizin, Philosophie und Rhetorik und ist Psychoanalytiker. Seit mehr als zwanzig Jahren forscht er zur Entwicklung im Kindes- und Jugendalter. Sein besonderes Forschungsinteresse gilt autistischen Kindern. Zudem ist er Leiter der Schrei- und Babysprechstunde am Klinikum, in der Eltern Unterstützung erhalten können.
Schreisprechstunde
In der Sprechstunde am Klinikum in Tübingen erarbeiten Eltern mit Psychologen ein Verständnis für die Bedürfnisse und Gefühlsausbrüche der Kinder. Die Wahrnehmung und der Umgang mit gefühlsstarken Kindern wird geübt. Die Anmeldung erfolgt über die Ambulanz der Kinder- und Jugendpsychiatrie (Osianderstr. 14, 72076 Tübingen, Tel. 0 70 71 / 2 98 23 38).