Geheimnisvolles Stuttgart Wo Stuttgart wirklich sagenhaft ist
Einen Preis für Stuttgarts schönste Ortsbezeichnung gewinnt das Kotzenloch nicht – kennen sollte man diesen Ort trotzdem.
Einen Preis für Stuttgarts schönste Ortsbezeichnung gewinnt das Kotzenloch nicht – kennen sollte man diesen Ort trotzdem.
Am Horn, dem westlichsten und höchsten Punkt am Feuerbacher Lemberg, bricht der Höhenweg jäh ab. Über 100 Treppenstufen führen hier, an der Gemarkungsgrenze zu Weilimdorf auf 384 Metern Höhe, steil ins Tal. Immer scharf auf der Kante einer gewaltigen Grubenwand entlang, die an dieser Stelle im Bergrücken klafft wie eine krustige Wunde.
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So sagenhaft wie dieser Ort im Naturschutzgebiet Greutterwald sind nicht viele in der Stadt. Der Felsabbruch, den Weinbauern gegraben haben, um den dort gewonnen bröseligen Keupermergel in ihren Weinbergen auszubringen, trägt seit mindestens dem 19. Jahrhundert die Bezeichnung „Kotzenloch“. Und weil dieses dunkle Eck im Wald früheren Generationen wohl nicht ganz geheuer war, dichteten sie ihm gleich noch ein paar ruhelose Gespenster an, die hier nächtens ihr Unwesen treiben sollen.
Was dem Kotzenloch, Stuttgarts vielleicht unappetitlichster Ortsbezeichnung, seinen Namen tatsächlich verliehen hat, ist letztlich unklar, gibt aber immer mal wieder Anlass für phantasiereiche Spekulationen. Sicher ist: Der körperlichen Reaktion, die zuweilen auf übermäßigen Weingenuss erfolgen kann, verdankt der Steinbruch am Lemberg seinen Namen nicht.
Zuletzt vermutete man hinter der Bezeichnung einen Hinweis auf eine ältere Wolfsgrube an dieser Stelle, da Wölfinnen früher auch als „Kotzen“ bezeichnet worden sein sollen. Dagegen könnte sprechen, dass das Kotzenloch wohl noch bis ins frühe 19. Jahrhundert, als es bereits so gut wie keine Wölfe mehr im Land gab, „Fossenloch“ hieß. Möglich wäre auch, wie früher vermutet, dass das Wort vom Schwäbischen „koa’s Ma‘s“ herrührt, also etwas bezeichnet, was niemandem gehört. Dann würde der Name des Steinbruchs auf eine Allmende verweisen, die jedermann zur Nutzung offenstand.
Wie dem auch sei. Eigentlich ist es ohnehin nicht der angebliche Gruselfaktor, der diesen Ort so besonders macht. Wie eine Tafel, die 2018 hier angebracht wurde, belegt, finden sich auf den mageren Sandsteinuntergrund des Felskopfs Pflanzen, die sonst in Stuttgart eher selten anzutreffen sind: Hirschstrang, Hirschwurz, Hügelklee, Erbsenwicke oder Weiden-Alant. Außerdem tummeln sich Zaun-, Waldeidechsen und Schmetterlinge im Umfeld des Steinbruchs.
Neben der Felswand selbst, einem Geotop, das Einblick in rund 220 Millionen Jahre alte Gesteinsformationen gewährt, ein guter Grund hier mal vorbeizuschauen – trotz des reichlich unappetitlichen Namens.