Geheimnisvolles Stuttgart Der unterirdische Gang
Fast noch erstaunlicher als der geheimnisvolle Gang, ist die Tatsache, wo er sich befindet. Was hat es mit dem Tunnel auf sich?
Fast noch erstaunlicher als der geheimnisvolle Gang, ist die Tatsache, wo er sich befindet. Was hat es mit dem Tunnel auf sich?
Die Holzleiter führt steil hinunter. Etwa zwei Meter tief ins Erdreich. Unten öffnet sich ein breiter Gang, der nach wenigen Schritten im rechten Winkel nach links wegknickt. Es ist kühl hier unten. Der Klang der Stimme hallt zwischen den Wänden hin und her.
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Die Beleuchtung ist so spärlich, dass das Licht kaum bis zur nächsten Stelle reicht, an der der Gang erneut um 90 Grad nach rechts führt. Zickzack. Ein Weg unter der Erde, vollständig aus Beton. Die Decke darüber leicht gewölbt.
Geschätzt reicht der unterirdische Durchgang 50 oder 60 Meter weit, dann wartete hinter einer weiteren Ecke eine zweite steile Leiter, die wieder hinauf ans Tageslicht führt.
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Fast noch erstaunlicher als der geheimnisvolle Gang, ist die Tatsache, wo er sich befindet. Die beiden Eingangsgruben und der – ja, was eigentlich?: Tunnel, Stollen, überdachte Graben liegen inmitten der Jugendfarm Möhringen. Den Kindern der Farm, dient die seltsame Anlage als Abenteuerspielplatz oder einfach als finsteres Versteck.
Dass das nicht schon immer so war, liegt auf der Hand. „Überdachte Splitterschutzgräben sind das“, sagt Karl-Horst Marquart. Genau dort, wo heute die Jugendfarm Möhringen liegt, wo Kinder lachen und sich um Ponys, Esel und andere Tiere kümmern, stand in den Jahren 1944 und ´45 ein Zwangsarbeiterlager. Vor allem Familien aus der Sowjetunion waren hier interniert.
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Ursprünglich gab es vier solcher Schutzstollen gegen Fliegerangriffe. Einige der ursprünglichen Eingänge, schräg überdachte Treppenschächte, sind heute noch auf der Jugendfarm zu erkennen. „Die dahinter liegenden Gänge sind zugeschüttet“, erzählt Marion Kalka, die einst die Jugendfarm mitgegründet hat. Als die Farm 1972 eröffnet wurde, habe man einen der ehemaligen Deckungsschutzgräben erhalten.
„Im Zickzack hat man sie gebaut, damit bei einem Volltreffer, nicht der gesamte Gang verschüttet wurde“, erklärt Marquart, der die Geschichte des Zwangsarbeiterlagers erforscht hat. Eingerichtet vom städtischen Tiefbauamt, waren gegen Ende des Zweiten Weltkriegs 472 Menschen unter widrigsten Bedingungen im sogenannten Lager Haldenwies untergebracht. Nachweislich starben hier in dieser Zeit sieben Zwangsarbeiterkinder, an die heute am Eingang zur Jugendfarm sieben Stolpersteine erinnern.