Geheimnisvolles Stuttgart Die vergessene Militäranlage im Stuttgarter Stadtwald

Die Mauern mitten im Wald wirken deplatziert. Foto: Torsten Schöll

Geheimnisvolles Stuttgart - Völlig deplatziert wirken die Mauern, die da mitten im Stuttgarter Stadtwald stehen. Es ist ruhig und friedlich an diesem Ort. Doch das war nicht immer so.

Das Laub raschelt bei jedem Schritt. Es geht über umgestürzte Bäume und durch dorniges Gestrüpp. Mal oben drüber, mal unten durch. Als beim Auftreten ein brüchiger Ast geräuschvoll die Stille durchbricht, ist das für ein Reh, das sich im Unterholz versteckt, das Signal, das Weite zu suchen. Mit zwei, drei kraftvollen Sätzen quert das kapitale Tier die etwa acht Meter breite Schneise, springt auf einen drei Meter hohen Erdwall und verschwindet auf Nimmerwiedersehen im Dickicht.

 
Wirken, als hätte man vergessen, sie zu entfernen – die Mauern mitten im Wald. Foto Torsten Schöll/Torsten Schöll

Bollwerke versteckt im Wald

Wo gerade noch das Reh stand, ist jetzt eine einzelne hohe Mauer zu erkennen. Bunt besprüht mit Graffitis. Mitten im Wald. Als ob jemand vergessen hätte sie mitzunehmen.

Sprayer haben sie als Fläche für Graffitis genutzt. Foto Torsten Schöll/Torsten Schöll

Wie eine Barriere steht das Bollwerk zwischen zwei parallel verlaufenden Erdwällen, die hier auf fast 600 Meter Länge den Stadtforst durchschneiden. In einigem Abstand hinter der ersten Mauer eine zweite, dahinter ein dritte. Mal mehr, mal weniger verwittert.

Mehrere Mauern stehen im Wald oberhalb des Feuerbacher Tals. Foto Torsten Schöll/Torsten Schöll

Was sich hier, vom Gestrüpp überwuchert, oberhalb des Feuerbacher Tals im Wald findet, ist ein seit langem verlassener Ort. Zum Glück. Die Erdwälle und die geheimnisvollen Mauern sind die Reste einer alten militärischen Anlage.

Schießstand von 1870

Ab etwa 1870 wurde in der sogenannten Mähderklinge bei Feuerbach für das württembergische Militär ein Schießstand eingerichtet. Weil der sich rasch als zu klein erweist, baut man vier Jahre später in unmittelbarer Nähe, am sogenannten Heukopf, eine zweite. Zu einer dritten, die schon geplant ist, kommt es nicht. Ab 1909 wird die bestehende Anlage für das Üben mit Maschinengewehren ausgebaut und bis in den Zweiten Weltkrieg hinein genutzt. Danach ist Schluss mit der Knallerei.

Die Mauern sind Überbleibsel eines Schießstands, der 1870 eingerichtet wurde und noch bis in den Zweiten Weltkrieg genutzt wurde. Foto Torsten Schöll/Torsten Schöll

Der Wald holt sich den Raum zurück

Den Raum zwischen den Erdwällen, durch den die Geschosse flogen, hat sich der Wald seitdem wieder zurückgeholt. Die Mauern, die in der Vergangenheit als Kugelfänge dienten und auf denen Graffiti-Sprayer der Gegenwart ihre Spuren hinterlassen haben, sind inzwischen nichts weiter als Stützen für ein paar windschiefe Bäume.

Sie stehen zwischen zwei parallel verlaufenden Erdwällen Foto Torsten Schöll/Torsten Schöll

Der Ort, der früher von den Feuerbachern nicht nur wegen des Lärms gemieden wurde, ist heute sehr still. Schön wäre es, wenn das so bliebe.

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