Gegen Sprach- und Denkverbote Mal Nein sagen zur Minderheit

Halle Berry verzichtet darauf, eine Transgender-Person zu spielen – weil das anderen nicht gepasst hätte. Foto: imago images/ZUMA Press/Kristin Callahan

Minderheiten müssen Gehör finden. Sie dürfen von Mehrheiten nicht immer niedergebügelt werden. Aber sie können auch nicht der Mehrheit ihre Wünsche aufzwingen. Der Fall Halle Berry zeigt mal wieder, dass Einschüchterung viel zu gut funktioniert.

Stuttgart - Intoleranz, Unduldsamkeit, Verteufelung von Andersdenkenden – das sei doch so ein Schreihalsphänomen der sozialen Netzwerke, denken manche immer noch, ein Beleg dafür, dass Facebook, Twitter, Instagram und Youtube keine gesellschaftlichen Foren seien, sondern bloß Gummizellen. Spätestens jetzt müssten solche Träumer aufwachen. Gerade haben 153 namhafte Intellektuelle und Künstler von Noam Chomsky bis Joanne K. Rowling vor einer „stickigen Atmosphäre“ gewarnt, in der „Schriftsteller_innen, Künstler_innen und Journalist_innen nichts mehr riskieren, weil sie um ihren Lebensunterhalt fürchten müssen, sobald sie vom Konsens abweichen und nicht mit den Wölfen heulen.“

 

Für sich genommen klingt dieses Zitat zunächst so, als sollten mal wieder Minderheiten und ihre Fürsprecher vor einer sie niedergrölenden Mehrheit geschützt werden. Aber der Brief ist alarmierender, weil er auch auf eine andere Entwicklung reagiert, auf die Tyrannei von Minderheiten, die dank sozialer Medien Druck wie nie zuvor machen können. Das ist zunächst eine prima Sache: Auch die Wenigen finden nun Gehör. Das braucht es auch, damit ihre Rechte nicht missachtet und ihre Anliegen nicht einfach beiseite gefegt werden. Aber so wie im schlimmsten Fall die Mehrheit eine Minderheit rücksichtlos unterbügelt, fordern nun Minderheiten bei allem, was sie real oder vermeintlich betrifft, das alleinige Definitions- und Bestimmungsrecht.

Sprach- und Denkunfug

Vor Kurzem hat das die „Harry Poter“-Autorin Joanne K. Rowling zu spüren bekommen, die sich gegen den Sprach- und Denkunfug wandte, aus Frauen „Menschen, die menstruieren“ zu machen. Und nun hat es die Schauspielerin Halle Berry getroffen, die damit liebäugelte, eine Transgender-Person zu spielen – und die auch noch „Frau“ nannte. Da es in diesem Fall um eine fiktive Figur ging, die mit einem weiblichen Körper geboren wurde, sich aber als Mann begreift, wurde der Ausdruck als eine Art Gewaltakt angeprangert – wie bei Rowling.

In den USA ist der Prozess des Ins-Unrecht-Rückens anderer bereits weiter fortgeschritten als hierzulande. Suchte die viel geschmähte politische Korrektheit noch nach verbindlichen Regeln, die von vielen nachvollzogen werden konnten, ist ihre neue, hysterisierte Variante haltlos subjektiv. Wo jemand schreit „Ich armes Opfer“, ist für einige bereits bewiesen, dass ein schlimmes Verbrechen stattgefunden hat. Wo jemand aufheult, er oder sie sei durch etwas – Wort, Aussage, Kunstwerk, historisches Artefakt – tief verletzt, ist einer immer größeren Gruppe klar, dass ein unverantwortlich scharfes Folterinstrument am Werk war, das nun weggeschlossen werden muss.

Der Weg ins Chaos

Konsequent betrieben, führt dieser sofortige Opferschutz ins Chaos: Auch aus Geltungsdrang, Opportunität, Gewinnstreben, Rachsucht oder schlichter Dummheit wird immer an allem jemand Anstoß nehmen. Der Brief der 153 Mahner fordert zu Recht das Aushalten anderer Meinungen. Aber das heißt eben nicht, dass die Mehrheitsgesellschaft sich stumm und gefügig machen lässt von Minderheiten. Minoritäten müssen damit leben, dass nicht alle Normen, Realitäten und Fiktionen an die Mimosenhaftesten unter ihnen angepasst werden.

In Zeiten, in denen allen Ernstes gestritten wird, ob der Begriff Frau verletzend ist, haben Donald Trump und die Ultrakonservativen mit Eingriffen in Umwelt und Landrechte indigener Stämme gezeigt, wie Aggression gegen Minderheiten tatsächlich aussieht. Aber Trump hat gewiss nichts gegen Diskussionen über das Gewaltpotenzial des Wortes Frau oder das Recht einer Schauspielerin, jemand anderen als sich selbst zu spielen. Sie treiben ihm verlässlich Wähler zu.

Weitere Themen