In manchen Teilen Stuttgarts empfindet jeder Dritte die Sicherheit als problematisch, in Teilen der Innenstadt lebt man dagegen fast sorgenfrei. Woran liegt das?

Digital Desk: Jan Georg Plavec (jgp)

Untertürkheim hat ein Problem mit der Sicherheit. So sehen es zumindest die Untertürkheimer selbst. Fast jeder Dritte aus diesem Stadtbezirk, der vergangenes Jahr an der Bürgerbefragung teilgenommen hat, bezeichnet Sicherheit und Ordnung als großes beziehungsweise sehr großes Problem (konkret: 32,4 Prozent). Das ist der höchste Wert von ganz Stuttgart.

Zum Vergleich: In Stuttgart-West liegt der Anteil nur bei 11,3 Prozent, das ist der beste Wert in ganz Stuttgart. Am zweitbesten ist es in Nord (19,4 Prozent). Insgesamt finden 23,2 Prozent der Stuttgarter, Sicherheit und Ordnung seien ein großes oder sehr großes Problem. 43 Prozent sehen darin ein eher kleines oder gar kein Problem.

Gefühlte Sicherheit – die Karte

3906 volljährige Einwohner haben im April 2021 an der Stuttgarter Bürgerumfrage teilgenommen. Die Stichprobe ist repräsentativ mit der Ausnahme, dass Ausländer verglichen mit der Gesamtbevölkerung unterrepräsentiert sind. Die Umfrage gibt also stärker den Eindruck der Einwohner mit deutschem Pass wieder. Von denen empfindet vor allem im Norden und Osten der Stadt mehr als ein Viertel der befragten Einwohner Sicherheit als größeres Problem.

Die Karte zeigt also das Sicherheitsgefühl in den einzelnen Bezirken an. Die Frage nach der Problemwahrnehmung ist eine Möglichkeit, es zu messen – es gibt aber noch wesentlich komplexere Ansätze. Den meisten Studien ist gemein, dass sich kaum ein Zusammenhang von Sicherheitsgefühl und Straftaten zeigt.

Was Kriminalität mit Sicherheitsgefühl zu tun hat

In Stuttgart wird das am Bezirk Mitte deutlich: Dort werden mit Abstand die meisten Straftaten erfasst, 2021 waren es laut Polizeipräsidium genau 10 601, das ist ein Viertel aller im Stadtgebiet aufgenommenen Straftaten.

Berücksichtigt man zusätzlich die Einwohnerzahl, kamen 2021 auf 1000 Bewohner von Mitte 455 Straftaten. Zum Vergleich: der zweithöchste Wert wurde mit 79 in Bad Cannstatt verzeichnet, das ist weniger als ein Sechstel des Werts von Mitte. In West waren es 34 und in Untertürkheim 48 Straftaten je 1000 Einwohner.

Das Statistische Amt hat die Daten analysiert und schreibt, „dass kein Zusammenhang zwischen dem Sicherheitsgefühl und den tatsächlich erfassten Straftaten besteht“. Sonst müssten sich die Menschen in Mitte nämlich ziemlich unsicher fühlen. Auch wenn man Mitte aus der Analyse herausnimmt, zeigt sich kein klares Muster. Der Leiter des Statistischen Amts, Mathias Fatke, vermutet, dass gefühlte Sicherheit „weniger auf einer Faktenlage gründet und sich stärker aus individuellen Lagen ergibt“.

Die 455 Straftaten je 1000 Einwohner in Mitte bedeuten schließlich nicht, dass ein Bewohner von Mitte jedes zweite Jahr Opfer eines Diebstahls oder Sexualdelikts wird. Vielmehr häufen sich dort solche Delikte in den Einkaufsstraßen beziehungsweise Nachtstunden, weil vor allem am Wochenende viele Auswärtige in der City unterwegs sind.

Wer Opfer war, hat mehr Angst

Die Kasseler Sicherheitsforscherin Claudia Müller fasste 2018 zusammen, woraus sich Kriminalitätsfurcht speist. Am stärksten ist die Viktimisierungserfahrung, also wenn man selbst Opfer wurde. Dazu kommen ein schwacher sozialer Zusammenhalt der Nachbarschaft und ein „kaputtes“ Straßenbild, die Medienberichterstattung sowie die Angst um die eigene Existenz oder vor aktuellen Bedrohungen.

Auf Stuttgart übertragen bedeutet das: In Stuttgart-West fühlen sich die Menschen sicherer, weil sie seltener Opfer von Straftaten werden und in einer funktionierenden Nachbarschaft leben. Außerdem haben sie generell weniger Angst – zum Beispiel, weil in dem Bezirk insgesamt mehr wohlhabende Menschen leben. In Untertürkheim, Wangen und Hedelfingen sowie Mühlhausen, wo die Menschen sich unsicherer fühlen, ist es in unterschiedlichen Abstufungen anders als in West.

Die gefühlte Sicherheit hat offensichtlich viel mit den Bezirken selbst zu tun – und nur wenig mit dem Empfinden einzelner Bevölkerungsgruppen. Das Statistische Amt zeigt in in seiner Datenauswertung, dass Ältere die Sicherheit in der Stadt durchweg als problematischer beurteilen. Andere Faktoren haben, wenn überhaupt, nur einen kleinen Einfluss – Hochgebildete fühlen sich zum Beispiel tendenziell sicherer. Wenn in Stuttgart-West weniger Ältere und mehr Akademiker leben als in Untertürkheim, beeinflusst das also auch das Sicherheitsempfinden.