Geheimtipp Stuttgart Die Stadt, die es nie gab

So sollten die „gesunden“ Einfamilienhäuser in der „Waldstadt“ aussehen. Dieses hier hätte 10 000 Mark gekostet. Foto: jse

10.000 Menschen sollten einst in einer Modellstadt im Stuttgarter Schwarzwildpark angesiedelt werden. Ein kühnes Projekt, an das heute nur noch eine Tafel erinnert.

Stadtleben/Stadtkultur: Jan Sellner (jse)

Der Stuttgarter Wald steckt voller Geheimnisse. Eines verbirgt sich hinter eine schlichten Tafel, von der die Farbe blättert. Die Tafel steht an einem Waldweg, der im Stadtbezirk Stuttgart-West entlang der Wildparkstraße führt, und erzählt erfreulich ausführlich von der „Waldstadt im Schwarzwildpark“, die nie gebaut worden ist.

 

Leben in „luftiger staubfreier Waldeshöhe“

Die Geschichte, um die es hier geht, verbindet sich eng mit dem Namen eines berühmten Mannes aus der Region: Paul Lechler, 1849 in Böblingen geboren, 1925 in Stuttgart gestorben. Lechler war ein erfolgreicher Unternehmer (Lesonal-Werke) und bedeutender Sozialreformer, der zehn Prozent seines Unternehmensgewinns kirchlichen und sozialen Organisationen zur Verfügung stellte.

Er kümmerte sich um den Aufbau der Stuttgarter Armenpflege, gründete den Stuttgarter „Knabenchor Hymnus“ und unterstützte eine Kinderschule. Wegweisend war die Gründung des Deutschen Instituts für Ärztliche Mission in Tübingen, der nach ihm benannten späteren Tropenklinik. Auf Lechler geht außerdem die erste private Arbeitsvermittlung in Stuttgart zurück.

Ebenso eine Studie aus dem Jahre 1910 zu eben jener „Wald- oder Gartenstadt“ im Stuttgarter Schwarzwildpark. Die Idee: „10 000 mit ihrem Berufe an Stuttgart gebundene Menschen sollten hier auf luftiger, staubfreier (schon damals ein Thema!) Waldeshöhe in gesunden, billigen Einzelhäuschen mit Landhauscharakter wohnen.“ Der anvisierte Preis pro „Häuschen“: 4000 bis 20 000 Mark. Geplant war jeweils auch ein Garten zur Selbstversorgung.

Eine Straßenbahnlinie zur Solitude

Ausgangspunkt für das Vorhaben war die in England populäre gewordene Vorstellung vom „Leben im Grünen“. Der Brite Ebenezer Howard, so erzählt es die Tafel an der Wildparkstraße, entwarf 1898 das Modell einer „Gartenstadt“ – als Gegenentwurf zu dem verdichteten Leben und teuren Leben in der Großstadt.

Ziel war es, den unteren Bevölkerungsschichten und auch dem Mittelstand eine Perspektive für den Erwerb von Wohneigentum zu eröffnen und dabei städtische und ländliche Vorzüge miteinander zu verbinden. Das Bauland sollte in Erbpacht vergeben werden, um der Spekulation den Boden zu entziehen. In Karlsruhe und Dresden war diese Idee Anfang des Jahrhunderts teilweise umgesetzt worden. Auch in Luginsland wurde eine Gartenstadt begonnen,

Für die von Lechler propagierte Wald- oder Gartenstadt im Schwarzwildpark existierten genaue Vorstellungen – und ein Bebauungsplan des renommierten Stuttgarter Architekturbüros Klatte & Weigle, von dem auch der Entwurf für das Waldhotel in Degerloch stammt.

Der Beschreibung zufolge sollten „um einen gartenähnlich gestalteten zentralen Platz“ herum öffentliche Gebäude und die landhausartigen Häuschen gruppiert werden. Keinen Wert legte man auf Gastwirtschaften und „lärmende Betriebe“. Das Konzept sah auch vor, die Solitude mit einer Straßenbahnlinie zu erschließen. Am Birkenkopf sollte ein „Volkspark“ entstehen.

In der Stadtplanung hat die Idee Spuren hinterlassen

Wäre nicht bald darauf der Erste Weltkrieg ausgebrochen, die Wald- und Gartenstadt im Schwarzwildpark würde heute möglicherweise existieren. So aber wurden nach und nach die Planungen eingestellt – und nicht wieder aufgenommen. 1958 wurde der Schwarzwildpark unter Naturschutz gestellt. Überdauert hat die Idee des Einfamilienhauses, das heute allerdings aus der Zeit gefallen wirkt. In der Stadtplanung hingegen hat die Idee vom Leben im Grünen – oder zumindest mit Grünem – nachhaltige Spuren hinterlassen.

Geblieben ist auch die Tafel im Stuttgarter Wald, die allerdings dringend renovierungsbedürftig ist. Immerhin ermöglicht sie es einem, vor dem geistigen Auge durch Paul Lechlers Waldstadt spazieren zu gehen.

So erreicht man die Waldstadt

Der nächstgelegene Startpunkt für einen Spaziergang zu der Thementafel „Waldstadt“ ist von Stuttgart aus kommend der Parkplatz Forsthaus I bei der Anschlussstelle Botnang der Wildparkstraße bzw. die Bushaltestelle Forsthaus Parkplatz der Buslinie 91. Die Tafel befindet sich entlang des Saufangweges.

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