Der Bauhistoriker Markus Numberger hat auch die nachträglich eingebaute Brücke über den Geiselbachkanal unter die Lupe genommen und herausgefunden: Sie stammt von 1692, ist somit 100 Jahre älter als bisher angenommen. Foto: Ines Rudel
Der schon im Mittelalter eingedolte Bach unter dem heutigen Marktplatz ist die unsichtbare Lebensader der Stadtentwicklung. Der Bauhistoriker Markus Numberger hat das Gewölbe genau untersucht – und neue Erkenntnisse zutage gefördert.
Martin Mezger
02.08.2024 - 17:56 Uhr
Nicht der üppig strömende Neckar, sondern ein bescheidenes Rinnsal dürfte im Mittelalter die Lebensader eines aufstrebenden Wallfahrtsorts namens Esslingen gewesen sein: der Geiselbach, der freilich schon sehr wenige Kilometer nach seinem Ursprung im Gewann Geckelerbrunnen bei Krummenacker in den größeren Fluss mündet. Aber der Kurzstreckenläufer unter den Fließgewässern sprintet durch die dynamischsten Entwicklungsräume der nachmaligen Reichsstadt, namentlich den entstehenden Marktplatz mit dem 1232 erstmals erwähnten, um 1817 abgerissenen Katharinenspital, einer Einrichtung der Armenfürsorge und eine Art frühes Altersheim.
Zuständig für den urbanen Stoffwechsel
Als die Gotik in den angrenzenden Sakralbauten ihre Blüte schon hinter sich hatte, war der Bach verschwunden. Natürlich war und ist er immer noch da, aber kanalisiert, eingedolt, unsichtbar. Nach innen verlegt, wie die Blut- und anderen Bahnen des Körpers; Aorta, Vene und Enddarm des Stadtorganismus, zuständig für den urbanen Stoffwechsel inklusive Ausscheidung, Träger der Wasserver- und Abwasserentsorgung. Letzteres bis heute. Und so lässt sich am Geiselbach – wie an den Gefäßen eines lebendigen Leibs – einiges ablesen zur Anamnese der Stadt, ihrer Lebens- und auch Krankengeschichte, Aufbau und Zerstörung etwa durch Brände oder Überschwemmungen, Abnützung oder Eingriffe in Bausubstanz und Gebäudestruktur.
Wie der Geiselbach im Laufe der Zeit im Untergrund verschwand Foto: Markus Numberg/Yann Lange
Der Esslinger Bauforscher Markus Numberger hat das mittelalterliche Geiselbachgewölbe unter dem Marktplatz im Auftrag des städtischen Tiefbauamts zur Vorbereitung der Ende des Jahres beginnenden Sanierung unter die Lupe genommen. Die Maßnahme setzt die aufwendige Reparatur des aus dem frühen 20. Jahrhundert stammenden Kanals unter der Geiselbachstraße fort und gilt einem in jeder Hinsicht außergewöhnlichen Baudenkmal. Am Ende, vor dem ursprünglichen Ausfluss in den Rossneckar, führt der unterirdische Wasserlauf sogar durch ein spätmittelalterliches Stadttor, das von der baulichen Entwicklung in den Untergrund verbannt wurde.
Ausgehend von Forschungen Karlheinz Eckardts vom Anfang der 1990er-Jahre hat Numberger eine aktuelle, mit modernen Vermessungsmethoden erstellte Kartierung des Gewölbeverlaufs überlagert mit dem einzigen erhaltenen, 1810 von Johann Gottlieb Mayer gezeichneten Grundriss des Katharinenspitals. Die Forschungsergebnisse hat der Bauhistoriker unlängst in der Zeitschrift „Denkmalpflege in Baden-Württemberg“ des Landesdenkmalamts veröffentlicht.
Spuren stadtgeschichtlicher Dramatik
Dabei zeigt sich, dass unscheinbare, isoliert betrachtet wenig aussagekräftige Spuren von stadtgeschichtlicher Dramatik zeugen können, wenn man sie in den räumlichen und zeitlichen Kontext einordnet. Beispiel: Im Kanalabschnitt unterhalb des ehemaligen Katharinenspitals sind zahlreiche Steinquader in der Wand aufgeplatzt oder anderweitig beschädigt. Experten erkennen darin Brandschäden, aber wo ist das brennbare Material? Im Mauerwerk, erklärt Numberger, sind Reste von Balkenauflagen zu erkennen, offenbar ersetzte hier also eine Holzbalkendecke das steinerne Gewölbe. Den Grund dafür liefert der Grundriss, der erkennen lässt, dass sich an dieser Stelle die Küferei des Spitals befand. Die Holzkonstruktion bot wahrscheinlich einen direkten Zugang zum Wasser des Geiselbachs, das für die Herstellung der Fässer benötigt wurde. Wann das Ganze in Flammen aufging, steht in den Annalen: Für das Jahr 1484, so Numberger, ist ein Großbrand im Katharinenspital verzeichnet.
