Gegner des VfB Stuttgart Frankfurt wirkt wie entfesselt

Frankfurts Torhüter Kevin Trapp und seine Teamkollegen lassen sich feiern. Foto: dpa
Frankfurts Torhüter Kevin Trapp und seine Teamkollegen lassen sich feiern. Foto: dpa

Der hessische Fußball-Bundesligist strebt an, den Stuttgartern mittelfristig den Rang abzulaufen. Dabei hoffen die Eintracht-Verantwortlichen vor allem auf eine erfolgreiche Präsenz in der Europa League.

Sport: Marko Schumacher (schu)
WhatsApp E-Mail LinkedIn Flipboard Pocket Drucken

Frankfurt - Sie wollen noch nicht gehen und feiern einfach weiter. Noch lange nach dem Abpfiff schwenken die Fans in der Nordwestkurve ihre Fahnen. Und unten auf dem Rasen machen sich die Spieler auf die nächste Ehrenrunde und winken nach dem 3:0-Sieg gegen Girondins Bordeaux ins Publikum. Es ist das Ende eines rauschenden Abends, an dem der Europapokal nach Frankfurt zurückgekommen ist. „Überragend“, ja sogar „bombastisch“ findet der Eintracht-Mittelfeldspieler Sebastian Rode die Stimmung, „das ist noch besser als in der Bundesliga“.

Auch so kann also die Europa League aussehen: völlig euphorisierte Zuschauer und entfesselte Spieler, ein flottes Fußballspiel und ein randvolles Stadion. 44 000 Menschen sind im ersten Gruppenspiel gegen Bordeaux gekommen, in der Qualifikation gegen Qarabag Agdam aus Aserbaidschan war die Arena mit knapp 50 000 sogar ausverkauft. Es ist das größtmögliche Kontrastprogramm zum VfB, der die punktgleiche Eintracht am Sonntag zum Ligaduell empfängt. Kaum jemand interessierte sich in Stuttgart in den vergangenen Jahren für die quälend schwachen Europa-League-Spiele. Gegen Rijeka, als der Club sich zu Beginn dieser Saison frühzeitig verabschiedete, mussten Tickets an die Dauerkarteninhaber verschenkt werden, um ein bisschen Stimmung ins Stadion zu bringen.

Die Rollen sollen neu verteilt werden

„Bei uns ist es ganz anders – in Frankfurt wird die Europa League viel besser angenommen als in Stuttgart“, sagt der Eintracht-Trainer Armin Veh. Er weiß, dass das Stuttgarter Publikum durch mehrere Champions-League-Teilnahmen verwöhnter ist – als Meistertrainer des Jahres 2007 ist er selbst daran beteiligt gewesen. Fast jedes Jahr war der VfB international am Start, während die Eintracht, von einem kurzen Intermezzo 2006 abgesehen, 20 Jahre warten musste, um wieder auf der großen Fußballbühne auftreten zu dürfen.

Nun sollen die Rollen neu verteilt werden – Frankfurt macht sich daran, mit Hilfe der Europapokalteilnahme den VfB zu attackieren. Strukturell habe Stuttgart zwar „noch immer einen Vorsprung, der mit einem Jahr Europa League nicht aufzuholen ist“, sagt Axel Hellmann, der Finanzvorstand der Eintracht. Ein Anfang aber sei gemacht, „und mit jedem Sieg verbessern sich unsere Voraussetzungen“. Nur sehr begrenzt war daher sein Mitgefühl, als die Konkurrenz aus dem Süden die Gruppenphase verpasste: „So leid mir das für die Fünfjahreswertung der Uefa tut – das Ausscheiden der Stuttgarter bietet uns die Chance, Boden gutzumachen.“

Bei den Zuschauerzahlen auf „Sky“, sagt Hellmann, habe sein Club den VfB bereits überholt: „Das sind Werte, die für eine langfristige Markenentwicklung wichtig sind.“ Die Europa-League-Spiele sollen für eine noch höhere Medienpräsenz, die Erlöse für eine entscheidende Verbesserung der sportlichen Qualität sorgen. Mit Bruttoeinnahmen von mindestens acht Millionen Euro rechnet die Eintracht – Geld, das zur Freude des Trainers bereits komplett in die Mannschaft investiert worden ist.

Frankfurts Kader ist breiter geworden

Kurz vor Ende der Transferfrist haben die Hessen den Schweizer Tranquillo Barnetta von Schalke 04 ausgeliehen und für 3,2 Millionen Euro den tschechischen Nationalspieler Vaclav Kadlec verpflichtet. „Er ist ein außergewöhnliches Talent, der ein außergewöhnlicher Spieler werden kann“, sagt Veh über den 21-jährigen Stürmer, der gegen Bordeaux in seinem vierten Pflichtspiel das vierte Tor erzielte.

Der Kader ist breiter geworden – und erlaubt es, die Ausfälle von bislang unersetzbaren Spielern zu kompensieren. Für Pirmin Schwegler (Innenbandriss im Knie) ist die Vorrunde bereits gelaufen, der Torjäger Alex Meier muss wegen muskulärer Probleme in Stuttgart noch zuschauen. „Im Vorjahr“, sagt Veh, „hätten wir es noch nicht geschafft, trotzdem eine ordentliche Elf auf den Platz zu bringen.“

Grenzen hat die Euphorie trotzdem. Als gegen Bordeaux ein Zuschauer den Spielball, der ins Publikum geflogen war, als Souvenir behalten wollte, schritt umgehend der Stadionsprecher ein. Um sofortige Rückgabe des Diebesgutes bat er, denn: „Die Bälle sind genau abgezählt.“




Unsere Empfehlung für Sie