Überschwemmung im Raumschiff? Foto: StZN/Torsten Schöll
Tief unter dem alten Neckarwasserwerk Berg in Stuttgart befindet sich noch immer ein altes System riesiger unterirdischer Wasserkammern – ein Gewirr aus kathedralenartigen Säulengängen, Pumpwerken und Reinigungsanlagen.
Torsten Schöll
13.07.2024 - 14:20 Uhr
Wasser, überall Wasser. Mal kniehoch, mal steht es bis fast zur Hüfte. Das langsame Schreiten durch die nachtdunklen Hallen in wasserdichten Wathosen wäre eine schweißtreibende Angelegenheit, wenn das Wasser nicht gleichzeitig so kalt wäre.
Mit jedem Schritt wirbelt Schlick vom Boden auf. Worte, zugerufen, brechen sich hundertfach an den glatten Wänden. Der Weg führt kreuz und quer durch kathedralenartige Säulengänge, hohe Deckenbögen, die sich mal rund, mal schroff kantig über den Köpfen spannen.
Woher das Wasser in den längst stillgelegten unterirdischen Hallen kommt? „Das ist Grundwasser“, sagt Uwe Lohr, Bezirksmeister Wasser bei Netze BW. Noch Wochen zuvor, nach ergiebigen Regenfällen, wäre es der Gruppe bis zum Hals gestanden.
Riesige Sandfilter. Foto: StZN/Torsten Schöll
Mit einigen Mitarbeitern geht es hinunter in die riesigen Wasserbehälter des ehemaligen Neckarwasserwerks Berg. 1882 eröffnet und über die Jahrzehnte nach und nach ausgebaut, hatte es bereits mit der Umstellung auf die Bodenseewasserversorgung 1958 seine Hauptfunktion, die Trinkwasserversorgung Stuttgarts, eingebüßt. Danach hat das Wasserwerk nur noch Betriebswasser für verschiedene Einrichtung wie das benachbarte Gaswerk und das Dampfkraftwerk in Gaisburg geliefert. 1998 wurde das Werk dann endgültig außer Betrieb genommen.
Seitdem wird diese geheimnisvolle Stadt unter der Erde kaum noch von jemandem betreten. Der Lost Place wie aus dem Bilderbuch liegt unberührt und still in der Tiefe. Auch Uwe Lohr war in den ganzen Jahren seiner Betriebszugehörigkeit erst drei Mal hier unten, wie er erzählt.
Alte Leitern. Foto: StZN/Torsten Schöll
An den glitschigen Betonwänden der riesigen Wasserkammern finden sich hier und da noch große, längst verrostete Schieber, mit denen früher das Wasser aus den Behältern abgelassen werden konnte. Bewegen lassen sie sich schon lange nicht mehr.
Gewirr aus Säulen und Hallen. Foto: StZN/Torsten Schöll
Gewaltige Rohrsysteme verbinden das System unterirdischer Hallen, die Namen wie Schnellfilter eins und zwei, Saug- oder Uferstraßenbehälter tragen. Der große Uferstraßenbehälter stammt aus dem 19. Jahrhundert und wurde später teilweise wieder verfüllt, weil die Bundesstraße 10 /14 direkt darüber gebaut wurde.
Das System ist noch auf alten Karten verzeichnet. Foto: StZN/Torsten Schöll
Das ganze System aus Wasserkammern, Pumpwerken und Reinigungsanlagen ist noch auf alten Karten verzeichnet. War das Wasser so weit gesäubert, dass es Trinkwasserqualität hatte, wurde es vom Neckarwasserwerk Berg hinauf zum Hochbehälter am Kanonenweg gepumpt.
Rostige Klappen und Schieber. Foto: StZN/Torsten Schöll
Unten in den Hallen darf sich niemand ohne Gasmessgerät bewegen, das die atembare Luft misst. Wird eine bestimmte Grenze überschritten, ertönt ein Warnsignal, das dann auch tatsächlich durch die unterirdischen Räume schallt, als die Gruppe weit in den Uferstraßenbehälter vorgedrungen ist.
Ein guter Zeitpunkt, um kehrt zu machen und die Dunkelheit hinter sich zu lassen. Kurz darauf sind alle wieder am Tageslicht und die Luken in die Unterwelt wieder verschlossen. Gut möglich, dass diese Hallen unter der Erde lange niemand mehr betreten wird.