Entsorgungsschacht für Küchenabfälle
Zwei quadratische Öffnungen im Gewölbe sind die Ausgänge von Schächten, die in die Küche beziehungsweise den Innenhof des Spitals führen. Sie dienten also der Entsorgung von Küchenabfällen und des Bodenwassers vom Hof. An einer anderen Stelle könnte die Struktur des Mauerwerks auf eine frühere Rampe hinab zum Bach hinweisen – „vielleicht war es eine Viehtränke“, vermutet Numberger. Überhaupt ist die Verfugung der Wände stets aufschlussreich. Normalerweise wurden die Steinquader aus Gründen der Stabilität gegeneinander versetzt. Senkrechte Fugen stellen daher eine Besonderheit dar: Sie sind die letzten Zeugen verschwundener Gebäude. „Wo sie verlaufen, war früher eine Mauerkante“, erläutert Numberger. Die Gunst der Fuge erlaubt also eine teilweise Rekonstruktion der ursprünglichen Bebauung des Marktplatzareals.
Aber auch ein der natürlichen Topographie widersprechender Schwenk des Kanals nach Westen hat Aussagekraft: Bei der Westerweiterung der Stadtkirche um 1313 wurde die Wasserader verlegt. Von der Fugenstruktur wiederum wird im nördlichen Kanaltrakt eine baugeschichtliche Zäsur angezeigt: Südlich einer Vertikalfuge haben die Sandsteinquader Zangenlöcher, nördlich nicht. Numberger erläutert, was das bedeutet: „Zwischen 1220 und 1230 änderte sich die Bautechnik. Die Quader wurden nun mit Zangen bewegt, was schneller und einfacher war. Deshalb haben sie die sichtbaren Löcher. Vorher wurden Keile in dreieckige Öffnungen – sogenannte Wolfslöcher – auf der Oberseite der Steine getrieben. Folglich sind diese Löcher im Mauerwerk nicht sichtbar. Nördlich der Baunaht befindet sich daher der älteste Teil des Kanals. Seine Wand gehört zu einem heute nicht mehr erhaltenen Steinhaus, das um 1200 gebaut worden sein dürfte. Also vor dem Katharinenspital.“ Nur der Keller jenes Hauses schlummert noch drei Meter unter der Marktplatz-Oberfläche. In den 1980er-Jahren wurde er wiederentdeckt, jetzt exakt vermessen. Schon länger bekannt ist die nachträglich eingebaute Brücke, die einen Verbindungsgang der Kellersysteme über den unterirdischen Bach führt. Bisher galt sie als Bauwerk des späten 18. Jahrhunderts. Numberger gelang vor kurzem – noch nach seiner Publikation im Denkmalschutz-Magazin – der Nachweis, dass sie hundert Jahre älter ist. Die von ihm entzifferte Originalinschrift datiert sie auf 1692.
Welche Überraschungen sonst noch in der Esslinger Unterwelt lauern – vielleicht will man’s gar nicht so genau wissen. Nicht nur in den historischen Zentren italienischer Städte ist die Möglichkeit archäologischer Funde der Alptraum der Planer. Auch in Esslingen steht eine Marktplatz-Neugestaltung an. Die zur Erkundung des Untergrunds durchgeführten Sondagen reichten gerade mal anderthalb Meter tief. Gefunden wurde: nichts. Für Numberger keine Überraschung. Er verweist auf den Keller in drei Metern Tiefe. Man hat zu flach gebohrt. Allerdings gibt der Bauforscher Archäologie-Entwarnung: „Neue Gebäude mit tiefer Baugrube stehen auf dem Marktplatz eh nicht zur Debatte.“
Höher, größer, schneller – in unserer Serie „Rekordverdächtig“ stellen wir Orte in der Region Stuttgart vor, die auf besondere Weise herausragend sind.
Den Unsichtbaren sichtbar machen?
Führungen Der Bauforscher und Bauhistoriker Markus Numberger plädiert dafür, im Geiselbachgewölbe wieder Führungen anzubieten, wie es sie vor 25 Jahren schon gab. Er sagt dies auch im Hinblick auf die Akzeptanz der kommenden Sanierung. Bei jener des oberen Geiselbachkanals vor zwei Jahren mit der langen Sperrung der Straße wurde in der Bevölkerung vielfach die Frage aufgeworfen, ob solcher Aufwand sich lohne für ein Baudenkmal, das man gar nicht sehen könne. Numberger weiß aber auch um die Probleme, die mit Führungen im Geiselbachkanal unter dem Marktplatz verbunden sind.
Hindernisse Diese Probleme sieht man beim Tiefbauamt zum einen in der Hygiene, denn im Gewölbe fließt nach wie vor der offene Abwasserkanal. Zum anderen sind die Zugänge unter Sicherheitsaspekten schwierig. Führungen würden also einen großen Sicherungs- und Personalaufwand und damit hohe Kosten erfordern. Zudem sei der Kanal bei Regen nicht zugänglich, die Planbarkeit von Führungsterminen daher stark eingeschränkt. Derzeit sind folglich keine Führungen geplant.