Einen Hang zur Hektik hat sie nicht. Hyperaktivität ist der Geierschildkröte wesensfremd. Starr liegt sie untergetaucht in einer Ecke ihres Beckens im Esslinger Tierpark Nymphaea und rührt sich keinen Millimeter. „Sie ist sehr scheu“, sagt der für die Öffentlichkeitsarbeit zuständige Christoph Kässer. Und wenn er schon einmal beim Charakterisieren der Schildkröte ist, räumt er auch gleich mit Vorurteilen, Klischees und reißerischen Schlagzeilen auf. Denn die Dämonisierung der Schildkröte in manchen Medien gehe ihm auf die Nerven.
Natürlich habe das Tier eine scharfe Kieferleiste. Natürlich könne es zuschnappen. Und natürlich sei Vorsicht im Umgang mit ihm geboten. Aber die meiste Zeit würde es ruhig im Wasser liegen, und schnappen würde es nur, wenn es sich gestört oder bedroht fühle. Der dicke Panzer würde nur den Oberkörper umschließen, doch der untere Teil des Tieres mit den Extremitäten sei weich und ungeschützt. Diese Hilflosigkeit und Anfälligkeit kompensiere es mit einer stärkeren Beißkraft. Es sei aber kein einziger Fall bekannt, dass eine Geierschildkröte einen Menschen zu Tode gebracht habe. Es würden viel mehr Menschen etwa durch Reitunfälle oder durch Hundeangriffe ums Leben kommen: „Die Geierschildkröte ist doch kein Monster.“
Das Rätsel um die Herkunft
Kein Monster. Und auch keine Bewegungsfanatikerin. Das Weibchen, um das es sich aller Wahrscheinlichkeit nach bei dem Nymphaea-Tier handelt, regt sich kaum. Es hat eine Panzerlänge von etwa 45 Zentimetern. Das Gewicht schätzt Christoph Kässer auf 40 bis 45 Kilo. Ein Spaziergänger hatte das Reptil bei Weilheim/Teck entdeckt, und die Tierrettung Mittlerer Neckar hatte es in den Tierpark gebracht.
Über seine Herkunft kann Christoph Kässer nur spekulieren. Seit 1999, so berichtet er, seien Haltung, Nachzucht und das In-den-Verkehr-Bringen gesetzlich verboten. Privatleute, die vor dem Verbot eine Geierschildkröte gehalten hatten, hätten sie aber mit einer behördlichen Genehmigung unter bestimmten Auflagen behalten dürfen. Da das bisher festgestellte Höchstalter eines solchen Reptils 58 Jahre betrage, könne das nun im Tierpark Nymphaea aufgenommene Tier aus einer solchen Haltung stammen. Vielleicht sei der Besitzer krank geworden oder verstorben und die Nachkommen hätten nicht gewusst, wohin mit der Schildkröte, und hätten sie daher ausgesetzt. Doch das seien nur Vermutungen.
Unmöglich ist es nach Ansicht von Christoph Kässer aber, dass die Geierschildkröte, wie in manchen Social-Media-Kanälen verlautet, seit mehreren Jahren in einem Teich nahe des Fundorts gelebt habe. Diese Art von Schildkröten sei am Mississippi und seinen Nebenflüssen heimisch und bräuchte warme Temperaturen. Zwar seien die Tiere sehr widerstandsfähig, aber mehrere kalte Winter hintereinander könnten sie nicht überleben.
Noch kein Besuchermagnet
Das Rätseln um ihre Herkunft lässt die Geierschildkröte völlig kalt. Unbeweglich, unerschüttert und unbeirrt verharrt sie in der Ecke in ihrem Becken im rückwärtigen Nymphaea-Bereich. Besucher bekommen sie nicht zu Gesicht, denn sie ist noch nicht Teil des Tierpark-Bestandes. „Sie ist zunächst nur vorläufig bei uns untergebracht“, so Christoph Kässer. Es würde zwei Stellen geben, die die Geierschildkröte aufnehmen würden und auch aufnehmen dürften – eine Reptilienauffangstation und ein Privatmann mit behördlicher Genehmigung zur Haltung dieser Tierart. Doch das Nymphaea-Team ist noch am Überlegen, ob es das Panzertier nicht behalten und dann auch den Besuchern zeigen wolle.
