Geheimnisse des Waldes 3 Völlerei in der Wildnis

Von Barbara Czimmer-Gauss 

„Du wirst mehr in den Wäldern finden als in den Büchern“, schrieb Bernhard von Clairvaux. wir haben uns auf die Suche gemacht und stellen Ihnen in einer Serie jeden Montag Besonderheiten aus den Wäldern rund um Stuttgart vor. Heute: Die Fress-Eiche im Schönbuch.

Groß, alt, knorrig: Die Fress-Eiche im Schönbuch Foto: Decksmann
Groß, alt, knorrig: Die Fress-Eiche im Schönbuch Foto: Decksmann

Stuttgart - 156 Quadratkilometer nichts als Buchen, Eichen, Fichten und Kiefern – der Schönbuch ist eines der größten geschlossenen Waldgebiete Süddeutschlands. Wer sich hineinwagt, muss gut im Kartenlesen oder mit einem Empfänger für Satellitendaten ausgerüstet sein, um wieder herauszufinden. Andernfalls droht eine Pilzdiät.

Wer sich auf die Lauer legt, dem könnte das eine oder andere Reh vor die Flinte laufen: 150 bis 200 Tiere tummeln sich im Schönbuch auf einer Fläche von 400 Quadratkilometern. Damit kein Unglück geschieht, seien Wilderer an dieser Stelle ­gewarnt: Noch häufiger als Rotwild und Wildsau brechen im Schönbuch Menschen durchs Unterholz, vier bis fünf Millionen jährlich. Die meisten sind recht schnell unterwegs: Sie joggen, sie fahren Fahrrad, sie schanzen mit dem ­Mountainbike über halsbrecherische Wurzeln.

Tief schliefen ein die Jägersbäuche...

In der Nähe von Herrenberg, wo das Ludwig-Volz-Sträßle die Urschelrainstraße kreuzt, weist eine Holztafel auf zwei Jägersmänner hin, die vor mehr als 100 Jahren hier (Breitengrad 48.59383341267972; Längengrad 8.94107580272248) im Wald gewesen sein sollen. Sie hätten sich damals sicher nicht träumen lassen, dass ihr Wald mal dermaßen bevölkert sein würde.

Auf der Tafel eingebrannt: Beobachtungen einer jungen Eiche. Drei Tage lang hatten die Jäger einem Rehbock nachgestellt und ihn schließlich erlegt. Bei der Eiche entfachten sie ein Lagerfeuer, brieten ihren Fang und verzehrten den Bock. „Tief schliefen ein die Jägersbäuche, gefüllet mit der Wildbret Leiche. Dies und noch mehr ward stadtbekannt. Fress-Eiche werd ich drum genannt“, heißt es weiter. Ans Schlafen, geschweige denn an ein Gelage, denkt heutzutage keiner mehr an dieser Kreuzung. Die Radler brettern auf dem Schotterweg vorbei, die Jogger hecheln mit stierem Blick bergauf Richtung Waldparkplatz, Pilzsucher meiden die Hauptwege. Schade eigentlich, denn wenn man auf dem Bänkchen still verharrt, könnte man einen ausfliegenden Kauz sehen, der die Baumhöhlen der Fress-Eiche zum Mittagsschlaf aufsucht. Welche Waldgeheimnisse kennen Sie? Wir sind gespannt. Schreiben Sie uns per Mail: lokales@stzn.de oder per Post: Zentralredaktion, Postfach 10 44 52, 70 039 Stuttgart, Stichwort: Wald.

Sonderthemen