Stuttgart im Zweiten Weltkrieg Großes Echo auf die Stuttgarter Kriegsfilmserie
Finale unserer gemeinsam mit dem Stadtarchiv entstandenen Kriegsfilmserie. Zur Abschlussveranstaltung im Stadtpalais kamen mehr als 100 Leserinnen und Leser.
Finale unserer gemeinsam mit dem Stadtarchiv entstandenen Kriegsfilmserie. Zur Abschlussveranstaltung im Stadtpalais kamen mehr als 100 Leserinnen und Leser.
Wie erlebten die Menschen in Stuttgart den Krieg? Auskunft darüber geben 58 Filme, zusammengefasst in der sogenannten Stuttgarter Kriegsfilmchronik, die der Regisseur Jean Lommen im Auftrag von NS-Oberbürgermeister Karl Strölin von 1941 bis 1944 drehte und die im Besitz des Stadtarchives sind „Einen Schatz, der Stadtgeschichte erfahrbar macht“, nannte Joachim Dorfs, Chefredakteur der Stuttgarter Zeitung, am Mittwoch im Stadtpalais den bundesweit einmaligen Filmbestand.
Doch der Schatz ist vergiftet, daran ließ Günter Riederer vom Stadtarchiv keinen Zweifel: „Die Filme sind kontaminiert von der NS-Ideologie.“ Denn Lommen, seit 1933 NSDAP-Mitglied, hatte Strölin das Angebot gemacht, die Leistungen der Stadtverwaltung gerade in so schwererer Zeit, hervorzuheben. Und genau das dann geliefert. „Das ist knallharte Propaganda“, so Dorfs. „Daher braucht es den Kontext“, betonte Riederer, also das Einordnen der bewegten, aber stummen Bilder in die Realität der NS-Diktatur. Diesen Anspruch haben die Redakteure Jan Sellner, Jan Georg Plavec und Felix Frey erfüllt, als sie das Rohmaterial aufbereiteten und von den Historikerinnen und Historikern des Stadtarchivs in 14 Filmen kommentieren ließen.
Das Echo auf die Serie war groß und ausnahmslos positiv. Denn das Projekt traf, gerade zum 80. Jahrestag des Kriegsendes, bei vielen Menschen einen Nerv. „Wir wurden für die Kommentierung gelobt“, so Riederer. Und Sellner berichtete von einer Vielzahl von Zuschriften, in denen Zeitzeugen ihre Erinnerungen mitteilten.
Zu denen, denen die Filmserie positiv aufgefallen ist, zählt der Filmregisseur Joachim A. Lang. Der Serienteil und die Berichterstattung über jüdische Menschen, die sich im Dezember 1941 am Killesberg sammeln mussten und von dort nach Osten deportiert wurden, hat ihn besonders bewegt, erzählte er im Stadtpalais. Häufig komme er an der Gedenkstätte im Killesbergpark vorbei und sehe den Gedenkstein dort. Durch den Film kenne er nun auch die Gesichter der Menschen, von denen man weiß, dass sie schon wenige Tage oder Wochen später nicht mehr am Leben waren: „Es ist so wichtig, diese Zeit in Erinnerung zu behalten und dem Publikum zugänglich zu machen“, sagte Lang: „Das gelingt mit dieser Serie auf lokaler Ebene in eindrucksvoller Weise – auch durch die Betonung des propagandistischen Gehalts der Filmszenen.“
Seit er mit 13 Jahren das Buch von Eugen Kogon „Der SS-Staat“ gelesen habe, habe ihn das Thema nie mehr los gelassen, bekannte Lang. Für seinen 2024 erschienenen Film „Führer und Verführer“ über Reichspropaganda-Minister Josef Goebbels beschäftigte er sich intensiv mit der ausgefeilten Nazi-Propaganda: „Propaganda ist eine Kunst wie die Malerei“, zitierte Lang den Verführer Goebbels und mahnte: „Wir müssen aufpassen, dass wir uns auch heute nicht verführen lassen.“ Sein Film solle auch eine Warnung sein, die Bedrohung sei brandaktuell.
Als Goebbels am 18. Februar 1943, nach dem Untergang der 6. Armee in Stalingrad, im Sportpalast in Berlin „Wollt ihr den totalen Krieg?“ brüllte, standen Stuttgart die massivsten Angriffe und die Zerstörung der Innenstadt 1944 noch bevor. Lommen filmte auch die Ruinen – ebenfalls in propagandistischer Absicht. „Wichtig ist, was wir alles nicht sehen“, kommentierte Riederer den Film, der sich mit dem zerstörten Stuttgart beschäftigt: „Man sieht keine Leichen, der Schutt ist bereits weggeräumt, die Situation ist bereinigt, die Straßenbahn fährt. Als gehe das Leben ganz normal weiter.“ „Wir haben vom Krieg drastische Bilder im Kopf, aber diese Filme zeigen die Banalität des alltäglichen Lebens“, stellte Katharina Ernst, die Leiterin des Stadtarchivs, fest. Alles funktionierte scheinbar reibungslos: Der Luftschutz, die Versorgung mit Lebensmitteln, selbst im sogenannten Judenladen, dem einzigen Laden in Stuttgart, in dem Juden von April 1941 an noch einkaufen durften.
Durch die Recherchen des Stadtarchivs weiß man: die in dem Laden gefilmte junge Frau, Eva Stettiner, wird ein Opfer des Holocaust. Einer Einordnung bedürfen auch die Bilder über die städtischen Kinderkliniken und -heime. Der im Film gezeigte Arzt, Dr. Karl Lempp, steht in Verbindung mit einer später eingerichteten, sogenannten Kinderfachabteilung, in der mehr als 50 Kinder mit Behinderung getötet wurden.
Wie reagieren Nachgeborene auf die Zeugnisse der Vergangenheit? „Es ist schwierig, die zeitliche Distanz zu überbrücken, für die heutige Generation ist das eine andere Welt“, sagte Yannick Nordwald, Ausstellungsleiter im Stadtpalais. Umso wichtiger sei Aufklärung, wie sie mit dem Projekt beispielhaft geleistet wurde.