Dieses Vorhaben aber, so Christoph Kässer, sei nicht so leicht umsetzbar. Nun, im Sommer, sei das Reptil einfach zu halten. Ein Wasserbecken mit einer bestimmten Wassertemperatur würde genügen. Doch für den Winter müsse wegen der Kälteempfindlichkeit eine andere Lösung gefunden werden. Es sei also zu klären, ob ein Extra-Gehege mit einem Winterquartier im Tierpark errichtet werden könne. Zusammen mit den Schnappschildkröten im Eingangsbereich könne die Geierschildkröte nicht gehalten werden. Diese Tiere würden ursprünglich auch aus Kanada kommen und seien unempfindlich gegen niedrige Temperaturen. Die Open-Air-Haltung sei das ganze Jahr möglich – im Gegensatz zur Geierschildkröte. Zudem könnte es bei einer Zusammenlegung der beiden Arten zu Rivalitäten kommen.
Kein Streit im Single-Gehege
Die gibt es derzeit nicht. Denn die Geierschildkröte hat niemanden, mit dem sie sich in ihrem Single-Gehege zoffen könnte. Einmal in der Woche wird sie laut Christoph Kässer mit Fisch gefüttert. Diese Art verlasse das Wasser meist nur zur Suche nach Nahrung, einem Geschlechtspartner oder einer anderen Temperaturquelle. Wenn es irgendwo zu kalt oder warm werde, würde sie den Platz wechseln. Die Nymphaea-Geierschildkröte braucht diesen Temperaturwechsel gerade nicht. Mit unerschütterlichem Gesichtsausdruck harrt sie in ihrem Becken regungslos unter Wasser aus.
Das Inselfest auf der Neckarinsel und der Tierpark Nymphaea
Inselfest
Zusammen mit den drei anderen dort ansässigen Vereinen feiert der Nymphaea-Trägerverein, der Aquarien- und Terrarienverein, am Sonntag, 16. Juni, von 10 bis 18 Uhr das Inselfest auf der Esslinger Neckarinsel. Der Ruderverein Esslingen, der Tierschutzverein Esslingen und Umgebung, der Motor-Yacht-Club Esslingen sowie das Nymphaea-Team bieten ein buntes Programm mit Kulinarischem, Flohmarkt, Hüpfburg, Floßfahrten, Glücksrad oder Rudern. Bei einem Gewinnspiel können viele Preise gewonnen werden. Die Veranstaltung findet bei jedem Wetter statt. Ein Einfahren in den Nymphaeaweg ist am Veranstaltungstag nicht möglich, daher sollten die Parkmöglichkeiten um die Insel herum etwa bei Möbel Rieger genutzt werden.
Neulinge
Nymphaea hat eine neue Tierart. Der Diamant- oder Amherst-Fasan ist eigentlich ein schmuckes Kerlchen mit einem farbenfrohen Gefieder. Doch derzeit befindet er sich in der Mauser. Dennoch kann ein Teil der ursprünglichen Farbenpracht noch erahnt werden. Er ist seit kurzer Zeit mit seinen Hennen der Nachbar des Goldfasans. Große Fortschritte macht auch das größte Bauvorhaben in der Geschichte des Tierparks – die Errichtung des neuen Aufzuchthauses. Bis zum Sommer nächstes Jahres wird das Gebäude voraussichtlich fertig gestellt sein. Dann sollen hier Reptilien, Insekten und Kleinsäuger einziehen.
Mehr unter: https://www.tierpark-nymphaea.de/